Lässt sich digitaler Wandel überhaupt planen? – Beitrag von Roland Riedel, SVP Zentraleuropa bei PTC

Die Ausgangsfrage, welche Technologie welchen Geschäftsprozess zu welchen Investitionskosten und mit welchem Return on Investment unterstützt, basiert auf der Annahme, dass die Innovation linear stattfinden wird. Im Glauben an die “stetige Verbesserung” planen wir die Zukunft, samt Technologie- und Innovationskalender. Gerade disruptive Veränderungen, und dem entspricht der digitale Wandel zu hundert Prozent, lassen sich aus meiner Erfahrung als langjähriger Begleiter von Industrieunternehmen nicht vollständig planen.

Beitrag von Roland Riedel, SVP Zentraleuropa bei PTC

Die Planungswut der Deutschen ist ja bekanntlich kaum zu bremsen. Seit Beginn der Digitalisierungswelle stürzen sich fleißige Projektmanager und Abteilungsleiter auf dieses Arbeitspaket, zerteilen es in Teilprojekte, Zuständigkeiten und Fahrpläne. Angesichts der ersten Hürden und außerplanmäßigen Vorfälle wird dann zunächst mit eisernem Willen weitergekämpft, die Fahrpläne nochmals angepasst und mit dem Lineal gerade gezogen, denn es muss doch klappen, es hat doch bisher alles geklappt, solange man sich nur eifrig dahinterklemmt. Nicht wenige Digitalisierungsverantwortliche berichten ihrer Geschäftsführung trotz Fleiß und Ehrgeiz am Ende trotzdem ein eindeutiges Ergebnis: Wir haben das eigentliche Problem nicht behoben.

Insbesondere im Bereich der Industrie 4.0, eine der komplexesten Anwendungen und sozusagen Königsdisziplin der digitalen Transformation, gibt es bereits zahlreiche Pilotprojekte. Laut einer aktuellen Studie von Bitkom Research und EY setzen bereits 47% der fertigenden Unternehmen in Deutschland Industrie 4.0-Lösungen ein (in der Schweiz sind es 36%). Das Potential für die strategische Transformation, nämlich der Geschäftsausweitung oder Entwicklung komplett neuer Geschäftsmodelle, wird jedoch (in Deutschland) am niedrigsten eingeschätzt.

Was, wenn uns gerade hier die stringente Planung zum Hindernis wird?

Wieso wir uns von der Vorstellung einer linearen Transformation verabschieden sollten

Die Ausgangsfrage, welche Technologie welchen Geschäftsprozess zu welchen Investitionskosten und mit welchem Return on Investment unterstützt, basiert auf der Annahme, dass die Innovation linear stattfinden wird. Im Glauben an die “stetige Verbesserung” planen wir die Zukunft, samt Technologie- und Innovationskalender. Gerade disruptive Veränderungen, und dem entspricht der digitale Wandel zu hundert Prozent, lassen sich aus meiner Erfahrung als langjähriger Begleiter von Industrieunternehmen nicht vollständig planen.

Zu Beginn der Lernkurve, zum Beispiel im Rahmen eines Pilotprojektes mit klar abgegrenzten Parametern und bekannten Prozessen, funktioniert es noch ganz gut. Der Einsatz von Industrie 4.0-Lösungen für schlanke Fertigungsprozesse, also zur Effizienzsteigerung und Ressourcenoptimierung, wird geplant und umgesetzt. Schwieriger wird es dann, wenn neuartige Geschäftsmodelle im Markt die Wertschöpfung neu definieren und die Rollen von Lieferant und Anbieter neu verteilt werden.

Die wahre Disruption schlummert im Verborgenen

Jede Geschäftsmodellerweiterung, die auf bekannten Variablen basiert, birgt in disruptiven Zeiten ein gewisses Risiko. Hätten die ursprünglichen IT-Outsourcing-Anbieter damit gerechnet, dass ein Online-Buchladen zur größten Cloud-Infrastruktur der Welt und damit zum harten Konkurrenten wird? Hätten die Personenbeförderungsunternehmen damit gerechnet, dass ihre neuen Wettbewerber weder eigene Autos, Fahrer noch Versicherungen brauchen? Eine solche Liste ließe sich bis zu Beginn der industriellen Revolution fortsetzen.

Die große Komplexität unserer Zeit liegt darin, dass sich die Parameter im Geschäftsumfeld der Unternehmen extrem schnell, auf mehreren Ebenen gleichzeitig und eben nichtlinear verändern. Chancen und Risiken können so schnell außer Sicht geraten, falsch interpretiert oder unterschätzt werden. Somit besteht der Druck zur stetigen Effizienzsteigerung natürlich trotzdem, doch die Optimierung muss nebenbei geschehen. Denn sie alleine wird die Zukunft des einzelnen Unternehmens nicht sichern können.

Wie Sie den disruptiven Prozess trotzdem erfolgreich managen

Aus meiner Sicht liegt die Führungsverantwortung der deutschen Industrieunternehmen in der Gestaltung von informierten, reaktionsschnellen und agilen Organisationen. Es gilt, gut ausgestattet zu sein und gleichzeitig flexibel genug zu bleiben, um mit den unerwarteten und schwer einschätzbaren Veränderungen umgehen zu können. Das ist sowohl eine kulturelle als auch eine strukturelle und letzten Endes auch technologische Herausforderung: Chancen wahrzunehmen statt lediglich an der Vermeidung von Risiken zu arbeiten, sich auf stetigen Wandel statt stetige Verbesserung einzustellen. Reaktionsfreudigkeit schlägt Plan. Kreativität wiegt mehr als Perfektion.

Ich freue mich schon darauf, eine ausführlichere Betrachtung der typischen Innovationstücken in meiner Keynote auf dem Handelsblatt Industriegipfel teilen zu dürfen. Wenn Sie sich für weitere strategische und technologische Impulse zur Industrie 4.0 interessieren, besuchen Sie uns gerne auf ptc.com/de.

Roland RiedelRoland Riedel
SVP Zentraleuropa bei PTC