Zertifikatehandel im OP Kassenchef will mit Instrumenten des Klimaschutzes unnötige Operationen eindämmen.

Handelsblatt Nr. 145 vom 30.07.2012 Seite 016 / Wirtschaft & Politik

  • Der CO 2 -Emissionshandel steht Modell fürs Gesundheitswesen.
  • Deutschland ist Weltmeister bei Knie- und Hüftoperationen.
  • Die geltenden Abschläge für Mehrleistungen sind wirkungslos.

Die AOK und der Spitzenverband der Krankenkassen werben für neue Wege der Kostensteuerung im Krankenhaus. Angesichts des starken Anstiegs von Hüft- und Knieoperationen fordert der neue Chef der AOK Rheinland/Hamburg, Günter Wältermann, für solche planbaren Eingriffe einen Zertifikatehandel nach dem Muster des CO 2 -Emissionshandels.

"Wir sollten das zumindest ernsthaft prüfen," sagte Wältermann. Der Dachverband der 145 Kassen befürwortet den Ansatz. "Wir prüfen derzeit die Idee, einen Handel mit Zertifikaten für Mehrleistungen bei planbaren Leistungen einzuführen", sagte Johann-Magnus von Stackelberg, Vizechef des GKV-Spitzenverbands.

Der Zertifikatehandel für den Klimaschutz soll den CO 2 -Ausstoß marktwirtschaftlich eindämmen: Der Ausstoß des einzelnen Unternehmens wird nicht strikt begrenzt – aber wer mehr als die vorgesehene Grundmenge emittieren will, muss dafür CO 2 -Rechte von anderen Emittenten zukaufen. Das erhöht den Anreiz, Emissionen zu verringern, ohne dass notwendige Produktion unterbleibt.
Ähnlich könnte es bei den Kliniken laufen, erläutert AOK-Vorstand Matthias Mohrmann: Schon heute vereinbaren die Krankenhäuser mit den Kassen jährliche OP-Budgets. Überschreitet eine Klinik die vereinbarte Menge, wird jede weitere Leistung über Mehrleistungsabschläge geringer vergütet. Die Idee ist nun, dieses System ab 2014 zu reformieren: Die Klinik müsste dann für solche Mehrleistungen Zertifikate von anderen Kliniken zukaufen, die ihre Leistungsmenge nicht ausschöpfen.

Dies könne Kliniken davon abhalten, wegen der Erlöse auch solche Patienten zu Operationen zu überreden, die mit einer konservativen Hüft- oder Kniebehandlung gut noch einige Jahre klarkämen, hofft Mohrmann. "Die Kosten für die Zertifikate würden die Rendite einer solchen OP senken." Und Kliniken, die weniger operieren, könnten mit ihren Zertifikatserlösen andere Kostensteigerungen finanzieren. "Sie müssten also nicht nach der Hilfe des Gesetzgebers rufen, der dann wieder mit der Gießkanne Geld auch für Häuser gibt, die keins brauchen."
Mohrmann rät, den Handel zunächst bei Hüft- und Knie-OPs zu erproben. In der Tat werden hierzulande auffällig viele Knie und Hüften operiert: In beiden Disziplinen ist Deutschland Weltmeister. Auf 100 000 Einwohner kommen hier 296 Hüft-OPs, doppelt so viele wie etwa in Italien. Und die Zahlen steigen auch noch rasant. Das deutet darauf hin, dass diese OPs aus Sicht der deutschen Krankenhäuser besonders lukrativ sind. Die Beitragszahler kostet das 3,5 Milliarden Euro im Jahr.

Thelen, Peter

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