Was wäre wenn …?


Dr. Christoph Bug

Disease Interception und die Herausforderungen für Patienten, Ärzte und das gesamte deutsche Gesundheitssystem Die pharmazeutische Industrie ist wissensbasiert. Grundlage ihres Geschäftsmodells sind Daten. Nur wenn forschende pharmazeutische Unternehmen in Studien die Sicherheit und Wirksamkeit innovativer Therapien nachweisen können, werden sie durch Behörden zugelassen. Was immer die Branche tut oder sagt, muss sie durch Fakten belegen können. Und das ist gut so.

Dennoch: Angesichts eines tiefgreifenden Wandels der Wissenschaft im Allgemeinen und der Medizin im Besonderen, tut auch die wissensbasierte Pharmabranche gut daran, ein wenig in die Zukunft hinein zu spekulieren. Denn bereits heute klar: Das bessere Verständnis biologischer Prozesse und mehr Wissen um spezifische Arzneimittelwirkungen einschließlich die Entwicklung neuer digitaler Technologien deuten darauf hin, dass sich individuelle Veränderungen im menschlichen Körper früher als bisher nachweisen lassen könnten; bevor sich eine Erkrankung in klinischen Symptomen manifestiert. Und es ist zu erwarten, dass sich auch der Zeitpunkt der Intervention nach vorn verlagern wird; vor die Krankheit, um so deren Ausbruch zu verhindern.

Dieser Ansatz nennt sich „Disease Interception“. Das Konzept sieht zunächst vor, Betroffene, die ein besonders hohes Risiko in sich tragen klinische Symptome zu entwickeln, mithilfe von innovativen und validierten (genetischen) Biomarkern frühzeitig zu identifizieren. Im Anschluss können zielgerichtete Therapien den ursächlichen Mechanismus der Erkrankung verzögern, stoppen oder umkehren. Nicht nur in pharmazeutischen Unternehmen, auch in der akademischen Forschung, in großen Internetkonzernen und kleinen Start-ups wird an solchen Lösungen gearbeitet.

Mögliche Chancen für eine Disease Interception lassen sich beispielhaft an zwei Indikationen zeigen: in der Neurologie am Morbus Alzheimer, in der Onkologie am Multiplen Myelom.

Die Diagnose Alzheimer wird in der breiten Versorgungsrealität, trotz gut evaluierter Biomarker, häufig nur klinisch gestellt. Gleichzeitig wird sich die Zahl der Alzheimer-Fälle bis 2050 weltweit verdreifachen. Vor diesem Hintergrund ist eine frühere, sensitivere und kostengünstigere Diagnostik dringend erforderlich. Eine vielversprechende Möglichkeit bietet in diesem Zusammenhang die Massenspektrometrie von humanen Blutplasmaproben. So ist der Nachweis von Beta-Amyloidpeptid-Veränderungen bereits möglich, bevor sich die ersten Demenz-Symptome bemerkbar machen. Dies könnte eine Chance zur frühen Intervention im sogenannten „Interception Window“ eröffnen.

Richtig ist aber auch: Alzheimer gibt der Forschung nach wie vor Rätsel auf. Wir wissen, dass die Genetik eine wichtige Rolle spielt, wie beispielsweise das Apolipoprotein E4 Gen. Auch Gene des Immunsystems sind involviert. Für eine klinische Anwendung dieser Erkenntnisse ist es indes noch zu früh. Mit Blick auf identifizierte Vorstufen der Erkrankung kann die Medizin den Betroffenen noch kein Angebot zur angemessenen medikamentösen Behandlung machen.

Beispiel Onkologie: Hier gilt es, das bisher angewendete ‚Watch-and-Wait‘-Paradigma bei indolenten Lymphomen oder dem Multiplen Myelom mit neuen therapeutischen Wegen herauszufordern. In der Folge kann es dazu kommen, dass sich der Zeitpunkt einer Intervention nach vorne verlagert. Wenn mit einer frühen Intervention Heilung oder eine lange therapiefreie Zeit verbunden wäre, könnte dies ein wichtiger Schritt für die betroffenen Patienten sein. Von einer Disease Interception sind wir derzeit zwar noch entfernt. Mit einem besseren Verständnis der Biologie und besseren Therapien können wir diese Herausforderungen jedoch für die Zukunft annehmen.

Sollte Disease Interception Wirklichkeit werden, sei es in den oben beschriebenen Indikationen oder in anderen, dann hätte dies erhebliche Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem: auf Patienten, auf Ärzte und Krankenhäuser, auf Krankenkassen, den Gesetzgeber und Behörden. Wir alle wären gefordert, Antworten auf eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Fragen zu finden:

  • Die ethische Fragestellung: Wie gehen wir beispielsweise damit um, wenn die Therapie einer immer besseren Diagnostik hinterherhinkt? Was sagen wir den betroffenen Patienten und wie steht es um deren Recht auf Nicht-Wissen?
  • Die wirtschaftliche Fragestellung: Disease Interception adressiert mit ihrem Ziel der Krankheitsunterbindung größere Populationen von Menschen als sie die bisher üblichen Therapien vorsehen. Wie geht unser Gesundheitssystem mit den entsprechenden Kosten um? Und wie stehen diese im Verhältnis zum Wert althergebrachter therapeutischer Ansätze?
  • Die regulatorische Fragestellung: Es ist längst nicht gesagt, dass künftige Disease Interception Therapien mit denselben Parametern gemessen werden wie heutige Therapien. Wie definieren wir künftig beispielsweise die Zulassungskriterien für Disease-Interception-Ansätze? Und wie bewerten wir vor-symptomatische Erkrankungsrisiken?

Wir tun gut daran, jetzt den gesellschaftlichen Diskurs zu diesen Fragen zu starten – und nicht erst dann, wenn Disease Interception Wirklichkeit geworden ist. Dafür braucht es den offenen Austausch der Meinungen und ein Verständnis für unterschiedliche Perspektiven – auch über die Grenzen des Gesundheitswesens hinaus.

Dr. Christoph Bug, Janssen Deutschland