Politische Umwälzungen als Geschäftsrisiko

Krisen Einfluss Wirtschaft Mittelstand DeutschlandWelchen direkten Einfluss hat die Wahl in Griechenland auf die deutsche Wirtschaft?  Was macht Terror-Organisationen wie ISIS so gefährlich für unser Wirtschaftssystem?  Und wie müssen sich die Entscheider verhalten, die auf den „Weckruf“ Industrie 4.0 bislang noch nicht reagiert haben?

 

Restrukturierung Journal 2015Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Restrukturierung – Sanierung -Insolvenz“, das Sie ab sofort kostenlos downloaden können. Hier berichten 18 Autoren zu den Themen:

  • Führung in der Krise
  • Business Transformation
  • Best Practice
  • Restrukturierung von Banken
  • Politische Umwälzungen als Geschäftsrisiko
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Herr Huber, ist unsere liberale Wirtschaftspolitik derzeit aufgrund der zahlreichen internationalen Krisen in Gefahr?

Stefan Huber: Die aktuellen Krisen wie beispielsweise der Terror im Nahen Osten, auch durch den Islamischen Staat, halten sich nicht an Landesgrenzen. Das macht sie besonders gefährlich. Zudem haben die Terror-Organisationen m.E. längst erkannt, dass sie unser Wirtschaftssystem leicht angreifen können, indem sie gezielt wichtige wirtschaftliche Ziele attackieren und das mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Unser System muss dagegen einen erheblichen Aufwand betreiben, um eine stabile Wirtschaft und freien Handel zu gewährleisten.

Bisher unbekannte Risiken bedrohen die Konjunktur

Neue, uns bisher eher unbekannte Risiken bedrohen die Konjunktur. Die Unternehmen werden in ihrer Expansionspolitik gebremst, da gerade im arabischen Raum die Vergabe von Aufträgen stark eingeschränkt ist. Ähnlich verhält es sich mit Investitionen in bisherigen Hoffnungsländern, z. B. Nigeria, wo die Boko Haram ihr Unwesen treibt. Geplante Investitionen in diesem Land sind vorerst „auf Eis“ gelegt.

Auch wegen der weltweiten Krisen hält sich der deutsche Mittelstand mit großen Investitionen zurück. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Studie „Diagnose Mittelstand“ des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Der Investitionsstau hat sich nicht aufgelöst, weshalb einige Mittelständler durch die fehlenden Investitionen „ins Hintertreffen“ geraten könnten.

Wird momentan das „normale“ Maß an Instabilität im Außenhandel überschritten und welche Konsequenzen hat das für unsere Wirtschaft?

Stefan Huber: Obwohl erste Prognosen eine weiterhin stabile deutsche Exportwirtschaft in 2015 vor­aussagen, was u.a. damit zusammenhängt, dass sich das Thema Ukraine-Krise entschärfen könnte, sowie der aktuell schwache Eurokurs, sind die Auswirkungen vor allem auf den Mittelstand derzeit noch nicht vollumfänglich abzusehen.

Der Verfall des Rubels und die Folgen der immer schärferen Sanktionsspirale wirken sich merklich auf heimische Branchen wie z.B. die Automobilindustrie und den Maschinenbau aus. Die Russland-Exporte der deutschen Maschinenbauer sind im letzten Jahr spürbar eingebrochen. Auch für die deutschen Autobauer, für die es schon seit geraumer Zeit unabhängig von der politischen Lage auf dem russischen Markt nicht rund läuft, verschärft dieser Konflikt die bereits bestehende Absatzschwäche. Namhafte Unternehmen vieler Branchen haben aktuell ihre Investitionen in Russland vorerst zurückgestellt. Die Auswirkungen dieser Entscheidungen auf die entsprechenden Unternehmen sind teilweise erheblich.

Zudem bleibt in vielen europäischen Ländern der Zugang zu Krediten für Kunden deutscher Waren ein Problem. Deutsche Unternehmen müssen die Finanzierung z.T. selbst mitbringen oder mit einer merklichen Verzögerung bei ihren Aufträgen rechnen.

Wahl in Griechenland hat keinen Einfluss auf den deutschen Mittelstand

Hat das aktuelle Wahlergebnis in Griechenland direkten Einfluss auf die deutsche Wirtschaft?

Stefan Huber: M.E. nein, zumindest nicht auf den deutschen Mittelstand, da Griechenland für Branchen wie z.B. die Automobilindustrie und den Anlagen- und Maschinebau nur eine sehr untergeordnete Exportrolle spielt. Problematisch wären nur Ansteckungseffekte in anderen Ländern oder im gesamten Europaraum.

Von welchen Krisen ist Ihrer Meinung nach der Mittelstand besonders betroffen?

Stefan Huber: Abgesehen von allen verständlichen Sorgen bezüglich internationaler Krisen sehe ich auch aktuelle, naheliegende Risiken, von denen der deutsche Mittelstand direkt betroffen sein könnte. Die Effekte des Mindestlohns verunsichern derzeit noch viele Unternehmen.

Als weitere Risiken sehe ich die Megatrends Klima­wandel, Rohstoffverknappung, Energie-Engpässe, demographischer Wandel und die weitere Digitalisierung (Industrie 4.0). All das wird die strategische Ausrichtung von Unternehmen in den kommenden Jahren maßgeblich mitbestimmen.

Trotzdem sagen Prognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute momentan eine Erholung im Euroraum voraus. Der aktuell niedrige Ölpreis gibt ebenfalls Anlass zu positivem Denken. Diese Faktoren wirken wie ein kostenloses Konjunkturprogramm. Davon werden alle, aber besonders der Mittelstand profitieren.

Industrie 4.0 als Weckruf an die Entscheider

Gibt es die Möglichkeit, einigen dieser Risiken effektiv vorzubeugen?

Stefan Huber: Ja, gerade Industrie 4.0 sollte als Weckruf an die Entscheider verstanden werden, die Chancen und Möglichkeiten moderner Technologien und des Internets tatsächlich zu nutzen bzw. den Gefahren dazu aktiv zu begegnen.

Welche Rolle spielt eine Unternehmensberatung wie Helbling bei Risikomanagement und/oder strategischer Neuausrichtung?

Stefan Huber: Unsere Rolle im Kontext dieser Fragestellungen kann sehr unterschiedlich sein. Im Bereich Risikomanagement beurteilen wir vorwiegend Supply Chain Risiken. Dabei bevorzugen wir eine proaktive Tätigkeit; leider werden wir aber auch hier oft zu spät gerufen und helfen dann bei der Schadensminimierung.

Fragestellungen zum „globalen Footprint“, der Wertschöpfungsstruktur, sind verbunden mit Finanzierungsfragen. In diesem Themenbereich liegt eine unserer Kernkompetenzen.

Bei strategischen Neuausrichtungen helfen uns die Kompetenzen all unserer Servicebereiche, da Neuausrichtung meist sowohl Abbau als auch Aufbau bedeutet.

Der Autor

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