Digitalisierung als Chance


Digitalisierung als Chance

Von Dr. Matthias Cord, stellv. Vorsitzender des Vorstands, Thüga AG

Das Thema Digitalisierung ist branchenübergreifend eng mit Technologietrends verbunden. Innovationen sind folglich der übergeordnete Treiber für die Digitalisierung. Aus dieser Erkenntnis zu schließen, dass Digitalisierung in jedem Fall mit spektakulären neuartigen Produkten aufwarten muss, die den deutschen Energieversorgern die Möglichkeit geben, aus der Commodity-Falle auszubrechen, neue, hochprofitable Märkte zu erschließen und damit einhergehend gleichzeitig einen Imagewandel hin zu einem Apple-, Google- oder Facebook-vergleichbaren Unternehmen zu vollziehen, wäre allerdings nicht zulässig. Digitalisierung wird sich vielmehr in den meisten Fällen vergleichsweise diskret in Prozessen entlang der Wertschöpfungskette abspielen, die die Energieversorger seit Jahrzehnten gut beherrschen und kontinuierlich erfolgreich weiterentwickelt haben.

Ein Blick auf die zu erwartenden Entwicklungen im deutschen Energiemarkt zeigt, dass der Stromabsatz in den nächsten zehn Jahren wohl bestenfalls stagnieren wird, während der Wärmemarkt sich sogar auf einen signifikanten Absatzrückgang einstellen muss. Gleichzeitig drängen kontinuierlich neue Spieler in den Markt, teils durch eine kleinteilige Rekommunalisierung getrieben, teils mit neuen, innovativen Produkten und Geschäftsmodellen aus anderen Branchen kommend. Umgangssprachlich gesprochen: Die Torte wird immer kleiner, aber es sitzen täglich mehr Gäste an der Kaffeetafel, die etwas abbekommen wollen und dafür kreative Ideen entwickeln.

Für die etablierten Energieversorger bedeutet das konkret: Die Margen entlang der Wertschöpfungskette sinken und gleichzeitig steigt der Kostendruck. Der Fortschritt der Digitalisierung sollte in diesem Zusammenhang nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als große Chance verstanden werden. Durch Digitalisierung im weiteren Sinne wird nicht nur eine bessere Kundeninteraktion durch Optimierung der Kundenschnittstelle beispielsweise über App-basierte Akquise- und Kommunikationskanäle, sondern auch eine Effizienzsteigerung in den für die Kunden nicht sichtbaren Prozessen ermöglicht. Damit spielt eine konsequente Digitalisierung aller Front- und Backoffice-Prozesse eines Energieversorgers zukünftig eine entscheidende Rolle für die nachhaltige Ergebnissicherung.

Um dieses Potential zu heben, müssen allerdings umgehend Hausaufgaben gemacht werden. So wird man nicht daran vorbeikommen, die gesamte Wertschöpfungskette auf digitalisierbare Prozesse zu untersuchen, um das Kostensenkungspotential zu heben. In der Erzeugung wird man sich beispielsweise ansehen müssen, wie durch digitalisierte Prozesse das

Anlagenpersonal effizienter eingesetzt und die Prozessgüteüberwachung insgesamt optimiert werden kann. Im Handel können über eine weitere Digitalisierung automatischer Handelsabschlüsse sowie Preisprognosen Intraday/Spot Kosten gesenkt werden. Die Netze ermöglichen es, neben der Unterstützung des Anlagenpersonals beispielsweise auch eine zustandsbasierte bzw. vorausplanende Instandhaltung zu digitalisieren.

Den größten Nutzen aus einer Digitalisierung werden allerdings der Vertrieb und die neuen Geschäftsfelder ziehen können. Die Kundenakquise und die Kundenbeziehung insgesamt werden zukünftig weitestgehend digitalisiert und mobilisiert. Neue Produkte wie Smart Home, PV + Speicher, etc. werden die Digitalisierung in den Vertriebsprozessen schnell weiter vorantreiben. Aber auch im Backoffice des Vertriebs wird die Digitalisierung beispielsweise bei der Markt- und Kundenanalytik bisher unbekannte Möglichkeiten liefern, die dazu beitragen können, den Kundenwert dauerhaft zu erhöhen.

Digitalisierung eröffnet die Möglichkeit, bisher strikt getrennte Systemwelten zu verbinden. Dieses ist zum einen die Welt des Energieversorgers mit seinen Erzeugungsanlagen, Netzen, Speichern etc. Zum anderen ist es die Anwendungswelt der Kunden. Damit können erstmals in größerem Umfang Angebots- und Nachfrageflexibilitäten entwickelt werden, die für beide Parteien einen wirtschaftlichen Nutzen haben.

Wenn ein Digitalisierungsprojekt in einem Energieversorgungsunternehmen gestartet werden soll, gilt es daher zunächst einmal, einen konsequenten, aber fundamentalen Perspektivwechsel vorzunehmen. Leitbild für Energieversorger sollte in diesem Zusammenhang die Aussage von Apple-Mitgründer Steve Jobs (1955-2011) sein: „You`ve got to start the customer experience and work back toward the technology, not the other way around.“ Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen sollte also – wie von Steve Jobs beschrieben – idealerweise bei den Kundenbedürfnissen beginnen und sich über die Kundenschnittstelle rückwärts in das Unternehmen hineinbewegen. Daraus folgt, dass das interne Projektteam unbedingt interdisziplinär aufgestellt sein muss, um das gesamte Prozess-Know-how des Unternehmens repräsentieren zu können. Digitalisierung setzt voraus, dass Mitarbeiter mit entsprechenden Qualifikationen und Erfahrungshintergründen zur Verfügung stehen. Traditionell sind diese bisher kaum in der Energiebranche anzutreffen. Das Thema auf die klassische IT-Abteilung und den CIO eines Unternehmens zu reduzieren, würde die Dimension dieser Vorgänge nur unzureichend widerspiegeln.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der schnell fortschreitende Trend zur Digitalisierung die deutschen Energieversorger zwar vor große Herausforderungen und kurzfristigen Handlungsdruck stellt. Allerdings bietet er auch eine große Chance, durch frühzeitige und konsequente Nutzung digitaler Kundenbeziehungen, durch neue digitale Produkte und Services, die Digitalisierung langjährig bestehender Kernprozesse und schließlich auch der internen, unterstützenden Prozesse die Unternehmensergebnisse nachhaltig zu sichern. Es bleibt jedoch die Frage, ob ein einzelnes Stadtwerk alle diese Herausforderungen allein bewältigen kann. Selbst wenn dieses sicherlich im Einzelfall gelingen wird, erscheinen für die Umsetzung der Digitalisierung Netzwerke von kommunalen Unternehmen, wie es zum Beispiel die Thüga AG darstellt, grundsätzlich deutlich effizienter und effektiver.