Ich hätte noch ein paar Kilowatt, Herr Nachbar!

Lokale Energiemärkte – ein dezentrales Konzept für zukünftige Energieversorgungssysteme und die Stärkung des Verteilnetzbetreibers

In vielen Regionen sind regionale Lebensmittel fester Bestandteil des Konsums. Strom künftig für Geld ins Nachbarhaus zu liefern und bei Bedarf geliefert bekommen: Das werden lokale Energiemärkte in Zukunft ermöglichen.

Die Gründe dafür sind einleuchtend: Die zunehmende Anzahl an Erneuerbare-Energien-Anlagen und der zu erwartende steigende Strombedarf durch Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen wird den Betrieb von Verteilnetzen, zunehmend komplexer machen. Daher wird künftig die automatisierte Koordination verteilter Flexibilitäten zu einer der wichtigsten Aufgaben des Verteilnetzbetreibers.

Ein Lokaler Energiemarkt (LEM) ist das Konzept, mit dem diesen Herausforderungen am besten begegnet werden kann. Er bietet eine Vermarktungsmöglichkeit für erneuerbare Energien, kann bisher nicht genutzte Flexibilitätspotentiale durch Preisanreize heben und so zu einem effizienteren Betrieb des Verteilnetzes beitragen:

Mit pebbles wird der Aufbau einer digitalen Plattform erprobt, auf der Erzeuger und Verbraucher direkt untereinander Strom handeln können. Es werden ebenfalls Flexibilitätsgebote, für Batteriespeicher, steuerbare Lasten wie Wärmepumpen oder Ladestationen für Elektrofahrzeuge durch den Markt berücksichtigt. Der Verteilnetzbetreiber kennt die dem LEM-Marktgebiet zugrundeliegende Netztopologie und jeden Teilnehmer. Er berechnet die Netzengpässe für den LEM, die er vorab an die Plattform kommuniziert. Die Marktplattform maximiert dann die lokal handelbare Energie unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit des Verteilnetzes und der Gebote von Erzeugern und Verbrauchern.

Prototypisch wird ein lokaler Energiemarkt im Projekt pebbles umgesetzt. Im Herbst 2020 soll die Demonstrationsphase des Marktgeschehens beginnen. Das geschieht in Zusammenarbeit der Projektpartner AÜW, AllgäuNetz, Fraunhofer FIT, der Hochschule Kempten und der Siemens AG. Diese Partner betreiben seit mehreren Jahren den Energiecampus Wildpoldsried, der im Rahmen der Projekte IRENE und IREN2 aufgebaut wurde und nun auch für das Projekt pebbles eine wichtige Rolle spielt. In Moment erschweren es die rechtlichen Möglichkeiten, um lokalen Strom wirtschaftlich auszutauschen.

Effiziente Lösungen für das Netz von morgen

Regulierung und Netzentgeltsystematik stammen noch aus Zeiten vor Liberalisierung des Strommarkts. Diese Zeiten sind jedoch vorbei – jetzt ist Zeit Regulierung und Netzentgeltsystematik an das neue dezentrale und digitale Zeitalter anzupassen.

Aktuell bevorzugt die Regulierungssystematik Investition in Kabel und Leitungen. Dies sollte sich ändern und smarte, weniger kapitalintensive Lösungen sollten den kapitalgetriebenen Investitionen wirtschaftlich gleichgestellt werden.

Zudem sollten wir die noch starre Netzentgeltsystematik ins Digitalzeitalter überführen und dynamisch und flexibel gestalten. In der heutigen Zeit von dezentraler Stromerzeugung und flexiblem Verbrauch, passt die aktuelle Berechnungssystematik nicht mehr zur realen Welt. Daher sollten sich die Netzentgelte am netzdienlichen Verhalten der Verbraucher und Erzeuger orientieren. Marktorientierung auch im Verteilnetz!

Um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess und zu beschleunigen, sollte Wissen zum Wohl des Gesamtsystems geteilt werden. Durch einen Wissenstransfer zwischen allen Handelspartnern lassen sich bessere Erzeugungs- und Verbrauchsprognosen erstellen und das Netz somit zielgerichtet steuern und volkswirtschaftlich effizient ausbauen. Auf diese Weise erzielen wir ein Maximum an Wohlfahrt und Netzdienlichkeit.

 Dezentrale Energiewende mit LEM

Das Konzept des Lokalen Energiemarkts betrachtet die Herausforderungen der Energiewende ganzheitlich. Es werden die Interessen von Energieversorgern, Netzbetreibern und vor allem der Haushalte berücksichtigt. Das ist die logische Reaktion auf die Trends der Energiewende: Dezentralität, Digitalisierung und Dekarbonisierung, auf die immer größere Sensibilität der Bevölkerung für das Thema Nachhaltigkeit. Durch die aktive Einbindung der Bevölkerung können Vorbehalte gegenüber dem Ausbau von Erneuerbarer-Energie- Anlagen abgebaut werden.

Weniger Energieverlust durch langen Leitungstransport, bessere Netzauslastung, mehr erneuerbare Energien zu günstigeren Preisen: All das wird durch einen lokalen Energiemarkt gefördert.

 

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