Neue Anforderungen an Restrukturierungs- und Sanierungskonzepte: Ist die Einbeziehung von ESG-Kriterien und Cyber-Sicherheit zwingend notwendig und durch wen sollten diese beurteilt werden?

Neue Anforderungen an Restrukturierungs- und Sanierungskonzepte: Ist die Einbeziehung von ESG-Kriterien und Cyber-Sicherheit zwingend notwendig und durch wen sollten diese beurteilt werden?

Christoph Schaller, Partner | Financial Advisory, Turnaround & Restructuring, Deloitte, www.deloitte.com

Regulatorische und marktseitige Veränderungen haben dazu geführt, dass der Einhaltung von ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) eine zunehmend größere Bedeutung beigemessen wird und Finanzierer eine ESG-Beurteilung als Pflichtbestandteil von Restrukturierungs- und Sanierungskonzepten einfordern. Bei der Einschätzung der Einhaltung der ESG-Kriterien ist es wichtig, dass in einem ersten Schritt die Bedeutung von ESG für das jeweilige Geschäftsmodell beurteilt wird. In einem zweiten Schritt erfolgt dann die Bewertung der „Readiness“ des Unternehmens im Hinblick auf die verschiedenen ESG-Kriterien. Neben der Beurteilung der aktuellen gesetzlichen Anforderungen und Trends ist auch eine solche hinsichtlich der zukünftigen Anforderungen und Branchentrends – auch für mittelständische Unternehmen – notwendig, um eine verlässliche Einschätzung vorzunehmen und somit die Risiken für das Geschäftsmodell zu bewerten.

Auch die Beurteilung der Cyber-Sicherheit hat aufgrund der gestiegenen Cyber-Kriminalität in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Durch die zunehmende Vernetzung, das Cloud-Computing und die am Anfang der COVID-19-Pandemie kurzfristige Umstellung auf das Homeoffice wurden v.a. das Einschleusen von Schadsoftware und hierüber das Sperren betriebsnotwendiger Systeme immer beliebter (sog. Ransomware). Nachdem das System ausgebremst ist, erfolgt eine Entsperrung regelmäßig erst nach Erhalt der Lösegeldzahlung. Die entsprechende Forderung ist wiederum an den aktuellen Liquiditätsverhältnissen des Unternehmens ausgerichtet und zeitlich gestaffelt. Hackerangriffe und Lösegeldforderungen machen auch vor Krisenunternehmen keinen Halt. Diese sind allzu häufig sogar gern genommene Ziele, da jahrelang keine ausreichenden Budgets für die Cyber-Sicherheit vorhanden waren und entsprechend geringe Sicherheitsstandards vorherrschen.

Beide Themenfelder haben somit auch in der Restrukturierung und Sanierung eine deutlich höhere Relevanz erlangt. Doch wie soll ein Fachmann für die leistungs- und finanzwirtschaftliche Neuausrichtung von Unternehmen diesen speziellen Anforderungen gerecht werden?

Viele Dienstleister setzen hierbei auf motivierte Mitarbeiter, die sich selbstständig in die Themenfelder einarbeiten. Da es sich hierbei jedoch um sehr spezielle und komplexe Aspekte handelt, die zudem einem ständigen Wandel unterliegen, erscheint dieser Ansatz nicht vorzugswürdig. Ohne fundierte Fachexpertise und entsprechende Erfahrungen ist eine sachgerechte Beurteilung der ESG-Readiness und der Cyber-Risiken nicht möglich. Daher ist es wichtig, dass echte Fachexpertise in Form eigener Mitarbeiter mit entsprechender Ausbildung/Vorerfahrung oder eine Kooperation mit einem spezialisierten Unternehmen etabliert wird, damit die Themen fundiert und adressatengerecht aufbereitet werden können. Restrukturierungs- und Sanierungsberater ohne solchen Know-how-Zugang – sei es über eigene qualifizierte Mitarbeiter oder ein entsprechendes Netzwerk – laufen Gefahr, künftig bei Auftragsvergaben für größere Sanierungsfälle keine Berücksichtigung mehr zu finden.