In der Krise eine Chance sehen

In der Krise eine Chance sehen

Folker Trepte, Partner, Leiter Energiewirtschaft, PwC Deutschland

Welche Maßnahmen müssen jetzt umgesetzt werden, um den Markthochlauf von grünem Wasserstoff zu beschleunigen?

Durch den Einmarsch in die Ukraine ist Russland nicht nur eine Bedrohung für Europas Freiheit, sondern auch seiner Energiesicherheit geworden. Die starke Abhängigkeit von russischen Energieexporten wird gerade für Länder wie Deutschland zum Problem. EU-Kommission als auch die Bundesregierung haben deshalb zahlreiche Initiativen gestartet, um eine Diversifizierung der Energieversorgung vorantreiben und den Ausbau Erneuerbarer Energien zu beschleunigen. Auf europäischer Ebene zielt der Aktionsplan „REPowerEU“ darauf ab, die Umsetzung der im „Fit-for-55 Package“ enthaltenen Ziele zu beschleunigen. Dazu gehört auch die Abkehr von russischen Brennstoffen.

Doch welche Auswirkungen haben die geopolitischen Entwicklungen und die Vorhaben von EU und Bundesregierung für die Entwicklung des Wasserstoffmarktes, insbesondere für den grünen Wasserstoff?

Investitionsvorhaben in grüne Technologien werden beschleunigt, insbesondere die Entwicklung der Wasserstoffinfrastruktur. Die Regierung sagt einen Wasserstoff-Boom als Folge der Gaskrise voraus: Ein Ausbau von grünem Wasserstoff ermöglicht Erdgaseinsparpotenziale von bis zu 69 Terawattstunden bis 2027. Für mehr Unabhängigkeit und Klimaschutz will die Bundesregierung bis 2026 200 Milliarden Euro in die Hand nehmen, um Investitionen in grüne Infrastruktur voranzutreiben.

Grüner Wasserstoff gewinnt immer mehr Wachstumspotenzial. Die im REPowerEU Plan vorgesehene schnellere Dekarbonisierung wird maßgeblich von grünem Wasserstoff getragen. Um die notwendige Grundlage für die Produktion von grünem Wasserstoff rascher aufzubauen, plant Deutschland, Erneuerbare Energien durch kürzere Genehmigungsverfahren für neue Wind- und Solarstandorte und erhöhte Investitionen in die (Gas-)Infrastruktur zu fördern.

Diesen Investitionen steht die makroökonomische Entwicklung entgegen. Auf die Steigerung von Energie- und Rohstoffpreisen werden voraussichtlich erhöhte Baukosten folgen, die das Investitionsvolumen wieder schwächen. Besonders Metalle wie Nickel und Kupfer sind von steigenden Preisen betroffen. Die Unverzichtbarkeit dieser Rohstoffe im Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie in der Elektrifizierung der Wirtschaft lassen erwarten, dass Investitionen in eine Dekarbonisierung verzögert werden. Gemeinsam mit der allgemeinen Preissteigerung und den volatilen Rohstoffpreise verlangsamt dies eine Energiewende.

Deshalb ist eine Erhöhung und Anpassung der Förderung mit unterschiedlichen Instrumenten notwendig. Neben Carbon Contracts for Difference (CCfD) wird die direkte Bezuschussung von der Bundesregierung als sinnvolles Instrument für die Förderung moderner Technologien in der energieintensiven Industrie bewertet. Rund ein Drittel der Emissionsreduzierungen in der energieintensiven Industrie bis 2030 könnten durch den Einsatz von CCfD erreicht werden. Auch eine Erhöhung von Investitionen in Wasserstofftechnologie sind über diese Förderung möglich. Eine konkrete Förderung von grünem Wasserstoff leistet “Important Projects of Common European Interest” (IPCEI) als gemeinsames strategisches Initialinstrument europäischer Staaten zur Steigerung der Technologiereife aber auch zur Bildung einer ersten Marktstruktur für die europäische Industrie und Wirtschaft. Wichtig wird sein, dass neben den IPCEI Förderinitiativen weitere breitenwirksame Instrumente geschaffen bzw. existierende Förderprogramme technologiebezogen angepasst und leistungsfähig gehalten werden, da nicht jede notwendige Aktivität in Wasserstoff durch IPCEI und CCfD unterstützt werden können. Diese Förderungen stärken Wachstum, Beschäftigung, Innovationsfähigkeit und globale Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff in Europa. Investitionsförderung bietet vielseitige Ansatzpunkte, um eine nachhaltige Energiewende zu steuern. Dieses enorme Potential muss von wirksamen Ansätzen wie CCfD bis hin zu konkreten nationalen Förderungen von grünem Wasserstoff, oder auch IPCEI, von der Bundespolitik weiterverfolgt werden.

Die politische Gesamtsituation durch den Krieg im Osten Europas ist bedrückend. Trotzdem bietet sie die Chance, die Dekarbonisierung und den Ausbau des grünen Wasserstoffs voranzutreiben. Ziel muss es sein, ein widerstandsfähiges und nachhaltiges Energieversorgungssystem in Deutschland und Europa aufzubauen. Mögliche Ansätze, um fossile Gasanwendungen durch grünen Wasserstoff zu ersetzen, wollen wir in unserer Deep Dive Session am 9. Juni auf dem Wasserstoff Gipfel vorstellen.