Möglichkeiten der Treuhandschaft oft unterschätzt

Möglichkeiten der Treuhandschaft oft unterschätzt

von Prof. Dr. Markus Stadler

die doppelnützige Restrukturierungstreuhand

In der Sanierungspraxis hat sich in den letzten Jahren die doppelnützige Restrukturierungstreuhand fest etabliert. Der Sanierungsprozess soll auf Gesellschafterseite mit dem Treuhänder als neutrale und sanierungserfahrene Instanz durch eine entsprechende Ausübung der Gesellschafterrechte unterstützt werden, wozu auch die Einsetzung und Überwachung eines erfahrenen Restrukturierungsmanagements einschließlich eines CRO gehört.

Dies liegt insbesondere auch im Interesse der Gesellschafter, die so einen erforderlichen harten Sanierungsprozess mit Unterstützung des Treuhänders umsetzen können, ohne selbst in die Schuhe des Sanierers schlüpfen zu müssen. Ist der Restrukturierungsprozess erfolgreich, erhalten die Gesellschafter ein saniertes Unternehmen zurück. Andererseits dient die Treuhand als „atypische Kreditsicherheit“ auch den begünstigten Finanzierern, insbesondere bei Eintritt des sog. Bedingungsfalles (meist Covenant Breach); dann ist die Treuhänderin meist beauftragt, einen Kapitalgenerierungs- oder Verkaufsprozess als strukturierten M&A Prozess durchzuführen. Ziel ist es stets, die Restrukturierung im Interesse der Treugeber (wirtschaftliche Gesellschafter) und der Banken erfolgreich abzuschließen.

Doch Treuhandmodelle für Gesellschaftsanteile können auch jenseits der klassischen doppelnützigen Restrukturierungstreuhand ein flexibles Werkzeug im „Restrukturierungsbaukasten“ sein. Dabei haben Treuhandmodelle stets den Vorteil, dass sie als vertragliche Vereinbarungen aufgrund der Vertragsfreiheit weitgehend flexibel ausgestaltet und so jedem Einzelfall gerecht werden können. Diese rechtlichen Möglichkeiten der flexiblen Vertragsgestaltung sollten aber auch tatsächlich ausgeschöpft werden, die Interessen der Beteiligten in jedem Einzelfall genau analysiert und der jeweilige Treuhandvertrag dann möglichst genau an diese Interessen angepasst werden; Treuhandlösungen „von der Stange“ erfüllen in den seltensten Fällen ihren Zweck.

Gelpanter Verkauf eines insolventen Unternehmens

So können Treuhandmodelle auch in der Insolvenz ein wirksames Mittel für die Betriebsfortführung und späteren Verkauf des insolventen Unternehmens sein. Ähnlich einer Art Auffanggesellschaft kann dabei ein im Kern profitables – oder durch Restrukturierungsmaßnahmen profitabel zu machendes Unternehmen – frühzeitig im Insolvenzverfahren auf eine Treuhandgesellschaft übertragen werden. Dies bietet sich insbesondere dann an, wenn vor einem Verkauf noch Restrukturierungsmaßnahmen durchgeführt werden sollen, um später einen wertmaximierenden Verkauf umsetzen zu können. Durch Übertragung des Geschäftsbetriebes auf eine neue Gesellschaft wird vermieden, dass der Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb längere Zeit selbst fortführt, und damit die Außenwirkung des Insolvenzverfahrens gegenüber Kunden und Lieferanten minimiert. Rechtstechnisch bringt der Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb einschließlich etwaiger Beteiligungen (z.B. ausländische Töchter) in eine neu gegründete Auffanggesellschaft ein, die von dieser ausgegebenen Anteile werden sodann von einem Treuhand-SPV übernommen; dadurch kann das Unternehmen „insolvenzfern“ nicht nur auf Gesellschafts-, sondern auch auf Gesellschafterseite betrieben werden. Der Treuhänder kann dabei die Restrukturierung vor einem Verkauf unterstützen und dann das richtige Zeitfenster für einen M&A Prozess wählen; dem Investor kann somit ein Share Deal an den Anteilen der Auffanggesellschaft angeboten werden, was zusätzliche Vorteile bei der Transaktionsabwicklung hat. Das wirtschaftliche Ergebnis steht dem Insolvenzverwalter als Treugeber zu. Dabei handelt es sich rechtlich nicht um eine doppelnützige Treuhand, sondern um eine einseitige Verwaltungs- und Verwertungstreuhand mit dem Insolvenzverwalter als Treugeber.

Die Dekonsolidierung

Eine weitere Fallgruppe betrifft Konzerne oder Beteiligungsgesellschaften, die sich von bestimmten Beteiligungen trennen möchten, ohne dass ein Verkauf möglich oder ein Insolvenzverfahren erwünscht ist. Dies sind insbesondere Fälle einer gewünschten Dekonsolidierung (z.B. weil Margen- oder Gewinnverschlechterungen des Konzernergebnisses durch schwache Beteiligungsgesellschaften verhindert werden sollen). Auch hier ist die Übernahme durch einen „Treuhänder“ eine mögliche Option, wobei dieser dann – um den gewünschten Dekonsolidierungseffekt zu erreichen – mehr als Sanierungsgesellschafter tätig ist, d.h. das wirtschaftliche Ergebnis steht dem Sanierungsgesellschafter zu, ebenso wie die Kontrolle. Dabei muss der Sanierungsgesellschafter darauf achten, dass das Unternehmen auf der Basis eines tragfähigen Sanierungskonzeptes fortgeführt wird. Je nach Verlauf des Restrukturierungsprozesses kann der Sanierungsgesellschafter das Unternehmen dann an einen Dritten Investor verkaufen oder ggf. in saniertem Zustand an den ursprünglichen Gesellschafter zurückübertragen.

Treuhandmodelle bieten sich insbesondere dann an, wenn vor einem Verkauf noch Restrukturierungsmaßnahmen durchgeführt werden sollen, um später einen wertmaximierenden Verkauf umsetzen zu können.

Über den Autor:

Prof. Dr. Markus Stadler ist Partner bei Wellensiek Rechtsanwälte PartG mbB und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management.Prof. Dr. Markus Stadlerist Partner bei Wellensiek Rechtsanwälte PartG mbB und
Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management.


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