Das autonome Fahrzeug wird flexibel und individuell


Im Gespräch mit Dr. Detlef Juerss, Vice President Engineering & Chief Technical Officer bei Adient.

Fahrzeughersteller und Automobilzulieferer sind sich einig: das autonome Fahren wird unsere Fortbewegung grundlegend verändern. Eine ganze Industrie erfindet sich und ihre Produkte neu. Im Interview erläutert Dr. Detlef Juerss, Vice President Engineering und Chief Technical Officer bei Adient, mit welchen Schritten der weltweit führende Anbieter von Automobilsitzen in das autonome Zeitalter aufbricht.

Herr Juerss, wie wird das autonom fahrende Auto das Fahrzeuginterieur im Vergleich zum konventionellen Fahrzeug verändern?

Dr. Detlef Juerss: Fahrzeuginnenräume werden in Zukunft einen noch höheren Stellenwert bei Fahrer und Passagieren einnehmen als bislang. Denn mit zunehmender Automatisierung des Fahrens bleibt den Insassen deutlich mehr Freiraum, sich mit anderen Aktivitäten des Alltags zu beschäftigen – sei es mit Entspannung und Freizeit, Unterhaltung oder Arbeit. Diese neuen Nutzungsgewohnheiten beeinflussen die Gestaltung der Innenräume autonomer Fahrzeuge grundlegend. Dabei rückt besonders das Sitzsystem in den Fokus, da es maßgeblich dazu beitragen wird, alternative Aktivitäten im Fahrzeug zu ermöglichen. So werden wir neue Aufteilungen und veränderte Sitzsysteme sehen, die sich dynamisch an die jeweilige Nutzungssituation der Insassen anpassen. Gleichzeitig werden Fahrzeuginterieurs autonom fahrender Autos neue Funktionen und Ausstattungsmerkmale anbieten, die Aktivitäten über das Steuern hinaus bequemer, angenehmer und sicherer machen.

Adient Seating

Auf welche neuen Funktionen können wir uns denn freuen? Wie wird das Sitzsystem der Zukunft aussehen?

Dr. Detlef Juerss: Mit der AI18 Innovations-Studie haben wir erst kürzlich auf der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt am Main ein neues Konzept für autonome Fahrzeuge vorgestellt. Es zeigt unsere Vision von einer Mobilität der Zukunft und wie sich die neuen Anforderungen der Automobilkunden im Jahr 2025 und darüber hinaus umsetzen lassen. Das Sitzkonzept ist ausgerichtet auf urbane, elektrisch ange-triebene und autonom fahrende Stadtfahrzeuge. Trotz der kompakten Maße passt es sich flexibel an die Anforderungen verschiedener Nutzer an und ist damit insbesondere auch auf sich verändernde Mobilitätskonzepte und Fahrzeugnutzungen wie das Carsharing ausgerichtet.
Fünf wesentliche Nutzungsszenarien stellen den Fahrzeuginsassen je nach Situation passende Sitzkonstellationen, Platzverhältnisse und funktionale Ausstattungen für eine effiziente, komfortable und sichere Fortbewegung bereit.
Dafür enthalten die vorderen Sitze beispielsweise ein neuartiges Drehgelenk, mit dem sich die Sitze weit zurücklehnen lassen und noch jenseits des traditionellen Bereichs Unterstützung bieten. Komponenten wie die Kopfstützen, integrierte und anpassbare Armlehnen und eine gesonderte Beinauflage sind synchronisiert, um sich mit dem Körper zu bewegen. Zudem kann der Beifahrersitz um 180 Grad gedreht werden, da-mit sich Fahrer und Beifahrer kommunikativ gegenübersitzen. Steuern lassen sich die Sitzfunktionen und weitere Fahrzeugeinstellungen über ein im Fahrersitz integriertes „smartes“ Bedienpanel. Damit wird der Sitz im automatisierten Fahrzeug zunehmend zur „Kommandozentrale“ – unabhängig von der Sitzposition der Passagiere.

Adient Sitzsysteme

Das klingt, als würden sich die Fahrzeugsitze zu echten High-Tech-Elementen im Fahrzeug entwickeln…

Dr. Detlef Juerss: Genau das ist der Weg, den unsere Sitzlösungen gehen. Schon heute sehen wir komplexe Einstellungsmöglichkeiten, Klimaregulierung, Massage- und Komfortfunktionen in den Sitzen. Mit zunehmender Automatisierung der Fahrzeuge werden weitere tech-nische Ausstattungen hinzukommen. Die Sitze des AI18 Konzepts enthalten beispiels-weise einige innovative „smarte“ Ansätze und reagieren dank integrierter Sensoren intelligent auf ihre Passagiere. Dafür ermitteln sie sowohl Körperhaltung als auch Druckpunkte, um das Sitzgefühl der Passagiere in jeder Situation zu verbessern. Das integrierte Gesundheits-Monitoring mit Messung der Atem- und Pulsfrequenz gibt dem System darüber hinaus nützliche Rückmeldungen. So lässt sich das Wohlbefinden der Passagiere aktiv steigern, während sie im Fahrzeug sitzen.
Da unser Alltag zunehmend hektischer wird und uns nur wenige Möglichkeiten zur Entspannung bietet, werden sich in den wachsenden Carsharing-Angeboten Komfort-funktionen wie eine Rückenmassage oder beheizte beziehungsweise gekühlte Sitzoberflächen künftig ‚on demand‘ hinzuschalten lassen. Mit unseren Innovationen möchten wir den Passagieren ermöglichen, jeden Moment während der Fahrt so effi-zient wie möglich zu nutzen, damit sie das Beste aus einem stressigen Tag machen können.

