Lasst den Markt entscheiden!

von Klaus Windheuser

Die Corona-Hilfen für Unternehmen waren notwendig, um die schlimmsten Folgen der Pandemie zu lindern. Allein in Deutschland sind über 100 Milliarden Euro an Wirtschaftshilfen bewilligt worden, um die Wirtschaft zu stabilisieren, Arbeitsplätze zu sichern und die Substanz der Unternehmen zu erhalten. Leider sind die Hilfen insbesondere zu Beginn mit starker Verzögerung ausgezahlt worden, was für viele existenzbedrohend war.

Schuldenlast der Unternehmen wird zum Problem
Für viele Unternehmen in Deutschland stellt die erhöhte Verschuldung mittlerweile ein ernsthaftes Problem dar. Eine Untersuchung der Boston Consulting Group von mehr als 400 Firmen aus 30 Branchen hat ergeben: Allein bis zum Sommer 2020 ist deren Verschuldung im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent auf 1,5 Billionen Euro gestiegen. Eine wesentliche Ursache dafür waren die staatlichen Corona-Hilfen und Kreditprogramme in diversen notleidenden Branchen.
Während der Pandemie sind die Gewinne und Eigenkapitalquoten zahlreicher Firmen teilweise kräftig gesunken – bei steigender Verschuldung. Hinzu kommt: Sobald die Konjunktur wieder anspringt, brauchen die
Unternehmen dringend Kapital, um ihr Geschäft wieder hochzufahren und um in die teilweise anzupassenden Geschäftsmodelle zu investieren. Das wird mit der pandemiebedingt hohen Verschuldung zu einer Herausforderung.

„Zombiewirtschaft“ darf keine Alternative sein
Das gemeinsame Ziel der Politik und der Finanzwirtschaft sollte sein, auch in Zukunft funktionierende Geschäftsmodelle zu erhalten. Der Mittelstand ist innovativ und anpassungsfähig, das hat sich auch in der Pandemie wieder in  beeindruckender Weise gezeigt. Genauso wichtig ist aber auch, dass nicht funktionierende, nur über Hilfsprogramme am Leben gehaltene Unternehmen, sogenannte „Zombie-Unternehmen“, aus dem Markt ausscheiden. Genau dafür ist das Insolvenzrecht wichtig, denn ein natürlicher Ausleseprozess ist Teil einer funktionierenden Marktwirtschaft und schützt funktionierende Unternehmen. Schon vor der Corona-Krise hat die expansive Geldpolitik der Europäischen  Zentralbank die Gefahr einer Zombifizierung der Wirtschaft angeheizt. Den Übergang in eine neue Post-Corona-Normalität mit geeigneten Instrumenten zu begleiten, zu steuern und die Marktkräfte auf intelligente Weise neu zu entfesseln, wird eine anspruchsvolle, aber ebenso wichtige Aufgabe sein. Es braucht einen smart shift! Wichtig wird sein, die „richtigen“ Unternehmen durch Strukturierung der Passivseite vor der Insolvenz zu bewahren. Denkbar ist beispielsweise, bei funktionierenden Geschäftsmodellen und erhaltenswerten Wirtschaftsstrukturen, die Umwandlung der die Bilanz belastenden Förderdarlehen in Zuschüsse. Zu klären ist dann die Frage, wie diese Förderung beihilferechtlich zu bewerten ist, denn Zuschüsse können eine Wettbewerbsverzerrung im Markt auslösen. Zudem muss die gesamte Passivseite angesehen und strukturiert werden. Dabei müssen auch mögliche Liquiditätslieferanten der Aktivseite wie Factoring, Leasing oder auch der Verkauf von Assets betrachtet werden. Der Vorteil von Krediten gegenüber Zuschüssen ist, dass Unternehmen und ihre kreditgebenden Banken kritisch überprüfen müssen, ob das Geschäftsmodell ihrer Kunden längerfristig trägt. Hausbanken sind dazu aufgrund Ihrer Nähe zum Unternehmen besonders geeignet. In Einzelfällen werden auch harte Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn das der Strukturwandel erfordert.

Sparkassen und öffentliche Finanzierer als Partner verstehen
Sparkassen, die während der Pandemie eng mit der KfW und ihren verschiedenen Hilfsprogrammen gearbeitet haben, können beim Übergang von öffentlichen Krediten hin zu marktwirtschaftlichen Finanzierungsformen in der Zeit nach Corona eine wichtige Rolle spielen. Ihr Vorteil: Sie pflegen zu den Firmenkunden ihrer Region enge, vertrauensvolle und oft über Jahrzehnte gewachsene Verbindungen. Das hilft sehr, die Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen beurteilen zu können. Viele Sparkassen verfügen zudem über eine hohe Expertise in der Passivseitenstrukturierung, also bei der Optimierung von Eigenkapital und Verbindlichkeiten. Wichtig ist, dass sich die finanzierenden Banken und öffentliche Einrichtungen vor Ort als Partner verstehen und offen miteinander kommunizieren. Auch die Einbindung öffentlicher Bürgschaften kann in der Übergangsphase ein wichtiges Instrument sein. Von elementarer Wichtigkeit ist die offene und ungeschönte Kommunikation der Unternehmen mit Ihren Finanzierungspartnern. Nur dann ist eine zukunftsfähige Beratung möglich. Denn alle eint das gemeinsame Ziel: dem Mittelstand als vielzitiertem „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ mit Schwung und guten Ideen aus dem Corona-Tal zu helfen. ■

Wichtig wird sein, die „richtigen“ Unternehmen durch Strukturierung der Passivseite vor der Insolvenz zu bewahren.

Klaus Windheuser, Vorstandsmitglied der Sparkasse Bremen

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz“ erschienen.

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