Mit smarter Analytik zu einer besseren Gesundheitsversorgung

Mit smarter Analytik zu einer besseren Gesundheitsversorgung

Dr. Sergey Platonov ist Data Scientist bei dem E-Health Start-Up alley. Er ist Datenwissenschaftler und promovierter Physiker.

Wir hören immer „Daten sind der wahre Schatz“ – doch Analytik und Daten klingt für viele sehr geheimnisvoll. Das wollen wir gemeinsam lüften. Was ist eigentlich Analytik und was „smarte“ Analytik?

Die Analytik selbst ist nur eine Art und Weise, komplexe Systeme zu betrachten und Zusammenhänge zu erkennen. Wir stoßen in unserem Alltag häufig auf analytische Modelle, zum Beispiel die Ampelschaltung im Straßenverkehr. Solche Konzepte können helfen, die Kommunikationsgeschwindigkeit zwischen den Nutzenden zu verbessern und Optimierungen zu erreichen. Im Falle des Verkehrsmanagements kann dies zum Beispiel die Verkürzung von Transportzeiten sein.

Die eigentliche Renaissance oder gar Transformation des Analytik-Konzepts in der heutigen Zeit ist an die rasante Entwicklung und Verwendung digitaler Geräte in unserem Alltag gekoppelt. Mit all den Smartphones, Tablets, Laptops am Arbeitsplatz und zu Hause generieren wir gemeinsam Tonnen von Daten, die alle Bereiche unseres Lebens und unserer Arbeit beschreiben. Und der logische Weg ist, diese Daten zu nutzen, um die Zusammenhänge zwischen einigen Teilen dieser Prozesse zu erkennen, die wir bisher noch nie gesehen haben. Zu diesem Zweck verwenden wir mathematische Modelle. Die Komplexität dieser Modelle und die Fähigkeit, unerwartete Ergebnisse zu erzielen, weisen auf die „Smartness“ hin.

Wie lässt sich smarte Analytik im Gesundheitswesen einsetzen?

Smarte Analytik kann auch im Gesundheitswesen eingesetzt werden, solange es sich um sichere Modelle handelt. Das ist wichtig, denn die Entscheidungen und Informationen, die aus diesen Analysemodellen gewonnen werden, werden potenziell die Gesundheit der Menschen beeinflussen. Daher stützen wir uns in der Regel auf das Konzept der Evidenzbasierung oder, in einfachen Worten, jedes Modell sollte mit echten Patientendaten im Rahmen einer klinischen Studie trainiert, validiert und überprüft werden.

Analytik lässt sich in mehreren Bereichen des Gesundheitswesens einsetzen. Das sind Diagnostik (z.B. Unterstützung von Ärzt:innen bei der Identifizierung seltener Krankheiten mit Hilfe von Daten anderer Patienten), Prozessoptimierung in Kliniken oder Arztpraxen (Triage-Systeme, Risikomanagement, Qualitätsmanagement auf der Grundlage der vorhandenen Personaldaten), Vorhersage von Komplikationen und Risikomanagement (Information von Arzt und Patient über die höchsten Risiken vor dem Auftreten) und natürlich die Einbindung von Patient:innen, um einen gesünderen Lebensstil zu verfolgen und mögliche Komplikationen in Zukunft zu reduzieren.

Allerdings wird die Analytik im Gesundheitswesen im Vergleich zu anderen Branchen noch nicht auf breiter Basis eingesetzt. Lösungen konzentrieren sich eher auf einzelne Stationen einer Patientenreise. Leider gibt es nur sehr wenige integrierte Lösungen, die sich auf die gesamte Reise beziehen.

Es ist also noch Luft nach oben für eine breite Anwendung. Welche Daten brauchen wir für eine digitale Patientenreise?

Es ist schwer zu sagen, welche Daten wir für eine digitale Patientenreise brauchen. Im Grunde brauchen wir alle Daten, die im Rahmen der Patientenreise zur Verfügung stehen. Welche genau hängt aber mit der Verwendung bzw. den mathematischen Modellen zusammen. Es besteht leider eine gewissen Skepsis auf Seiten von Patient:innen und Ärzt:innen, Daten bereitzustellen. Daher müssen die Unternehmen sichere Garantien bieten und ein Vertrauensverhältnis zu Patient:innen und Ärzt:innen aufbauen.

Insbesondere werden einige Daten, wie der psychologische oder soziale Status des Patient:innen heutzutage unterschätzt. Spricht man zum Beispiel mit  Krankenversicherungen stellen wir immer wieder fest, dass diese in der Regel nur die Kosten, Diagnosen und Medikamente der Patient:innen haben. Dieses Bild ist aber nicht vollständig und weit entfernt von der idealen 360°-Patientensicht.

Im Endeffekt sollen die Daten die gesamte Reise bis zur Genesung beschreiben und nicht nur einen Teil davon. Dies ist sehr wichtig, um nicht einen Auslöser von beispielsweise Komplikation in der Vergangenheit zu übersehen.

