„Ein eigenes Klimaschutzprogramm“

„Ein eigenes Klimaschutzprogramm“

Interview mit Christian Thiel, CEO von EnergyNest

Thermische Batterien helfen bei der Dekarbonisierung von energieintensiven Industrien und speichern erneuerbare Energien. Der Markt ist gigantisch.  Einige politische Weichenstellungen könnten den Einsatz antreiben.

Ihr Scaleup produziert thermische Batterien für den Einsatz in Unternehmen. Welche Rolle spielen die Speicher bei der Klimawende?

Die Energiewende schaffen wir nicht allein über eine Stromwende. Für eine echte Klimawende müssen wir auch die Wärmewende bewältigen. Besonders der industrielle Wärmemarkt bietet dabei noch enormes Potential, wird aber noch viel zu oft vernachlässigt. Als EnergyNest wollen wir das ändern. Mit unseren thermischen Batterien leisten wir einen Beitrag dazu, dass Unternehmen ihre Emissionen im Bereich Prozesswärme im großen Stil senken können. Kaum ein Bereich kann bei der Dekarbonisierung so viel bewirken, schließlich verursacht industrielle Prozesswärme global mehr Treibhausgase als alle Autos und Flugzeuge zusammen. Zur Einordnung: In Europa entfallen 20 Prozent der THG-Emissionen auf Industrieprozesse.

Sie wollen damit der Industrie bei der Dekarbonisierung helfen. Für die Herstellung Ihrer Batterien greifen Sie aber auf Baumaterialien zurück, wie Beton und Stahl, bei deren Herstellung besonders viel CO2 anfällt. Wie sieht denn die Energiebilanz ihrer Speicher aus?

Nach durchschnittlich acht Wochen im Betrieb hat die ThermalBattery bereits eine positive Klimabilanz und die angefallenen Emissionen aus dem Herstellungsprozess wettgemacht. Unsere Speicher werden mit einem Hochtemperatur-Spezialbeton namens Heatcrete® gefüllt, den wir gemeinsam mit HeidelbergCement entwickelt haben. Wir haben den CO2-Fußbadruck unserer ThermalBattery genau errechnet und tun dies auch für jedes konkrete Kundenprojekt, inklusive der zukünftig eingesparten Emissionen über die Lebensdauer.

Auch andere Startups haben inzwischen das Thema Energiespeicher entdeckt. Wieviel thermische Speicherkapazitäten braucht denn nach ihrer Prognose Europa?

Der Markt ist riesig und der Bedarf steigt derzeit enorm. Aurora Energy Research hat für Europa mal ein Marktpotenzial von rund 36 Milliarden Euro ermittelt – allein für hochgradige Wärme-Applikationen, andere Verfahren wie Strom-zu-Strom kommen noch hinzu. Die Marktgröße gibt es her, dass mehrere Arten von Speichern und Clean-Tech-Lösungen von verschiedenen Anbietern zum Einsatz kommen werden. Der Speicher von EnergyNest kann beispielsweise bei der Elektrifizierung von Prozesswärme helfen oder zur Wärmerückgewinnung eingesetzt werden.

An welche Branchen liefern Sie bereits ihre Speicher? Und wo sehen Sie die attraktivsten Märkte der Zukunft?

Wir haben bereits Projekte in der Bauphase bei einem globalen Düngemittelhersteller, einem Verpackungshersteller und in der Energiewirtschaft. Auch mit einem Stahlunternehmen sind wir in fortgeschrittenen Gesprächen. Die Energiewirtschaft sehen wir für die Zukunft als einer der spannendsten Märkte für uns. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird die Verfügbarkeit von Energie im Tagesverlauf stark verändern. Mit unserer Batterie können Sonnen- und Windenergie zu günstigen Zeiten gespeichert und anschließend flexibel und auch bei Nacht oder Flaute in Form von Wärme in die Prozesse gegeben werden. Der Verpackungshersteller wird durch unsere Technologie auch nachts durchschnittlich mit 75 Prozent Prozesswärme aus Solarenergie arbeiten können.

Welche langfristigen Ziele verfolgt EnergieNest?

Unsere Technologie kann laut der globalen Initiative „Mission Innovation“ 100 Millionen Tonnen CO2 im Jahr sparen. Der Weg zu Netto-Null-Emissionen ist noch weit, aber Technologien wie unsere zeigen: Lösungen sind bereits da und warten darauf, im großen Stil implementiert zu werden. Unsere Sales-Pipeline ist also unser eigenes Klimaschutzprogramm. Unser Ziel ist es, Energiesparen und die Dekarbonisierung für energieintensive Industrien so einfach wie möglich zu machen. Hierzu haben wir unser Angebot zuletzt um komplett finanzierte Speicherlösungen erweitert. Zusammen mit unserem Investor, Infracapital, die im Frühjahr 2021 rund 110 Millionen Euro in EnergyNest investiert haben, wollen wir damit Speicherlösungen noch attraktiver machen.

Braucht es für die Energiespeicherung neue politische Rahmenbedingungen? Und welche Wünsche haben Sie an die künftige Bundesregierung?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass die Politik die große Herausforderung bei der Prozesswärme erkennt. Die neue Bundesregierung sollte Anreize setzen, damit in den Betrieben bislang verschwendete Abwärme nutzbar gemacht wird. Es braucht eine Balance zwischen „Strafen“ wie der CO2-Bepreisung – die für den 1,5-Grad-Pfad noch deutlich zu niedrig ist – und positiven Anreizen für Investitionen in innovative Technologien wie unsere thermischen Speicher, beispielsweise über Förderprogramme. Ein regulatorisches Hindernis, das die neue Bundesregierung zudem angehen sollte: Aus Abwärme gewonnene Energie gilt heute noch als „graue“ Energie. Wenn die genutzte und wiederverwertete Abwärme stattdessen als „grüne“ Energie klassifiziert wäre, könnte dies die Nutzung zusätzlich anreizen. Auch die anachronistische Einstufung von Energiespeichern als Endverbraucher und die entsprechende Abgaben- und Umlagenbelastung schränken den Markthochlauf von Speichern heute noch ein. Insgesamt muss sich netzdienliches Verhalten – also Energie zu speichern, wenn viel Wind und Sonne da sind – für Unternehmen wirtschaftlich stärker rechnen. Das würde der Energiewende und Speichertechnologien weiteren Schub geben.

Die Fragen stellte Sabine Haupt