Pfleiderer: Vom Insolvenzfall zur erfolgreichen Blue Chip Company

Pfleiderer: Vom Insolvenzfall zur erfolgreichen Blue Chip Company

von Michael Wolff und Dr. Michael F. Keppel

Kaum drei Jahre nach der Planinsolvenz kehrt der Holzwerkhersteller aus Neumarkt in der Oberpfalz an die Börse zurück. Heute steht die Pfleiderer Gruppe als börsengelistetes europäisches Unternehmen mit einer starken Wachstumsperspektive und einem starken Führungsteam da – das erfolgreiche Ergebnis einer komplexen Restrukturierungsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

Entscheidend für die Erholung des Unternehmens waren die frühzeitige Nutzung des Sanierungsinstruments Planinsolvenz in Eigenverwaltung unter dem neuen Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), der Einstieg und die aktive Rolle des Finanzinvestors Atlantik S.A. während der Restrukturierung sowie die von Atlantik angestoßene Refinanzierung über einen High Yield Bond innerhalb von nur anderthalb Jahren nach der Insolvenz.

Die Ausgangslage

Um seinen aggressiven Wachstumskurs zu finanzieren, häuft das Unternehmen ab 2005 einen Schuldenberg auf, bis die damals in Deutschland börsennotierte Pfleiderer AG in Folge der Finanzkrise 2009/2010 unter der Last von 1,4 Milliarden Euro Schulden zusammenzubrechen drohte. Ein erster Restrukturierungsplan, der einen Debt-to-Equity Swap vorsah, scheiterte 2012 an der Klage einzelner Aktionäre.
Das Scheitern dieses ersten Plans bringt Pfleiderer an den Rand einer Existenzkrise. Um das Ruder herumzureißen, wird ein völlig neues Restrukturierungsprogramm aufgesetzt, welches das Unternehmen finanziell wie operativ auf neue Beine stellt.

Die Planinsolvenz

Die finanzielle Restrukturierung beginnt noch 2012 mit der Planinsolvenz. Als erstes Unternehmen überhaupt setzt Pfleiderer eine Restrukturierung als Planinsolvenz in Eigenverwaltung unter dem neuen ESUG in einer Rekordzeit von nur neun Monaten um. Noch während der Insolvenz steigt die vom Restrukturierungs-Experten Dr. Michael Keppel geführte Atlantik S.A. ein und übernimmt die aktive Steuerung der Restrukturierung. Mit der Umwandlung der Pfleiderer AG in eine GmbH wird die in Luxemburg notierte und eigens für die Restrukturierung aufgesetzte Aktiengesellschaft hundertprozentiger Eigentümer. Gemeinsam mit einem neu aufgestellten Management und externen Beratern treibt Atlantik in Folge die umfassende operative und finanzielle Restrukturierung des Unternehmens voran. Das frühzeitig abgeschlossene Stillhalte-Abkommen mit den Gläubigern verschafft dabei dem Unternehmen Luft, um einen soliden Restrukturierungsplan zu erarbeiten.

Anfang 2013 werden Michael Wolff als neuer CEO und Richard Mayer als CFO eingesetzt. 2014 folgt Dr. Gerd Schubert als neuer COO. Unter der neuen Führung richtet sich das Unternehmen mit seinen Geschäftsbereichen Core West (Pfleiderer GmbH) und Core East (Pfleiderer Grajewo S.A.) konsequent auf den europäischen Markt aus, treibt die Entwicklung vom Volumen- zum Premiumanbieter voran und stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit durch umfassende und nachhaltige Investitionen. Gleichzeitig werden die Administrations- und Vertriebskosten signifikant gesenkt. Als Folge der schon 2011 begonnenen Sanierungsmaßnahmen werden insgesamt rund 2.500 Stellen abgebaut und der Umsatz von 1,8 auf 1,0 Milliarden Euro reduziert. Drei Werke werden geschlossen und Unternehmensteile verkauft. Die komplexen Gesellschaftsstrukturen werden angepasst und die Zahl der Gesellschaften von über 50 auf acht reduziert.

Um dem Unternehmen finanziell Luft zu verschaffen, übernimmt Atlantik im Rahmen eines Debt-Push-Ups die Verbindlichkeiten der AG und erhöht das Kapital um 30 Millionen Euro. Gleichzeitig übernimmt Atlantik eine Reihe von noncore Unternehmensteilen, um das Unternehmen und seine operativen Strukturen weiter zu entlasten.

Ausgabe eines High Yield Bond

Nur 18 Monate nach der Planinsolvenz folgt mit der Ausgabe eines High Yield Bonds in Höhe von 320 Millionen Euro der zweite Meilenstein in der finanziellen Restrukturierung des Unternehmens, der zur Ablöse bestehender Restrukturierungskredite genutzt wird. Zusätzlich erhält das Unternehmen eine Super Senior Revolving Credit Facility (RCF) in Höhe von 60 Millionen Euro. Zwischen dem High Yield Bond und dem Super Senior RCF wird eine separate Gläubigervereinbarung aufgestellt. Atlantik unterstützt aktiv die Refinanzierung sowie die damit zusammenhängende Rückführung der Bankverbindlichkeiten und Änderungen der Kreditdokumentation.

