Die Energietransformation braucht Mut und Geduld

Interview mit Martin Brudermüller, CEO von BASF

BASF will beim Umbau zu einer klimaneutralen Produktion Vorreiter der Chemieindustrie sein. Wichtiger Engpass sind dabei die erneuerbaren Energien. Der Konzern will sie nur aus neuen und zusätzlichen Quellen beziehen und baut dafür weltweit Partnerschaften mit Energieversorgern auf.

Ihre Branche ist besonders energieintensiv, allein Ihr Konzern ist für etwa ein Prozent der deutschen CO2 -Emissionen verantwortlich. Sie arbeiten daran, dass BASF bis 2050 klimaneutral produziert. Wie schaffen Sie das?

Die Energietransformation hin zur Klimaneutralität ist ein Muss. Sie fällt einem nicht in den Schoß, sondern braucht unternehmerischen Mut und einen langen Atem. BASF hat das Ziel, in der chemischen Industrie dabei voranzugehen. Im Zentrum unserer Roadmap hin zu Netto-Null-CO2-Emissionen steht die Entwicklung neuer Technologien, um fossile durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen. Bei der Produktion von Basischemikalien werden wir zum Beispiel die hierfür benötigte Hitze nicht mehr durch Erdgas, sondern mit Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen. Auch für die CO2-freie Erzeugung von Wasserstoff entwickeln wir neue Prozesse und Verfahren. Dafür bauen wir jetzt an unserem Standort Ludwigshafen Pilotanlagen und sammeln Erfahrung im industriellen Maßstab, die wir später weltweit nutzen können. Die breite Skalierung dieser Technologien wird in vollem Umfang erst nach 2030 erreichbar sein. Um schon vorher CO2-Emissionen zu senken, setzt BASF systematisch auf kontinuierliche Verbesserungsprozesse für bestehende Produktionsanlagen. So ist uns bereits gelungen, die absoluten Emissionen im Chemiegeschäft im Vergleich zu 1990 um 48,1 Prozent zu senken.

Durch die Dekarbonisierung verbraucht BASF nach Ihrer Berechnung bis zu viermal mehr Strom. Bei anderen Industrien sieht es ähnlich aus. Wo sollen die erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren herkommen? Reichen da nach Ihrer Einschätzung die neuen Ausbauziele der Bundesregierung?

Der Ausbau der Erneuerbaren geht zu langsam voran, und sie werden aufgrund des rasanten Anstiegs der Nachfrage ein knappes Gut bleiben. Daran können auch neue Ausbauziele nichts ändern. Heute deckt die Bundesrepublik 70 Prozent ihrer Gesamtenergie mit importierten fossilen Brennstoffen. Das können wir nicht mit Solardächern und Windrädern in Deutschland ersetzen. Ohne Importe geht es deshalb auch in Zukunft nicht. Wir brauchen einen europäischen Markt für erneuerbare Energien. Nehmen wir als Beispiel den Norden von Spanien mit einer schwachen Infrastruktur, aber viel Wind und viel Sonne. Langfristig kann auch Wasserstoff als Speicher für erneuerbare Energien zur Lösung beitragen. Damit das funktioniert, braucht es aber in jedem Fall marktwirtschaftliche Lösungen.

Welche Rolle soll grüner Wasserstoff bei der nachhaltigen Transformation von BASF spielen?

Wasserstoff kann ein wichtiger Baustein auf dem Weg in eine klimaneutrale Gesellschaft werden. Wir begrüßen daher das politische Engagement der Bundesregierung und der EU, hier strategische Initiativen anzuschieben. Aber: Wasserstoff allein wird nicht alle Probleme lösen. Für die Produktion benötigt man riesige Mengen erneuerbarer Energie, die wir Stand heute nicht haben. Mit der Produktion von Wasserstoff allein ist es auch nicht getan. Er muss komprimiert und transportiert werden. Und am Ende muss das Ganze auch wirtschaftlich sein. Wir sollten uns mit Blick auf das Ziel der CO2-Vermeidung genau überlegen, wo der Einsatz von Wasserstoff sinnvoll ist und wo nicht. Aus erneuerbarem Strom Wasserstoff zu machen, um anschließend daraus Strom zu erhalten, ist nicht sinnvoll, wenn man den erneuerbaren Strom auch direkt als Ersatz für fossile Brennstoffe verwenden kann. Bei der Verwendung von Wasserstoff steht bei uns als Unternehmen der chemischen Industrie die stoffliche Nutzung klar vor der energetischen Verwertung. Mit anderen Worten: Wasserstoff ist heute viel zu wertvoll, um ihn zu verbrennen.

Um sich erneuerbare Energien zu sichern, haben Sie mit RWE einen Windpark in der Nordsee geplant. Auch andere Power Purchase Agreements (PPA) hat BASF schon angekündigt. Wollen Sie diese Kooperationen noch ausbauen?

Wir sind ein global agierendes Unternehmen, Strom ist ein regionales Produkt. Deshalb müssen wir mit vielen Partnern weltweit zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel haben wir bereits ein Offshore-Windparkprojekt mit Vattenfall in den Niederlanden angekündigt. Dazu kommen PPAs mit EDF Energy in den USA für unseren Standort Freeport in Texas und mit China Resources Power für den neuen Verbundstandort Zhanjiang in der chinesischen Provinz Guangdong. Außerdem haben wir erst vor kurzem jeweils einen 25-jährigen Stromabnahmevertrag mit Ørsted und ENGIE unterzeichnet. Wir sind offen für weitere Partner, die BASF auf unserem Weg zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 unterstützen. Denn wir haben uns dazu verpflichtet, erneuerbare Energien nur aus neuen und zusätzlichen Quellen zu beziehen. BASF ist damit ein Wegbereiter für zusätzliche erneuerbare Energieprojekte.

Was erwarten Sie von der Energiepolitik der neuen Bundesregierung?

Was wir brauchen, ist ein Plan, wie die notwendige Transformation gelingen kann und wie wir die Ziele in reales Handeln umsetzen. Da sind wir in der Wirtschaft weiter als Teile der Politik. Deshalb muss die neue Bundesregierung dringend die notwendigen Weichen für die richtigen Rahmenbedingungen stellen. Der Koalitionsvertrag ist eine gute Grundlage, um Deutschland zukunftssicher zu machen. Hier sehe ich viele geeignete Maßnahmen, die zum Erreichen der Klimaziele beitragen können, wenn sie zielgerichtet, konsistent und technologieoffen umgesetzt werden. Dazu gehören die Entlastung des Strompreises von der EEG-Umlage ab 2023 und Maßnahmen für einen schnelleren und stärkeren Ausbau von erneuerbaren Energien und Infrastruktur. Entscheidend wird sein, dass hierbei auch die Realitäten an energieintensiven Standorten wie Ludwigshafen berücksichtigt werden, an denen eine lokale Versorgung mit erneuerbaren Energien nicht annähernd im erforderlichen Umfang möglich ist. Die Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität sind gewaltig – das wird nur als gesamtgesellschaftliche Anstrengung gelingen. Daher begrüße ich besonders die geplante „Allianz für Transformation“ als ein Forum für einen engen Austausch der Politik mit Gewerkschaften, Verbänden und Wirtschaft.

Die Fragen stellte Sabine Haupt