Wasserstoff sichert bezahlbare Wärmeversorgung

Wasserstoff sichert bezahlbare Wärmeversorgung

Katherina Reiche, Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates

Haben Sie schon Ihre Nebenkostenabrechnung erhalten? Viele Unternehmen und Privatpersonen blicken mit immer größerer Sorge auf die jüngsten Entwicklungen: Die Preise für Strom und Gas sind in Europa innerhalb eines Jahres exorbitant gestiegen – beim Strom um rund 260 Prozent, beim Gas gar um 400 Prozent. Und dies noch vor Russlands Invasion der Ukraine. Die geopolitischen Umwälzungen in Europa, aber auch steigende CO2-Preise jenseits der Schallmauer von 100 Euro pro Tonne sprechen leider gegen eine baldige Entspannung. Teure Energie ist für absehbare Zeit bittere Realität.

Um zumindest das Problem bei der Wärmeversorgung anzugehen, müsste die Politik die richtigen Weichen für differenzierte Lösungen stellen. Im Moment passiert aber das Gegenteil. Das Kaufverbot von Ölheizungen greift bereits ab 2026. Und geht es nach manchen Entscheidungsträgern, folgt auch der Ausstieg aus Gasheizungen auf dem Fuße. Dies wäre gleichbedeutend mit einem hochriskanten „All-in“ für die strombasierte Wärme mittels Wärmepumpe. Diese ist vor allem in Neubauten die effizienteste und beste Lösung, keine Frage. Aber 51 Prozent aller Wohnungen in Deutschland sind vor 1970 erbaut worden, knapp ein Viertel ist älter als 1950. Elektrowärmepumpen sind hier keine Option, weil die Wohnungen dafür nicht ausreichend gedämmt sind.

Der Sanierungsstau des Gebäudebestands lässt sich nicht allein mit Neubautechnologien auflösen

Wasserstofflösungen wie etwa Hybridheizungen können hier Abhilfe schaffen. Endkunden erhalten damit Wahlfreiheit: Sie können die nachhaltige Energieform wählen, die am besten zu den Eigenschaften des jeweiligen Gebäudebestands passt. Die Umstellung der rund 12 Millionen existierenden Gasanschlüsse und der Gaskomponenten in den Netzen und Häusern erfolgt unkomplizierter und damit schneller und günstiger als eine energetische Sanierung für den Wärmepumpeneinsatz. Damit fällt die finanzielle Belastung der Mieterinnen und Mieter sowie der Eigentümerinnen und Eigentümer insgesamt geringer aus.

Heizgerätehersteller wie etwa Viessmann – übrigens sehr erfolgreich mit Wärmepumpen – setzen deshalb nicht nur auf ein Pferd. Sie wissen: Für klimaneutrales Heizen braucht es energetische Sanierungen, Wärmepumpen, Nah- und Fernwärme sowie H2-ready-Lösungen.

Ein Umbau des Gasnetzes schont den Geldbeutel der Verbraucher

Auch in den Netzen für den Transport der Energie liegt ein großes Einsparpotenzial. Ein noch größerer – und kaum realistisch zu bewerkstelligender – Ausbaubedarf bei den Stromleitungen lässt sich umgehen, wenn wir nicht alles auf die eine Karte der direkten Elektrifizierung setzen. Die europäische Initiative „Ready4H2“ hat jüngst errechnet, dass sich durch Investitionen in eine kombinierte Strom- und Gasinfrastruktur beim klimaneutralen Umbau der Energieversorgung zwischen 2031 und 2050 Einsparungen von rund 41 Milliarden Euro jährlich realisieren lassen.

Deshalb ist die Beimischung von Wasserstoff beziehungsweise grünen Gasen in das bestehende Erdgasnetz ein erster wichtiger Schritt, um spürbare Erfolge einer sozialverträglichen Dekarbonisierung des Gebäudebestands zu erzielen. Dies ist gerade für die Kommunen ein wichtiges Thema, das bislang noch stark unterschätzt wird. Perspektivisch kann Wasserstoff auch in reiner Form durch neue und umgerüstete Wasserstoffleitungen in die modernen Gasheizungen geleitet werden.

So kann Wasserstoff im Wärmemarkt das Tafelwasser für die Menschen werden – und dem Energieträger darüber hinaus zum großen Durchbruch verhelfen.