Unternehmensrestrukturierung aus Sicht einer Bank

Restrukturierung BankDer Weg zu einer erfolgreichen Unternehmensrestrukturierung ist oftmals länger und komplexer, als im Vorhinein erwartet. Bisweilen kommt es zu Überraschungen und unvorhergesehen Entwicklungen. Für Banken ist dies bei der aktiven Begleitung von Restrukturierungen insbesondere in Krisensituationen immer wieder eine besondere Herausforderung.


Restrukturierung Journal 2015Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Restrukturierung – Sanierung -Insolvenz“, das Sie ab sofort kostenlos downloaden können. Hier berichten 18 Autoren zu den Themen:

  • Führung in der Krise
  • Business Transformation
  • Best Practice
  • Restrukturierung von Banken
  • Politische Umwälzungen als Geschäftsrisiko
Zum Download!

 

Bereits in den 90er Jahren haben Großbanken angefangen, Spezialabteilungen aufzubauen, die den Schwerpunkt hatten, Kunden in diesen schwierigen Unternehmensphasen zu beraten und zu begleiten und mit ihrem speziellen Know-how auch in der Lage waren, einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Unternehmenskrise zu leisten. Mittlerweile arbeiten in der Deutsche Bank AG allein in Deutschland über einhundert Spezialisten im Bereich Risk Managment Advisory daran, bestmögliche Lösungen für Unternehmensrestrukturierungen zu entwickeln und umzusetzen.

In den frühen Anfangszeiten waren die Interessenlagen der wesentlichen beteiligten Stakeholder, wie Lieferanten, Mitarbeiter, Banken, Versicherungen und oftmals auch der Eigentümer häufig deckungsgleich. Im Wesentlichen ging es darum, eine Talsohle zu durchschreiten und eine leistungswirtschaftliche Restrukturierung umzusetzen. Am Ende sollte ein Unternehmen dastehen, welches wieder nachhaltig in der Lage ist, all seinen Verbindlichkeiten fristgerecht nachzukommen.

„Corpsgeist“ ermöglicht rasche und unbürokratische Entscheidungen

Initiiert von einem restrukturierungserfahrenen Berater gelang dies oftmals durch harte Sanierungsschritte, die im Unternehmen umzusetzen waren. Auf Basis eines manchmal nur wenige Seiten umfassenden Restrukturierungskonzeptes haben sich alle Beteiligten auf das gemeinsame Ziel verständigt und die Umsetzung des Restrukturierungskonzeptes mit sachgerechten, angemessenen Sanierungsbeiträgen unterstützt. In dieser Zeit entstand vielfach ein „Corpsgeist“, der es ermöglichte, auch in schwierigen Phasen zu raschen und unbürokratischen Entscheidungen zu kommen.

Von vielen ausländischen Beteiligten wurde – durchaus manchmal neidvoll – auf den deutschen Weg geschaut. Denn er erlaubte es, divergierende Interessenlagen der einzelnen Beteiligten auf dieses gemeinsame Ziel einzuschwören. Beim Blick auf das heutige Marktumfeld ist allerdings festzustellen, dass der beschriebene „Corpsgeist“ einem Wandel unterworfen ist.

Neue Investorengruppen spezialisieren sich auf „Turn-Around“-Sutationen

Das Umfeld hat sich verändert. Neue Marktteilnehmer und Spezialisten sind hinzugekommen. Neue Investorengruppen haben sich auf „Turn-Around“ Situationen spezialisiert und sind bestrebt, ihre Renditeanforderungen im Markt zu verdienen. Bis dato gerade im mittleren Mittelstand noch wenig verbreitete Finanz- und Kapitalmarktinstrumente, wie zum Beispiel Mittelstands- oder High Yield Bonds müssen in die Gläubigerverhandlungen einbezogen werden, was dazu führt, dass neben den originären Gläubigern oftmals auch Financial Advisor einzelne Gläubigergruppen vertreten.

Dies hat insgesamt zu einer sehr viel komplexeren Verhandlungssituation geführt und es ist schwieriger geworden, ein Ergebnis zu erreichen, dass von allen Parteien mitgetragen wird und zu einer nachhaltigen operativen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage führt. In einer steigenden Zahl von Fällen kommt es zwar zu einer Restrukturierung der Passivseite der Bilanz und einer Neukonzeption der Gesamtverschuldung, die operative Sanierung wird aber nicht in vergleichbarer Weise angegangen. Dadurch besteht das Risiko, dass ein Unternehmen mittel- bis längerfristig erneut in schwieriges Fahrwasser gerät.

Insolvenzverfahren sind kein Tabu mehr

Auch bei der Insolvenzvermeidung ist ein Trend zu erkennen. Galt diese früher als ein wesentlicher Rahmenfaktor, ist dies heute durch die neuen vom Gesetzgeber eingeführten Insolvenzverfahren kein Tabu mehr. In manchen Fällen wird sogar die Eröffnung eines Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahrens erwogen, um so allzu harte Sanierungsschnitte zu vermeiden. Dies mag auf den ersten Blick erträglicher erscheinen, beinhaltet aber das Risiko, dass eine nachhaltige Sanierung erschwert wird oder gar vollständig misslingt.

Der rechtliche Rahmen für Restrukturierungen ist deutlich komplexer geworden. Nicht selten umfassen nach dem IDW S6 Standard erstellte Restrukturierungskonzepte heute mehrere hundert Seiten und sind mit Disclaimern umfangreich konditioniert, was dann auch noch deren Verwendung im Bankenbereich erheblich verkompliziert.In der Summe ist es vielfach schwieriger geworden, die heterogenen Interessenlagen der Restrukturierungsbeteiligten unter einen Hut zu bringen. Es wäre zu wünschen, dass alle Verfahrensbeteiligten sich neben der berechtigten Verfolgung ihrer eigenen wirtschaftlichen Interessen auch ihrer Verantwortung für die betroffenen Unternehmen und damit letztlich auch für die Gesamtwirtschaft bewusst bleiben. Es gilt daher auch unter den veränderten Rahmenbedingungen einen neuen „Corpsgeist“ zu schaffen, damit sanierungsfähige Unternehmen auch weiterhin eine Chance zu einer nachhaltigen Restrukturierung bekommen.

Der Autor

Dörhöfer - Unternehmensrestrukturierung aus Sicht einer Bank
Andreas Dörhöfer, Managing Director, Global Head of Risk Management Advisory, Deutsche Bank AG

 

Tags: , , ,