Getrieben von den Banken?

von Dipl.-Kfm. Claudius Bensberg

Die weltweiten Lockdown-Maßnahmen als Reaktion auf die Corona-Pandemie haben im ersten Halbjahr 2020 nahezu alle Unternehmen zu massiven Kostensenkungen, Investitionsstopps sowie diversen Maßnahmen zur Liquiditätssicherung getrieben. Insbesondere die Sicherung zusätzlicher Kreditlinien sowie deren kurzfristige Inanspruchnahme erfolgte häufig auf der Basis sehr kurzfristig erstellter Szenariorechnungen. Da der Faktor Zeit aufgrund fehlender Umsätze gepaart mit weiterlaufenden Fixkosten extrem kritisch gesehen wurde, haben sich viele Unternehmen dazu verleiten lassen, in einer Phase höchster Unsicherheit bezüglich Dauer und Auswirkung der Lockdown-Maßnahmen, Pläne zu entwickeln und diese als Basis für die Verhandlung mit den jeweiligen Kreditgebern zu nutzen. Das Hauptaugenmerk dieser Planungen lag dabei in der Regel auf der Liquiditätssicherung zur Bewältigung der Corona-Krise.

Restrukturierung vor und in der Pandemie
Unternehmen, die sich ohnehin in einer Restrukturierungsphase befanden, droht hier mehrfaches Ungemach; insbesondere dann, wenn die erforderlichen Kosten der Restrukturierungsmaßnahmen nicht vollumfänglich in den Planungsrechnungen abgebildet waren, die Basis der zusätzlichen Kredite waren. Restrukturierungs- und Kosteneinsparungen sind zunächst einmal mit Kosten und Liquiditätsabflüssen verbunden. Häufig müssen zusätzlich Investitionen finanziert werden. Bei vielen Unternehmen wird der Handlungsspielraum zur Umsetzung solcher Maßnahmen aber durch die gesetzten Covenants aus den Finanzierungen begrenzt. Dies gilt umso mehr, wenn die im Vorjahr gesicherten Kreditlinien nicht mit zumindest temporären Covenants-Erleichterungen einhergehen.

Die Rolle der Banken
In den ersten beiden Quartalen des Vorjahres bestand eine große Bereitschaft der Geschäftsbanken, ihre Kunden bei der Ausweitung der Kreditlinien, Erleichterungen bei den Tilgungen sowie Aussetzung oder Anpassung bestehender Covenants zu unterstützen. Bei KfWKrediten haben die gewährten Bürgschaften geholfen. Trotzdem haben die Geschäftsbanken auch hier ihre eigene Risikoposition zusätzlich erhöht. Ab dem dritten Quartal 2021 war eine deutliche Abschwächung der Kreditgewährungsvolumina zu beobachten. Damit einhergehend wurden bei den Banken umfangreiche Analysen vorgenommen, um die erforderliche Risikovorsorge abzuschätzen. Auf der Basis wurden bei nahezu allen Geschäftsbanken auch die Kunden- und Industrieportfolios unter Risiko-Gesichtspunkten neu justiert. Unternehmen, die nun aufgrund fehlender Zielerreichung in Covenantsprobleme geraten, werden es ungleich schwerer haben, die Unterstützung der Geschäftsbanken bei weiteren Covenantsanpassungen oder gar Kreditausweitungen zu bekommen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Fehleinschätzungen bezüglich der Pandemieauswirkungen, Märkte oder auch der eigenen Kosten handelt.

Herausforderung Transformation in Corona-Zeiten
In Branchen mit hohem Transformationsdruck, insbesondere der Automobilzuliefererindustrie, wurden verlässliche Prognoserechnungen zusätzlich durch die offene Frage der Transformationsgeschwindigkeit erschwert. Umsatzausfälle oder -verschiebungen wegen der Halbleiterproblematik werden in den Umsatzplanungen, die im ersten Halbjahr 2020 den Banken vorgelegt wurden, nicht enthalten gewesen sein. Wenn sich zusätzlich die Risiko-Einschätzung der  Geschäftsbanken für diese Branchen, sei es aufgrund des eigenen Portfolio-Risikos oder schlicht der branchenspezifischen Erwartungen verschlechtert hat, werden weitere Unterstützungsmaßnahmen unwahrscheinlich. Erforderliche Restrukturierungsmaßnahmen wie Anpassungen der Mitarbeiteranzahl oder gar Werksschließungen bzw. die Schließung oder der Verkauf ganzer Sparten werden zwar häufig von den Banken angemahnt. Gleichzeitig wird die Umsetzung aber durch die gesetzten Covenants in Umfang und zeitlichem Ablauf beschränkt. Im Ergebnis werden betriebliche Entscheidungen in diesen Fällen nicht aufgrund strategischer oder betrieblicher Erfordernisse, sondern nach Maßgabe des durch die Covenants Möglichen getroffen. Wie erfolgsversprechend dieses Vorgehen ist, wird die Zukunft zeigen. ■

Das Hauptaugenmerk der Unternehmen lag auf der Liquiditätssicherung zur Bewältigung der Corona-Krise.

Dipl.-Kfm. Claudius Bensberg, Geschäftsführer/CFO, KIRCHHOFF Gruppe

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Restrukturierung, Sanierung, Insolvenz“ erschienen.

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