Interview mit Markus Krebber, Vorstandschef, RWE

Jetzt den Turbo zünden

„Jetzt den Turbo zünden“

Die Dekarbonisierung der deutschen Industrie ist nach Einschätzung des RWE-Chefs eine „Herkulesaufgabe“. Dabei ist die Verfügbarkeit von bezahlbarem grünen Strom entscheidend. Um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen, macht Krebber fünf Vorschläge.

Heute ist RWE einer der größten CO2-Emittenten in Europa. Sie sind aber dabei, RWE zum grünen Stromerzeuger umzustrukturieren. Bis zum Jahr 2040 soll der Konzern klimaneutral arbeiten. Was ist dabei die größte Herausforderung?

Bei RWE bringen wir beides unter einem Dach zusammen: massive Investitionen in Erneuerbare Energien und konsequenter, verantwortungsvoller Ausstieg aus der Kohle. Das ist einerseits herausfordernd für alle Beteiligten, andererseits ist die Motivation extrem hoch. In kürzester Zeit haben wir uns fundamental verändert und das Geschäft auf Erneuerbare Energien, Speicher und Wasserstoff ausgerichtet. Bei der Stromproduktion aus Wind und Sonne gehört unser Unternehmen weltweit zur Spitzengruppe. Innerhalb von nur acht Jahren haben wir unsere CO2-Emissionen um über 60 Prozent gesenkt und dabei den notwendigen Umbau des Unternehmens sozialverantwortlich gestaltet. Wir wollen diesen Weg konsequent weiter gehen – und brauchen hierfür die richtigen Rahmenbedingungen: Nur mit mehr Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren und einer Lösung für Versorgungsicherheit kann der Ausstieg aus der Kohle gelingen.

Sie investieren verstärkt in erneuerbare Energien. Andere europäische Energiekonzerne, wie beispielsweise der spanische Stromproduzent Iberdrola, sind da schneller, auch die großen Ölkonzerne steigen in die Ökostrom-Produktion massiv ein. Reicht ihr Tempo künftig?

Wir investieren fast ausschließlich in Erneuerbare Energien, über 90 Prozent gemessen an den Taxonomie-Kriterien der EU. Im ersten Halbjahr 2021 lagen unsere Bruttoinvestitionen mit fast 2 Milliarden Euro auf Rekordniveau – das ist doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Wir haben derzeit 4 GW Erneuerbare Kapazitäten im Bau – soviel wie noch nie. Und die Dynamik bleibt hoch; wir wollen den Ausbau noch weiter beschleunigen. Bis Ende nächsten Jahres werden wir unser Portfolio an Windkraft- und Solaranlagen sowie Speichern auf mehr als 13 Gigawatt erweitern. Damit gehören wir weltweit zu den führenden Unternehmen bei Erneuerbaren Energien. Diese Position wollen und werden wir weiter ausbauen.

Wettereffekte belasten die Erzeugung von Ökostrom immer mehr, wie RWE zuletzt bei der Windproduktion gespürt hat. Wie können Sie Ihr Geschäft davor schützen?

Jedes Geschäft ist Schwankungen unterlegen – bei uns ist das in der Tat zunehmend das Wetter. Das laufende Jahr ist nicht so windreich wie 2020 und wir hatten mit der Kältewelle in Texas ein Ereignis mit negativer Ergebnisauswirkung. Wir haben unsere Vermarktungsstrategie mit Blick auf mögliche extreme Wetterereignisse überprüft und angepasst. Grundsätzlich liegt die Lösung in einer breiten Diversifizierung – wir produzieren unseren Strom in mehr als 20 Ländern weltweit, verteilt auf unterschiedliche Technologien.

Die Transformation der deutschen Industrie zur Klimaneutralität erfordert gigantische Mengen Erneuerbarer Energien. Mit dem Chemiekonzern BASF haben Sie beispielsweise ein gemeinsames Projekt zur grünen Transformation des Chemiestandorts Ludwighafens angekündigt. Reichen derartige Kooperationen aus? 