Die gesamte Reise würde ja schon vor dem oder bei dem Entstehen der Erkrankung beginnen und erst mit einer Gesundung enden. Dies kann eine lange Reise sein. Wie schaut alley aus Sicht der Analytik auf die Patientenreise?

Integriert und vollständig. Das war eines unserer Ziele, ein Datenmodell zu erstellen, das den Patient:innen auf seinem Weg am besten vollständig beschreibt. Unser Modell enthält validierte Fragebögen (aus internationalem ICHOM Standard) und viele Informationen, die wir direkt von den Patient:innen erheben (PROM). Dazu gehören Funktionsstatus, psychologischer Status, Lebensqualität und Schmerzmessungen. Wir versuchen auch, die Bedürfnisse und Emotionen der Patient:innen bezüglich der Behandlung zu erfassen.

Unser Datenmodell soll nicht nur die Patientenreise aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten, sondern auch die Möglichkeit bietet, die Qualität der Behandlung einzuschätzen. Dafür sind Informationen über all die Faktoren entscheidend. Und das war auch unser zweites Ziel, die Industrie zu qualitätsorientierten Lösungen zu bewegen.

Wie profitieren die Patient:innen davon, dass große Datenmodelle erstellt werden, die ihre Patientenreise abbilden sollen?

Insgesamt helfen diese Datenmodelle Patient:innen und Ärzt:innen, eine informierte und gemeinsame Entscheidung über die weiteren Behandlungsoptionen zu treffen. Ich denke, dass die Patient:innen ihren Weg, ihre Position und die möglichen Ergebnisse viel besser verstehen können. Wir versuchen auch, die Patient:innen mit der Vorbereitung auf Arztbesuche, verschiedenen Informationen über die Krankheit und durch die Bereitstellung von Videoübungen zu unterstützen. Diese Art der Begleitung der Patienten kommt der Nudge-Strategie (bekanntes Konzept des Nobelpreisträgers Richard Thaler) sehr nahe, bei der wir versuchen, die Möglichkeiten aufzuzeigen und keine direkten Empfehlungen zu geben.

Es gibt Studien aus Großbritannien und Schweden, die zeigen, dass solche Nudge-Anwendungen auch positive Auswirkungen auf die Genesung der Patienten haben, die Genesungszeit verkürzen, den psychologischen und emotionalen Status verbessern und schließlich die Notwendigkeit, sehr oft zu Ärzt:innen zu gehen, verringern. Hier können wir sagen, dass wir versuchen, die Reise des Patient:innen zu vereinfachen und unnötige Schritte zu reduzieren.

Und wie sieht es mit den Ärzt:innen aus – sind die offen für neue Ansätze?

Es ist wichtig, diese Ideen den Ärzt:innen zu vermitteln und ihnen die Vorteile einer datengetriebenen Patientenreise aufzuzeigen. Es gibt einige Vorreiter:innen, aber viele Ärzt:innen sind noch sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, die neuen digitalen Apps als Datenquelle zu nutzen. Aber ich denke, der Transformationsprozess hat bereits begonnen.

Beim Thema Analytik ist auch das Thema Datenschutz und -sicherheit immer sehr wichtig. Sind diese Lösungen geschützt und sicher?

alley ist bereits Medizinprodukt der Klasse 1. Dies erfordert ein entsprechendes Qualitäts- und Risikomanagement, um die Standards zu erfüllen. Außerdem haben wir mehrere ISO-Zertifikate zur Datenspeicherung und Datenverarbeitung. Die Analytik wird nur auf den anonymisierten Daten durchgeführt, so dass wir keine Möglichkeit haben, auf persönliche Patientendaten zuzugreifen. Und natürlich führen wir jedes Jahr eine Rezertifizierung durch, um sicherzustellen, dass unsere Prozesse und Systeme mit den Normen übereinstimmen.

Abschließend der Blick in die Zauberkugel: Kann Analytik die ultimative Lösung für Patient:innen sein? Was können wir erwarten?

Nein, die Analytik ist nur das Instrument. Alle wichtigen Entscheidungen sollten von Ärzt:innen und Patient:innen getroffen werden. Wir können nur zusätzliche Erkenntnisse und Informationen liefern, die ihnen bei diesen Entscheidungen helfen können. Ich sehe die Zukunft des Gesundheitswesens darin, dass die Kommunikation zwischen Patient:innen und Ärzt:innen mithilfe von Analytik deutlich verbessert wird. In diesem Szenario wird Patient:innen die Angst genommen, den nächsten Schritt zu machen und sie sind darüber informiert, was die nächste beste Maßnahme für sie ist. Auf der anderen Seite haben die Ärzt:innen dann mehr Zeit für jede einzelne Person und mehr Informationen, um frühzeitig zu handeln. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir die Welt des Gesundheitswesens weitaus besser machen können, aber wir sollten sie nicht mit zusätzlichen Daten und Konzepten überfrachten.