Den krönenden Abschluss dieser komplexen Restrukturierung bildet schließlich die funktionale und legale Vollintegration der Gruppe im Rahmen eines komplexen und bis dato in Europa eher unüblichen Re-IPOs, der von Atlantik maßgeblich vorangetrieben wird.

Im Rahmen dieser Transaktion übernimmt die in Warschau mit einem Minderheitsanteil börsennotierte Pfleiderer Grajewo S.A. 2015 über einen Reverse Takeover ihre vormalige Muttergesellschaft Pfleiderer GmbH. Bereits im Januar 2016 notiert die Pfleiderer Gruppe als vollständig integriertes und nachhaltig gestärktes Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von rund 1 Milliarde Euro und über 3.300 Mitarbeitern an der Warschauer Börse. Zwei starke Ankerinvestoren, Atlantik S.A. gemeinsam mit dem Finanzinvestor Strategic Value Partners (SVP Global) sorgen auf Gesellschafterseite langfristig für stabile Verhältnisse.

Die beeindruckende Erfolgsgeschichte wird von den Ratingagenturen Moody’s und Standard & Poor’s honoriert: Sie heben das Rating von Pfleiderer auf B+ mit positivem Ausblick an. Darüber hinaus wurde Pfleiderer in den mWIG40 Index aufgenommen.

Erfolgsfaktoren der Restrukturierung

„Eine klare Strategie, starke Führungsstrukturen und ein aktiver Gesellschafter waren unerlässlich für den Erfolg unserer Restrukturierung“, sagt Michael Wolff, CEO der Pfleiderer Gruppe. Dazu gehöre die offene, zeitnahe und kontinuierliche Information aller Stakeholder über alle Phasen der Restrukturierung hinweg. Nur so könne die Umsetzung der ersten und schmerzhaften Schritte, die zur kompromisslosen Fokussierung auf den „gesunden Kern“ des Unternehmens unabdingbar sind, gelingen. Die enge und aktive Koordination aller Maßnahmen zwischen Vorstand, Aufsichtsrat, Gesellschaftern und externen Beratern, sowie die Einbeziehung aller Leistungsträger im Unternehmen waren dabei unabdingbar für die erfolgreiche Bewältigung dieser hochkomplexen Restrukturierung.

„Die Zusammenführung der sehr unterschiedlichen Interessen der beteiligten Stakeholder war für den Erfolg der einzelnen Refinanzierungs- und Restrukturierungsschritte des Unternehmens von entscheidender Bedeutung“, sagt Dr. Michael Keppel, Vorstand der Atlantik S.A. und Aufsichtsrat der Pfleiderer GmbH und Pfleiderer Grajewo S.A.
Dabei war es wichtig, den Druck auch nach den ersten Erfolgen nicht zu verringern und den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu verfolgen. Klare Kommunikation nach innen und außen half, das Momentum aufrechtzuerhalten. Zusätzlich, so zeigt der Fall Pfleiderer, bedarf es in dieser Phase der Neuaufstellung neuer und innovativer Anreizsysteme für die Führungskräfte, um die nächsten, höheren Ziele in der laufenden Restrukturierung erreichen zu können.

Schließlich müssen alle Maßnahmen in einer Gesamtprogrammsteuerung zusammengeführt und zeitnah überprüft werden. Über allem steht eine offene, aktive Kommunikation an alle Beteiligten, um das Vertrauen in das Unternehmen und seine Zukunftsfähigkeit zurückzugewinnen. Auch diese Bedingung einer erfolgreichen Restrukturierung wurde im Fall Pfleiderer eindrucksvoll unterstrichen.

Blick nach vorn

Heute ist die Pfleiderer Gruppe ein wachstumsstarkes europäisches Blue Chip-Unternehmen mit einem Konzernumsatz (in den ersten neun Monaten 2015) von 741,9 Millionen Euro und einem EBITDA von 96 Millionen Euro.

„Nach dieser anspruchsvollen, aber höchst erfolgreichen Restrukturierung blicken wir nun nach vorne und freuen uns auf eine erfolgreiche Zukunft“, sagt Michael Wolff. „Jetzt konzentrieren wir uns auf die weitere Optimierung der Geschäftsabläufe, die weitere Stärkung unseres Geschäftsmodells, geographisches Wachstum in Polen, Ost- und Südosteuropa und eine Welle von Innovationen und neuen Technologien, um unsere Premium-Strategie konsequent voranzutreiben.“

Mittelfristig strebt die Pfleiderer Gruppe wieder eine Unternehmensgröße von annähernd 1,5 Milliarden Euro an – solide finanziert, mit einem EBITDA von durchschnittlich 15%.

Michael Wolff und Dr. Michael F. KeppelMichael Wolff ist CEO der Pfleiderer Gruppe.
Dr. Michael F. Keppel ist Managing Director der Atlantik S.A. Luxemburg und Aufsichtsratsvorsitzender der Pfleiderer GmbH.


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