Erneuerbare Energien entschieden nutzen


Dr. Markus Tacke ist CEO des internationalen Windenergie-Unternehmens Siemens Gamesa Renewable Energy. Im Gespräch mit der Handelsblatt Journal Redaktion erläutert er, wie Siemens Gamesa den Vormarsch der erneuerbaren Energien fortschreibt und inwiefern das internationale Wachstum des Marktes die Energiewende in Deutschland unterstützen kann.

Herr Dr. Tacke, der Vormarsch der erneuerbaren Energien und der Umbau des Energiesystems lässt sich weltweit beobachten. Wie bewerten Sie die Entwicklungen im Markt?

Dr. Markus Tacke:
Allein die letzten zehn Jahre zeigen, wie dynamisch sich die Windenergie entwickelt hat. Weltweit waren 2017 insgesamt rund 540 Gigawatt (GW) Leistung installiert. Der Zubau erneuerbarer Energien dominiert in vielen Regionen. Im Jahr 2017 machte die Windenergie schon 55 Prozent der neu zugebauten Leistung in ganz Europa aus. Mit 24,1 GW von 28,5 GW stehen die erneuerbaren Energien für den Großteil der Neuinstallationen in Europa in 2018. In vielen Märkten wird die Vergütung für Windkraftwerke inzwischen in Auktionen ermittelt. Dadurch sehen wir einen signifikanten Preisverfall. Es macht die Windkraft zugleich auch wettbewerbsfähig.

Wenn es gelingt, die Stromproduktion mit der Nachfrage über Giga wattSpeicher in Einklang zu bringen, sind den Erneuerbaren keine Grenzen gesetzt.

Welchen Anteil an dieser Entwicklung hat Siemens Gamesa Renewable Energy?

Dr. Markus Tacke:
Als Turbinenhersteller sind wir gefordert, die Stromentstehungskosten weiter zu senken, etwa durch die Ausnutzung von Skaleneffekten und die Industrialisierung der Fertigung. Die Fusion zu Siemens Gamesa war in diesem Kontext der richtige Schritt, um unter den aktuellen Bedingungen im Weltmarkt zu bestehen. Als fusioniertes Unternehmen stehen wir für annähernd 90 GW weltweit installierte Leistung. Allein in Deutschland haben wir innerhalb von nur fünf Jahren Offshore-Windkraftwerke mit 4,2 Gigawatt Leistung installiert. Der deutsche Markt hat aus unserer Sicht weiteres Potenzial. In UK realisieren wir beispielsweise in den kommenden Jahren unser derzeit größtes Projekt Hornsea II: 165 Turbinen mit rund 1,4 GW. Diese Erfolgsgeschichte wollen wir global fortschreiben. Gerade bei Offshore sehen wir aktuell großes Interesse in Asien und den USA.

Die International Energy Agency (IEA) geht davon aus, dass bis 2040 zwei Drittel der globalen Investitionen den Erneuerbaren zugutekommen werden. Wie können Unternehmen wie Siemens Gamesa diese Entwicklung unterstützen?

Dr. Markus Tacke:
Bei der Windkraft sehen wir unverändert Potenzial für eine technische Weiterentwicklung. Wir investieren daher in die Entwicklung von Turbinen und Fundamenten. Die Digitalisierung bietet vor allem bei Betrieb und Wartung der Anlagen immenses Potenzial. Ein zentraler Baustein für die weitere Verbreitung der erneuerbaren Energien sind effektive Speicherlösungen, die große Mengen Energie kostengünstig speichern. Wenn es gelingt, die Stromproduktion mit der Nachfrage über Gigawatt- Speicher in Einklang zu bringen, sind den Erneuerbaren keine Grenzen gesetzt. Hier entwickeln wir mit dem Elektrothermischen Speicher ETES derzeit eine Lösung, die das Potenzial hat, den Energiemarkt tiefgreifend zu verändern.

Im Bereich der Speicherlösungen konkurrieren derzeit diverse Ansätze. Was zeichnet Ihre ETES Speicherlösung aus?

Dr. Markus Tacke:
Unser Vorteil ist, dass wir die Technik bereits seit mehreren Jahren entwickeln. Derzeit bauen wir in Hamburg einen Demonstrator, der 130 MWh Energie thermisch in Vulkangestein speichert und an einen Wasser-Dampf-Kreislauf angeschlossen ist. Unser Partner Hamburg Energie wird den erzeugten Strom in das Stromnetz einspeisen. Im nächsten Schritt planen wir Speicher im GWh-Bereich. Mit diesen können wir etwa bestehende konventionelle thermische Kraftwerke mrüsten. Die Turbinen werden dann nicht durch Kohle, sondern durch Hitze aus dem Speicher betrieben.

Mit Blick auf die Verteilung der Energieerzeugungsarten stellt man fest, dass in südlichen Ländern wie z.B. Indien der Anteil der Solarenergie im Verhältnis zur Windenergie überwiegt. Sehen Sie hier einen kräftezehrenden Wettbewerb oder eine gewinnbringende Chance?

Dr. Markus Tacke:
Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist das parallele Wachstum von Wind- und Solarenergie zu begrüßen. Bei Siemens Gamesa haben wir bereits eine Reihe von sogenannten Hybrid-Lösungen realisiert: Hier werden Wind, Solar aber auch Batteriespeicher kombiniert. Eine intelligente Steuerung sorgt für eine optimierte Netzanbindung und Stromversorgung der Nutzer. Gerade die Kombination unterschiedlicher Technologien birgt immenses Potenzial, sodass wir hier eine große Chance für den Markt und auch für unser Unternehmen sehen.

Können Sie aus den Erfahrungen, die Sie im internationalen Energiemarkt sammeln, konkrete Lehren für die Energiewende in Deutschland ziehen?

Dr. Markus Tacke:
Unser Vorteil als global agierendes Unternehmen ist, dass wir in unsere Projekte Erfahrungen aus allen Märkten zum Vorteil der Kunden einbringen können. Das gilt etwa für das Projektmanagement, die Logistik oder für den Service. Mit steigendem Volumen können wir zudem die Anlagen- und damit auch Stromgestehungskosten senken. Deutschland hat über Jahre die Entwicklung der Windkraft vorangetrieben. Wir können mit unserer Technologie die günstige Erzeugung aus Windenergie auf Land und auf See unterstützen und arbeiten an der nachfragegerechten Einspeisung mit Unterstützung von Speichertechnologien. Es wäre schade, wenn Deutschland die sich nun bietenden Chancen und Vorteile der erneuerbaren Energien nicht entschieden nutzen würde.

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