Deutschland setzt Maßstäbe beim digitalen Planen und Bauen


von Alexander Dobrindt

Planen und Bauen ist eine deutsche Kernkompetenz. Unsere Bau- und Immobilienwirtschaft setzt Jahr für Jahr tausende Projekte erfolgreich um und genießt national wie international ein hohes Ansehen. Sie stellt europaweit die meisten Patente, trägt maßgeblich zur Wertschöpfung in unserem Land bei und stärkt das Fundament unseres Wohlstands. „Made in Germany“ steht für Effizienz, Schnelligkeit und höchste Qualität.

Mit der Digitalisierung erleben wir jetzt eine Substanzrevolution von Wirtschaft und Gesellschaft, die alles Erreichte herausfordert. Dabei ist nichts gesetzt, aber eines klar: Wer nicht komplett digitalisiert, der verliert. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Vernetzung der Menschen. Was folgt, ist die Vernetzung aller Dinge, der Sprung zum Internet of Everything. Damit erreicht die Digitalisierung unsere Stärken. Als führende Industrienation, Weltmarktführer bei Maschinen und Autos und Maßstab bei Infrastruktur und Bau sind wir das Land der Dinge.

Die Bau- und Immobilienbranche ist eine Schlüsselbranche

Jetzt geht es darum, diese Stärken strategisch auszuspielen. Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist dabei eine echte Schlüsselbranche. Digitale Technologien bieten beim Planen, Bauen und in der Produktion enorme Potenziale bei Qualität, Effizienz und Schnelligkeit. Durch ihren Einsatz können wir beim Bau von Großprojekten eine frühzeitige Vernetzung, enge Kooperationen und eine intensive Kommunikation aller Beteiligten sicherstellen. Wir können verschiedene Planungsvarianten frühzeitig visualisieren, Prozesse standardisieren, Transparenz herstellen, eine realistische Risikokalkulation erreichen – und Bauzeiten wie Baukosten erheblich reduzieren.

Digitale Baukultur

Um diese Potenziale in Deutschland zu heben, brauchen wir eine neue, digitale Planungs- und Baukultur. Ein wesentliches Element ist hierbei das Building Information Modeling (BIM). Als digitale Plattform führt BIM alle relevanten Daten, Pläne, Baufortschritte und Akteure zusammen – und bildet den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts virtuell ab: vom Entwerfen eines Bauwerks über den Bau und bis zum gesamten Betrieb. Mit BIM bekommt Planen und Bauen eine völlig neue Dimension und die Baustelle wird zur kooperativen, intelligenten Datencloud – mit einer erweiterten Datenqualität, einer engen und frühzeitigen Vernetzung aller Akteure, mehr Transparenz, mehr Effizienz und einem Projekt‑Controlling in Echtzeit. Dadurch minimieren wir Risiken, sparen wertvolle Zeit und reduzieren die Baukosten deutlich.

Digitalität und Kulturwandel zum Standard machen

Wir wollen das digitale Planen und Bauen in Deutschland zum Standard zu machen. Die öffentliche Hand muss dabei als großer Bauherr vorangehen und den Kulturwandel umsetzen. Zusammen mit der Wirtschaft haben wir deshalb eine umfassende Digitalinitiative gestartet. Wir haben 2013 eine Reformkommission Bau von Großprojekten ins Leben gerufen und gemeinsam in unserem 10‑Punkte-Aktionsplan den Grundsatz formuliert: „Erst digital, dann real bauen“. Wir erproben BIM bereits in vier Pilotprojekten auf Straße und Schiene – und sehen: Wir werden schneller, effizienter und kostensicherer. Darauf aufbauend haben wir einen Stufenplan entwickelt, mit dem wir BIM bis 2020 in drei Phasen zum Standard bei Infrastruktur-Großprojekten machen werden.

Zukünftige Projekte

In einer Vorbereitungsphase bis 2017 legen wir Standards fest, erstellen Leitfäden, klären rechtliche Fragen und bilden Personal weiter. Für eine erweiterte Pilotphase bis 2020 haben wir im Oktober 2016 zusätzliche Pilotprojekte auf allen Verkehrsträgern gestartet, sodass wir BIM in unterschiedlichen Planungsstufen anwenden. Insgesamt nehmen wir dafür 24 Millionen Euro in die Hand und erproben die Technologie in 13 Schienen-, 10 Straßen- und einem Wasserstraßenprojekt.
Ab 2020 sollen dann alle neuen Verkehrsinfrastrukturprojekte des Bundes mit BIM geplant, gebaut und umgesetzt werden. Das heißt: Alle Leistungen müssen auf der Grundlage von 3D-Modellen in digitaler Form geliefert werden. Der Auftraggeber kann außerdem zusätzlich eine weitere Dimension fordern – beispielsweise die
Integration von Zeit und Kosten (5D-Modell).

Deutschland zum digitalen Wirtschaftswunder entwickeln

Mein Ziel ist, dass sich andere daran ein Beispiel nehmen und BIM auch bei kleineren Projekten und bei Vorhaben der Länder und Kommunen zum Einsatz kommt. Ich bin überzeugt: In enger Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Politik wird es uns gelingen, dass Planen und Bauen auch im global-digitalen Zeitalter eine deutsche Kernkompetenz bleibt und wir gemeinsam den Sprung nehmen zu einem digitalen Wirtschaftswunder für Deutschland – mit Innovationskraft und Kompetenz, mit Baustahl und Beton und mit Daten und Algorithmen.


Alexander DobrindtAutor: Alexander Dobrindt, MdB, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur

 

 

 

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