Solvency II geht noch besser – Zwischenstand beim europäischen Aufsichtsregime und Verbesserungsbedarf


Mehr als ein Jahrzehnt ging der europäische Gesetzgeber mit Solvency II schwanger, bis das Aufsichtsregime für Versicherungsunternehmen 2016 schließlich auf die Welt kam. Obwohl der Zeugungsakt vor der Finanzkrise stattfand, sorgten die weltweiten Turbulenzen im weiteren Verlauf der Schwangerschaft für einige Komplikationen. Im Endeffekt war Solvency II zwar eine schwere Geburt, aber die wichtigsten Funktionen des europäischen Babys waren auf Anhieb voll einsatzfähig.

Seit seiner Geburt war Solvency II eine Herausforderung für jene 331 Versicherungsgesellschaften in Deutschland, die das Regelwerk anwenden müssen. Für sie alle gilt der Grundsatz der Proportionalität. Er besagt, dass es von der Art, dem Umfang und der Komplexität der Risiken abhängt, wie ein Versicherungsunternehmen die Anforderungen erfüllt. Ob der Versicherer Eigenmittel in angemessener Höhe vorhält, Risiken sorgsam beurteilt und seinen Berichtspflichten nachkommt, wird hingegen nicht gefragt. Er muss.

Drei Jahre nach Inkrafttreten von Solvency II stehen die deutschen Versicherer verhältnismäßig gut da. Im internationalen Vergleich erreichen sie hohe Solvenzraten, und auch das Reporting verbessert sich. Das lässt sich an einem Beispiel festmachen: Der Bericht zur Solvenz- und Finanzlage (SFCR), der im ersten Jahr für Versicherungsnehmer und Öffentlichkeit nur teilweise lesbar war, erwies sich im zweiten Versuch schon als verständlicher. Es besteht aber noch Luft nach oben.

Von Anfang an war vorgesehen, Solvency II im Jahr 2020 einer Überprüfung zu unterziehen – sowie bei jedem Kind von Zeit zu Zeit Routineuntersuchungen
anstehen. Natürlich hat die Diskussion über Kinderkrankheiten längst begonnen. Zwar ist die BaFin eine Aufsichtsbehörde und nicht der Gesetzgeber, aber sie hat eine klare Haltung zu möglichen Veränderungen, und bringt diese aktiv in die regulatorische Debatte ein. Mit Blick auf die Proportionalität stellt sich die Frage, ob einzelne Regelungen für bestimmte Versicherer wegfallen können. Damit würde der Grundsatz der Proportionalität auf das „Ob“ erweitert.

Dass die Solvenzkapitalanforderung (SCR) beim Solvency-II-Review auf den Prüfstand kommt, erklärt sich fast von selbst. Derzeit berechnen Versicherungsunternehmen ihren SCR entweder mit einer Standardformel oder sie greifen auf ein internes Modell zurück, das ihre individuelle Situation besser berücksichtigt. Im Unterschied zur Standardformel können interne Modelle negative Zinsen berücksichtigen. Dies ist einer der Gründe, warum ich mich der Empfehlung der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA an die EU-Kommission anschließe, das Zinsänderungsrisiko neu zu bewerten.

In der Niedrigzinsphase durchleben Lebensversicherungsunternehmen eine besonders schwere Zeit. Sie haben ihren Kunden in der Vergangenheit hohe Verzinsungen garantiert, die sie heute am Kapitalmarkt nicht mehr ohne weiteres erwirtschaften können. Diesen Effekt soll die Volatilitätsanpassung mildern. Wie gut sie ihren Zweck erfüllt, sollte im übernächsten Jahr geprüft werden. Die Übergangsregelungen, die Lebensversicherern einen schrittweisen statt schlagartigen
Umstieg auf Solvency II ermöglichen, sollten in jedem Fall weiterhin gelten.

Weit über das Jahr 2020 hinaus weist das Thema Nachhaltigkeit. Es sind enorme Investitionen nötig, damit Deutschland im Zeitalter des Klimawandels
die Energiewende schafft. Da im Versicherungssektor viel Geld steckt und Garantien etwa in der Lebensversicherung sehr langfristig gelten, fordern politische Stimmen aus dem europäischen Kontext, dass Versicherungsunternehmen ihr Kapital vermehrt in nachhaltige Anlagen investieren. Das geschieht bereits. Die BaFin hat festgestellt, dass die Versicherer 73 Prozent ihrer Kapitalanlagen als nachhaltig einstufen. Knapp 41 Prozent geben an, ihr Engagement in nachhaltigen Investments ausbauen zu wollen. Mangels einer gesetzlichen Definition hatten die Unternehmen bei der Branchenabfrage jedoch ihre individuellen
Vorstellungen von Nachhaltigkeit im Kopf. Auf Dauer brauchen wir einen gesetzlichen Nachhaltigkeitsstandard, damit auch alle über dasselbe reden.

Wenn der Gesetzgeber beim Solvency-II-Review eine Kapitalentlastung für langfristiges Geschäft einführen sollte, geht die BaFin als Aufsicht diesen Weg selbstverständlich mit. Klar ist aber auch, dass es keine aufsichtlichen Rabatte für „Green investments“ geben kann. Oberster Maßstab muss das richtige Risikomanagement bleiben.

Dr. Frank Grund, BaFinAutor:

Dr. Frank Grund,
Exekutivdirektor
Versicherungsund Pensionsfondsaufsicht,
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
(BaFin)

 

 

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