Interview mit Andre Boschem, Geschäftsführer, EWG mbH

Warum ist Essen einer der spannendsten Standorte in Deutschland, wenn es um Wasserstoff geht?

Essen ist die Energiehauptstadt Europas – wir sind H2-Thinktank und Vordenker der Energiewende. Mit den Zentralen von Unternehmen wie RWE, E.ON, Evonik und thyssenkrupp sowie der insgesamt hohen Dichte in der Energiewirtschaft nimmt der Wirtschaftsstandort Essen im Bereich Wasserstoff eine zentrale Rolle ein. Allein vier der zehn größten aktuell geplanten H2-Projekte weltweit werden mit Beteiligung Essener Konzerne vorangetrieben. Auf europäischer Ebene sind die Essener Konzerne und Unternehmen an fast allen wichtigen H2-Projekten beteiligt.

Im H2-Beirat der Stadt Essen kommen hochrangige Vertreter genau dieser Big Player und Institutionen von der Forschung über Produktion, Technologie, Transport, Speicherung bis zum Verbrauch zusammen. Das ist der wesentliche Standortfaktor Essens: Hier sitzen Akteure aus allen Bereichen der H2-Wertschöpfungskette. Im H2-Beirat treffen sie sich mit dem Ziel, die Kräfte für den Standort Essen auf höchstem Niveau zu bündeln sowie Thematiken für die Landes- und Bundesebene für eine strategische Entwicklung der H2-Wirtschaft und einen koordinierten H2-Markthochlauf zu besprechen.

Für einen zügigen Markthochlauf ist internationale Teamarbeit gefragt. Wir pflegen unser Netzwerk deshalb nicht nur lokal und regional, sondern auch international, denn Essen ist der Branchentreffpunkt und Debattenort der europäischen Energiewirtschaft: So kommen auf der e-world water and energy jedes Jahr über 400 Aussteller aus 40 Ländern zusammen, um die Zukunft der Energie zu diskutieren und zu gestalten.

Essen stellt – wie Deutschland insgesamt – eine H2-Senke dar, die auf H2-Importe angewiesen ist. Insbesondere für unsere industriellen Großverbraucher wird dies essenziell für die Dekarbonisierung ihrer Prozesse sein. Das Besondere: Essen und das Ruhrgebiet werden mit als erste Standorte an Pipelines angeschlossen. Damit kann Essen einer der ersten Standorte in Deutschland werden, der grünen H2 in großen Mengen anbietet.

Das gelingt z.B. durch Projekte, wie H2.Ruhr: Hier plant der Essener Energiekonzern E.ON ein neues regionales H2-Pipelinenetz zwischen Essen, Duisburg, Bochum und Dortmund, das jährlich bis zu 80.000 t grünen H2 für Kunden im Ruhrgebiet zur Verfügung stellt. Oder das Projekt GetH2, an dem u.a. die Essener Unternehmen RWE und Open Grid Europe beteiligt sind und das Wasserstoff aus dem Norden ins Ruhrgebiet bringen wird.

Wir initiieren zudem gemeinsam mit Partnern internationale Gespräche und Projektideen, um die Weichen für künftige Kooperationen zur H2-Versorgung zu stellen. Beim Thema H2-Importe stehen wir aktuell im engen Austausch mit dem regionalen Marktführer der H2-Wirtschaft in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die VAE haben sich auf den Weg begeben, einer der weltweit größten H2-Exporteure zu werden. Und Essen konnte sich international als Energiehauptstadt positionieren.

Was passiert am Standort Essen – gibt es H2-Projekte vor Ort?

In Essen haben wir eine klare H2-Roadmap 2035. Es sind vor Ort 15 Projektansätze identifiziert worden, die aufzeigen, dass in den Sektoren Mobilität, Wärme und Industrie vielversprechende Optionen vorhanden sind. Der H2-Markthochlauf startet zunächst im Bereich öffentliche Mobilität.
Das größte Verkehrsunternehmen im Ruhrgebiet plant beim Treibstoff für Busse in Essen bis 2033 komplett auf H2 umgerüstet zu haben. Damit wird die Ruhrbahn GmbH zum Vorreiter, wenn es um die gesamte Umstellung einer Busflotte auf H2 im ÖPNV geht. Das bedeutet für den Standort Essen den Einsatz von 212 neuen, auf H2-Technologie basierenden Bussen für rund 115 Millionen Euro. Damit sollen in Essen und Mülheim a. d. R. rund 15.000 Tonnen CO2 pro Jahr einspart werden.

Aber auch im Forschungssektor passiert in Essen einiges: Am Gas- und Wärme-Institut Essen (GWI) wird das erste Hybrid-SOFC-System (Solid Oxide Fuel Cell) in Europa in Kooperation mit Mitsubishi errichtet und im Frühsommer eingeweiht. Ein Kraftwerk aus Festoxid-Brennstoffzellen und Mikrogasturbinen, die anteilig H2 als Brenngas zur hocheffizienten und umweltschonenden Energieerzeugung nutzen können.
Darüber hinaus spielen neben der Gas- und Verbrennungsforschung „Power-to-X“, Dekarbonisierung und „Sektorenkopplung“ wichtige Rollen.
Die Wissenschaftler am GWI arbeiten mit Unternehmen neben der Technologieerschließung an ganz konkreten Vorhaben: Am Beispiel der Glasindustrie untersucht das Institut mit dem Projekt „HyGlass“, wie energieintensive Branchen auf H2 umstellen können.
Das übergeordnete Ziel: Sicherung der zukünftigen Energieversorgung sowie ein Beitrag zur Erfüllung der Klimaschutzziele.
Hier setzt auch das in Essen beheimatete „Spitzencluster industrielle Innovationen“, kurz SPIN, an. Der Fokus des vom Wirtschaftsministerium NRW geförderten Spitzenclusters liegt auf der Entwicklung von Technologien, Verfahren und Produkten für CO2-neutrale Industrie- und Energiesysteme.

Wie wird in Essen an der Wasserstoff-Zukunft gearbeitet?

Als Energiehauptstadt Europas ist es für uns wichtig, die Chancen der Energiewende zu nutzen. Rund 15.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte finden hier in den relevanten Branchen Arbeit. Etwa 250 Unternehmen und Institutionen sind im Energiesektor tätig. In diesem Zusammenhang stellt Wasserstoff eine bedeutende Zukunftschance für den Standort dar – vor allem als Treiber für die Energiewende. Auch als grüne Hauptstadt Europas 2017 ist der Stadt Essen besonders daran gelegen, eine führende Rolle bei der Klimawende einzunehmen. Die Politik hat sich dazu klare Ziele gesetzt: Klimaneutralität bis 2040.
Von Seiten der Wirtschaft setzen wir alles daran, den H2-Markthochlauf gemeinsam zügig und koordiniert ans Laufen zu bringen.

Unsere H2-Strategie basiert auf zwei Säulen: Zum einen geht es um den Aufbau des lokalen H2-Marktes und die Gestaltung des Markthochlaufs. Zum anderen geht es um Innovationen am Standort. Das gelingt nur gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern, darunter z. B. das Verbundprojekt mit dem GWI „H2hochDrei“ sowie die Kooperation mit dem Essener H2UB, dem ersten europäischen Wasserstoff-Innovations-Hub. So bilden wir die beste Anlaufstelle für internationale Tech-Firmen und ermöglichen ihnen den Einstieg in den europäischen H2-Markt. Zusammen packen wir an und arbeiten an einer erfolgreichen Wasserstoff- Zukunft für den Standort Essen und die Region.