Sanierung Hand in Hand mit dem Unternehmer – Es geht auch anders


Sanierung Hand In HandEs gibt Zeiten, in denen Unternehmen durch externe Markteinflüsse, strategische Fehlentscheidungen oder strukturbedingte Fehlentwicklungen in existenzbedrohende Schwierig­keiten geraten. Diese müssen nicht einmal selbstverschuldet sein, sondern können in einem Zyklus langwieriger nicht mehr umkehrbarer Entwicklungen stehen. Ein Beispiel ist die überbordende Zusage von Pensionsverpflichtungen in den 80igern, die sich verstärkt in den nächsten Jahren angesichts sinkender Zinsen (BILMOG) zu einem Bumerang auch für den deutschen Mittelstand entwickeln werden.

Restrukturierung Journal 2015Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Restrukturierung – Sanierung -Insolvenz“, das Sie ab sofort kostenlos downloaden können. Hier berichten 18 Autoren zu den Themen:

  • Führung in der Krise
  • Business Transformation
  • Best Practice
  • Restrukturierung von Banken
  • Politische Umwälzungen als Geschäftsrisiko
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Seit ESUG heißt das Zauberwort „Schutzschirmverfahren“ und Eigenverwaltung. Unternehmer, in existenzielle Krisen geraten, sollen selbstbestimmt die Möglichkeit erhalten, ihr Unternehmen zu sanieren, und zwar als Belohnung für die bedeutend frühere Antragstellung mit allen Mitteln des Insolvenzrechts.

Die Praxis zeigt: Ein Großteil dieser Verfahren endet für den Unternehmer in einem Fiasko. Nicht, dass es das Unternehmen nach der kurzen Restrukturierungszeit über einen Insolvenzplan nicht noch geben würde, es gehört dann aber zumeist einem anderen.

ESUG enteignet den existenzbedrohten Unternehmer quasi

Das liegt daran, dass der Erhalt der Gesellschafterstruktur dem Insolvenzrecht bisher fremd war. ESUG sei Insolvenzrecht und eine „Rückübereignung“ an den Unternehmer erst möglich, wenn 100% aller Gläubigerforderungen erfüllt seien, so die Argumentation. Damit steckt die Branche aber auch in der Klemme. Dass der Unternehmer über den Plan quasi enteignet wurde, liest man in den Presseveröffentlichungen „erfolgreicher“ Schutzschirm- Verfahren – wenn überhaupt – nur sehr verklausuliert.

Um es vorweg zu nehmen. Die Wahrung von Gläubigerinteressen ist ein wichtiges und wesentliches Grundprinzip jeder Sanierung.

Im familiengeführten Mittelstand gehört dazu aber entscheidend der Erhalt der unternehmerischen Struktur. Lieferanten, Kunden, Mitarbeiter und Kreditgeber profitieren davon, wenn über Generationen aufgebautes Vertrauen und persönliche Beziehungen im Unternehmen bewahrt werden. Somit ist die „ESUG Kultur“ des Eigenverwalters (Beraters) und des ihn begleitenden Sachwalters entscheidend. Wir verstehen das Schutzschirmverfahren als Sanierungsrecht und unser Focus ist die Sanierung mit dem Unternehmer, statt über ihn hinweg.

Sanierung mit dem Unternehmer, statt über ihn hinweg

Sanierung Fakten StatistikEs geht auch anders: 2012 wurde WINTERHOFF mit der Restrukturierung und Sanierung eines namentlich hier nicht benannten großen Familienkonzerns (Umsatz > 130 Mio, 650 MA) beauftragt. Anfang 2013 war klar, dass das Unternehmen angesichts der höchsten Verluste der Unternehmensgeschichte, hoher Pensionsverpflichtungen und jahrelanger Krisen ohne massive Schritte nicht überleben kann. Die Gesellschafter beschlossen in den Schutzschirm zu gehen und RA Winterhoff die Alleinvertretungsbefugnis zu übertragen, der gleichzeitig einen weiteren CRO als Geschäftsführer in die Mitgeschäftsführung einsetzen ließ.

Am Ende der Restrukturierungsphase über diese Doppelspitze konnte der Konzern zu 100% in Familienhand erhalten werden und eine deutliche Besserstellung der Gläubiger durch den Sanierungsplan erreicht werden.

Jedoch – und das ist der Sinn eines Vergleichs – nicht ohne Gegenleistung. Die Gesellschafter leisten über den Plan ein Drittel aller Rückzahlungen aus dem Unternehmen und haben das betriebsnotwendige Vermögen in das Unternehmen eingebracht. Dies ist Ausdruck der Verantwortung eines Familienunternehmers für sein Unternehmen, das wir bei Finanzinvestoren regelmäßig vermissen.

Die Unternehmensgruppe, die 90% Ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaftet, wurde intern umgebaut, stabilisiert und mit Hilfe des Insolvenz­rechts über einen Sanierungsplan saniert, der eine gestreckte garantierte Rückzahlung an die Gläubiger mit einer Quote von 65% über 5 Jahre vorsieht.

Das Unternehmen selbst hat einen Sanierungs­tarifvertrag erhalten, der als Gegenleistung mit einer vom Unternehmer ausgesprochenen Standort- und Beschäftigungssicherung verknüpft wird.

Sanierungsmaßnahmen müssen auch nachhaltig in der Zukunft umgesetzt werden

Der Einsatz der Sanierungsgeschäftsführung endete erst neun Monate nach Planbestätigung. Zwar gibt uns das Insolvenzrecht vielfältige Sanierungsinstrumente, die Nachhaltigkeit der Maßnahmen in einem oftmals über Jahrzehnte verkrusteten System kann man nur dann durchsetzen, wenn man auch dafür sorgt, dass die ergriffenen Maßnahmen nachhaltig in der Zukunft umgesetzt werden. Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei einem zu 90% im Ausland tätigen Maschinen- und Anlagenbauer war eine zurückhaltende Pressearbeit auch der Berater.

Das Unternehmen hat im zweiten Jahr nach der Sanierung ein operativ positives Ergebnis. Die Bücher sind erstmalig seit Jahren mit guten Aufträgen gefüllt. Die Rückzahlung der Forderungen erfolgt planmäßig. Und das Wichtigste: Es ist nach wie vor ein regional verwurzeltes und traditionsreiches Familienunternehmen. Mit der einstimmigen Annahme des Plans sind die Gläubiger ein wenig Teil dieser Familie geworden.

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