Die Dekarbonisierung der Industrie ist eine Herkulesaufgabe. Wenn sie bis 2045 gelingen soll, muss Deutschland schnell vom Wollen ins Machen kommen. Die ausreichende Verfügbarkeit von grüner Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen wird zu einem Wettbewerbs- und Standortvorteil. Genau hier setzen wir zusammen mit BASF ein Zeichen. Unser Ziel ist der Bau eines zusätzlichen großen Offshore-Windparks in der Nordsee, um den BASF-Standort Ludwigshafen mit grünem Strom zu versorgen und CO2-frei Wasserstoff herzustellen. Eine finanzielle Förderung durch die öffentliche Hand ist nicht erforderlich. Wohl aber brauchen wir schnell die Flächen in der Nordsee und Klarheit über Netzanschlüsse und -kapazität. Unser Projekt versteht sich als Leuchtturm, als Startschuss, damit es endlich richtig losgeht und die identifizierten Hürden überwunden wurden.

Die meisten deutschen Politiker haben angekündigt, die Energiewende zu beschleunigen und versprechen höhere Ausbauziele, schnelleren Netzausbau und zügigere Genehmigungsverfahren. Was muss sich dafür aus ihrer Sicht konkret ändern?

Gut, dass große Einigkeit besteht. Um die Ziele zu erreichen, ist es notwendig, jetzt den Turbo zu zünden. Fünf Bereiche sind mir besonders wichtig: Erstens werden zusätzliche Flächen und höhere verbindliche Ausbauziele für Erneuerbare Energien benötigt, damit so viel grüner Strom wie möglich produziert werden kann. Zweitens braucht es eine Beschleunigung bei Planungs- und Genehmigungsprozessen, aber auch eine Straffung von Gerichtsverfahren. Drittens gilt es, die Sektorkopplung auszubauen und die Elektrifizierung voranzutreiben. Dazu sollten die Belastungen aus dem EEG kurzfristig reduziert und mittelfristig vollständig gestrichen werden. Steuern und Abgaben auf Strom sollten erheblich sinken. Viertens: Beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft braucht es mehr Tempo, höhere Ausbauziele, ein leistungsfähiges Leitungsnetz sowie eine Zertifizierung für den Wasserstoffhandel. Und vor allem ist mehr Pragmatismus beim Start gefragt. Es spricht nichts dagegen, anfangs auch Wasserstoff zuzulassen, der blau oder türkis ist – oder zu Beginn im Zweifel auch mit Erdgas hergestellt wird. Wichtig ist, dass es jetzt los geht. Und fünftens muss Versorgungssicherheit weiter auf höchstem Niveau gewährleistet werden. Gaskraftwerke, die für einen späteren Einsatz von Wasserstoff vorbereitet sind, können einen wesentlichen Beitrag leisten. Dafür sind Regeln, die den Zubau von gesicherter Leistung attraktiv machen, zeitnah notwendig.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien wird derzeit besonders von Bürgerprotesten und Bürokratie ausgebremst. Für Trassen gibt es keine Mustergenehmigung. Sie haben einmal vorgeschlagen, Genehmigungsverfahren in Kompetenzzentren zu bündeln. Wie soll das aussehen?  

Wer Klimaziele hat, die zu den ambitioniertesten in der Welt gehören, braucht auch Bedingungen, die eine Umsetzung möglich machen. Da ist derzeit, wo jede kommunale Behörde Windanlagen und Strommasten eigenständig und zum Teil nach unterschiedlichen Kriterien prüft, noch viel Luft nach oben. Personell und fachlich gut ausgestattete Kompetenzzentren können helfen, Expertise zu bündeln und Verfahren durch standardisierte Verfahren zu beschleunigen. Darüber hinaus sind weitere Maßnahmen erforderlich, um den von Ihnen erwähnten Akzeptanzproblemen zu begegnen. Dazu gehört auch eine Debatte über das Austarieren von Allgemeinwohl und Einzelinteressen. Es braucht einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass zum Beispiel Stromleitungen gebaut werden müssen, damit auch weiterhin alle Bürger sicher mit Strom versorgt werden können. Nur dann werden sich die Ziele auch verwirklichen lassen.

Die Fragen stellte Sabine Haupt