Welche weiteren Trends beeinflussen die Entwicklung Ihrer Sitzkonzepte besonders?

Dr. Detlef Juerss: Bei Autokäufern steigt der Wunsch nach personalisierten Gestaltungs- und Verarbei-tungsalternativen. Gleichzeitig wächst auch die Nachfrage nach Komfortlösungen in allen Fahrzeugsegmenten. Für die Automobilhersteller entsteht dadurch die besondere Möglichkeit, sich mit Designs und Innenraummaterialien vom Wettbewerb zu differenzieren. Adient bietet den Fahrzeugherstellern eine große Bandbreite an originellen Designideen bis hin zu hochwertigsten Komforttechnologien und ermöglicht ihnen individuelle Differenzierungsmerkmale für ihre Fahrzeugmodelle. Dazu zählen abnehmbare Sitzbezüge, UV-beleuchtete Innenraumkomponenten und adaptive Komplettsitze.
Daneben bleibt der Weg hin zu leichteren und nachhaltigeren Lösungen für Fahrzeuge einer der wichtigsten Treiber in der Entwicklung von Fahrzeuginterieurs. Durch den Einsatz zahlreicher neuer Technologien ist es Adient in den vergangenen zehn Jahren gelungen, das Gewicht seiner Fahrzeugsitze insgesamt um 20 bis 30 Prozent zu ver-ringern. Bis 2020 haben wir uns darüber hinaus zum Ziel gesetzt, das Gewicht für Standardstrukturen von Sitzsystemen auf unter zehn Kilogramm zu verringern. Kern der Gewichtsreduzierungen ist ein Multi-Material-Ansatz. Er sorgt dafür, dass der Anteil an Leichtbaumaterialien wie etwa glasfaserverstärkten Kunststoffen, Karbon, Mag-nesium oder Aluminium in den fertigen Sitzen weiter zunimmt. Ein Beispiel: Glasfaser-verstärkte Kunststoffe ermöglichen in unserer neuen Rückenlehne für Vordersitze eine signifikante Gewichtsreduzierung gegenüber anderen Varianten, die traditionelle Mate-rialien wie Stahl enthalten. Und mit einem schlanken, komplett modularen Design lässt sich diese Rückenlehne für jede Sitzplattform verwenden und ermöglicht gleichzeitig ein größeres Platzangebot für die Fahrzeuginsassen.

Adient 3D Car Animation

Verändert sich auf dem Weg zum autonomen Fahren die Rolle der Automobilzulieferer?

Dr. Detlef Juerss: Automobilzulieferer entwickeln sich zunehmend weg von reinen Produktlieferanten hin zu kompetenten Entwicklungspartnern der Automobilhersteller. Wer heute als Zulieferer erfolgreich sein will, benötigt insbesondere im Interieur-Bereich neben einem starken technischen Know-how auch ein tiefes Verständnis für die gesellschaftlichen Megatrends und das künftige Verhalten der Konsumenten. Mit unseren innovativen Produkten, global aufgestellten Entwicklungskompetenzen und unserer Integrationstiefe können wir die sich wandelnde Automobilindustrie optimal unterstützen. So lassen sich Fahrzeuge auf den Markt bringen, die passgenau auf die Ansprüche der jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten sind und sich aus Sicht der Verbraucher vom Wettbewerb abheben.

Über den Autor:

Detlef Juerss, Adient

Dr. Detlef Juerss, geboren 1966, ist Vice President Engineering & Chief Technical Officer bei Adient Ltd. & Co. KG. Er ist bereits seit 1995 für Adient, ehemals Johnson Controls, tätig. Dr. Juerss promovierte an der Technischen Universität Aachen (RWTH) zum Dr. Ing., Maschinenbau. Sein Diplom zum Dipl. Ing. erwarb er 1990 ebenfalls an der Technischen Universität Aachen (RWTH). Vor seinem Eintritt bei Adient arbeitete er als Forschungsingenieur am Institut für Kunststoffverarbeitung (IKV) in Aachen.

Seine Laufbahn bei Adient bzw. Johnson Controls umfasst folgende Funktionen in Europa sowie Nordamerika:

  • Plant-, Launch-, Customer Program-, General Management
  • Engineering Vice President
  • Vice President Product Development SLS Innov. Metals
  • Vice President & General Manager VW Customer Business Group
  • Group Vice President and General Manager Customer Group European OEMs
  • Group Vice President and General Manager Product Group Seating Components & Technology

Detlef Juerss wurde in Hamburg geboren und lebt derzeit in Burscheid. Zuvor zogen ihn seine Stationen nach Aachen, Stuttgart, London, Brüssel, Michigan und Alabama in den USA.