Groß denken und die Fesseln für den Wasserstoffhochlauf lösen!

Dr. Timm Kehler, Vorstand Zukunft Gas

Dr. Timm Kehler, Vorstand Zukunft Gas

Grüne Gase wie Wasserstoff gelten, neben erneuerbarem Strom, als zentrales Element der deutschen Energiewende. Bundesregierung und Europäische Union haben das lange erkannt und fördern staatliche Projekte in Milliardenhöhe wie im Rahmen des Important Project of Common European Interest (IPCEI Wasserstoff). Dennoch lässt eine Wasserstoffwirtschaft in großem Stil weiter auf sich warten. Der erste Schritt, um den Energieträger Wasserstoff zukünftig breit nutzen zu können, ist der Aufbau einer Infrastruktur, sowohl hier als auch in den zukünftigen Exportländern.

Zumindest in Deutschland ist die Ausgangslage sehr gut: Mit der bestehenden Gasinfrastruktur gibt es bereits das Fundament für eine erfolgreiche Wasserstoffzukunft. Dennoch sind auch bei uns Investitionen nötig, vor allem aber der notwendige Aufbau der internationalen Infrastruktur ist kapitalintensiv. Für Investoren wird er jedoch erst attraktiv, wenn sich mittel- bis langfristig Entwicklungs- und Marktchancen ergeben.

Viele Unternehmen gehen schon jetzt voran, so wie die Zukunft Gas Mitglieder Uniper, Wintershall Dea und OGE in Wilhelmshaven. Hier soll nicht nur eines der benötigten LNG-Terminals entstehen, sondern auch ein Drehkreuz für die deutsche und europäische Wasserstoffwirtschaft. So plant Wintershall Dea mit dem Projekt BlueHyNow die Produktion von Wasserstoff in großen Mengen aus grünem Strom und norwegischem Erdgas. Das dabei entstehende CO2 soll sicher in unterirdischen Lagerstätten in Norwegen und Dänemark gespeichert werden. Auch in Stade entsteht ein Großprojekt: Am Chemiestandort Dow, wo heute schon 50.000 Tonnen Wasserstoff durch Elektrolyse hergestellt werden, wird das Zukunft Gas Mitglied Hanseatic Energy Hub mit einem weiteren LNG-Terminal einen Knotenpunkt für zukünftige Energieimporte auf Wasserstoffbasis entwickeln.

Wasserstoff kann also in ausreichenden Mengen beschafft bzw. produziert werden. Er muss aber auch für alle Sektoren einsetzbar sein, insbesondere das Klimaschutzpotenzial im Gebäudesektor muss endlich breit anerkannt werden. Die fortlaufende „Champagner-Diskussion“, laut der Wasserstoff ein knappes Gut ist und daher nur in politisch eingegrenzten Sektoren wie der Industrie oder dem Kraftwerksbereich angewandt werden darf, ist kontraproduktiv. Vielmehr muss auch die Nachfrageseite von Anfang an potenziell groß gedacht werden: Industrie, Kraftwerke, Wärmemarkt und Langstreckenverkehr können mit Wasserstoff nachhaltig dekarbonisiert werden.

Projekte wie die Energy Hubs in Wilhelmshaven und Stade zeigen: Wasserstoff ist kein knappes Gut. Wir müssen Wasserstoff groß denken und die politischen Fesseln einer Eingrenzung der Wasserstoffnachfrage lösen. Wo die Unternehmen ins Risiko gehen, muss die Politik einem großflächigen Markt Raum geben und so die Investitionsanreize für die Wirtschaft weiter steigern. Dann können der nächste Schritt im Gasumstieg und die Wasserstoffwirtschaft in großem Stil in Deutschland und der EU Realität werden.