Dekarbonisierung der Industrie: Energieversorger als Technologie-Provider

Die Autoren:

Jörg Stäglich Dr. Thomas Fritz

Jörg Stäglich, Global Head Utilities, Oliver Wyman (Moderator) / Dr. Thomas Fritz, Partner, Oliver Wyman / Dennis Manteuffel, Principal, Oliver Wyman

Die Industrie zählt weltweit zu den größten CO2-Emittenten. Entsprechend groß ist der potenzielle Effekt klimaschonender und nachhaltiger Verfahren der Branche auf dem Weg zu Net Zero. Energieversorger spielen auch hier eine Schlüsselrolle, ähnlich wie bei der Dekarbonisierung privater Haushalte, die wir in unserem ersten Beitrag beleuchtet haben. So zeigt die Oliver Wyman Studie „Carbon Neutral“, dass allein die sieben europäischen Industrien mit den meisten Emissionen (Eisen und Stahl, Chemie und Petrochemie, nichtmetallische Mineralien, Nichteisenmetalle, Maschinen, Nahrungsmittel und Tabak sowie Papierzellstoff und Druck) ihren energiebedingten CO2-Ausstoß bis 2030 um ein Drittel reduzieren könnten – mit Hilfe der Energieversorger.

Dies entspricht einer Einsparung von 200 Millionen Tonnen CO2 und damit mehr, als die gesamte Luftfahrbranche in Europa 2017 verursacht hat.

Technologiewahl: Reduktionspotenzial, Kosten und Zeitrahmen entscheidend 

Die Technologiegruppen unterscheiden sich hinsichtlich CO2-Einsparpotenzial, Reifegrad der zugrunde liegenden Technologien und der erforderlichen Investitionen. In der langfristigen Perspektive hängt die Priorität dieser Technologien hauptsächlich vom CO2-Reduktionspotenzial und der Entwicklung der Technologiekosten bis 2030 ab. Eine Aufteilung der Technologien entlang der kurz- und langfristigen Priorität zeigt vier Felder, die ähnliche Technologieansätze bündeln und Chancen für Versorgungsunternehmen bieten:

 

  • Brückentechnologien: Das erste strategische Spielfeld, bestehend aus Biomasse, ist eine Brückentechnologie. Sie kann heute in den meisten Sektoren eine Rolle spielen, wird aber langfristig nur in bestimmten Sektoren eine nachhaltige Technologie zur Strom- und Wärmeerzeugung bleiben.
  • Unabhängige Stromversorgung: Ein weiteres Feld sind verschiedene Stadien der unabhängigen Stromversorgung, die sowohl kurz- als auch langfristig von hoher Relevanz sind.
  • Nischentechnologien zur Elektrifizierung: Weiterhin gibt es das Feld der Nischentechnologien für die Elektrifizierung von Wärme, Abwärmenutzung und Systemintegration, die für bestimmte Sektoren bereits heute attraktiv sind.
  • Wasserstoff und Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung: Diese Technologien stellen einen hochrelevanten Bereich dar. Sie haben sektorenübergreifend ein hohes Potenzial für Energiegewinnung, jedoch ist ihr Einsatz in vielen Fällen noch von Entwicklungsfortschritten und Kostendegressionen abhängig.

 

Fazit: Energieversorger sollten auf spezifische Stärken fokussieren

Energieversorger müssen nicht als „Vollsortimenter“ auftreten, sondern sollten vielmehr ihre Strategie und Angebote klar definieren. Nur so lassen sich langfristig nachhaltige Positionen auf dem Energiemarkt von morgen sichern. Sie können sich etwa als „Reduction Enabler“ positionieren, der Unternehmen mit bestehenden Technologien unterstützt; als „Green Infrastructure Provider“, der für Industrieunternehmen Infrastrukturlösungen für Strom, Wärme und gasförmige Produkte realisiert; oder als Innovationspartner, der mit emissionsintensiven Kunden Pilotprojekte durchführt. Die heutigen und zukünftigen Technologien und das enorme CO2-Einsparpotenzial sind eine große Chance für alle Beteiligten.