Die (fast) unüberwindbare Kluft zwischen Strategie und Umsetzung und wie man sie doch überwindet

Von Markus Tebel, Business Transformation Expert

Die allermeisten Unternehmen haben mit der Umsetzung ihrer Unternehmens- und/oder Restrukturierungsstrategie zu kämpfen. Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien von TopBeratungsfirmen (u.a. McKinsey, Bain, BCG), dass mehr als 70 % der Unternehmensstrategien an einer mangelnden Umsetzung scheitern. Im Durchschnitt realisieren Unternehmen nur zu etwa 60% das angestrebte Potential der neuen Ausrichtung. Zur gleichen Zeit bieten Beratungsgesellschaften wie auch Prozessberater ihre eigenen Konzepte und Methoden an, um genau die Kluft zwischen Strategie und Umsetzung zu überwinden. Aus der eigenen Praxiserfahrung im Restrukturierungsumfeld muss ich sagen: häufig nur mit mäßigem Erfolg.

Strategiekonzept + Schnelligkeit + Konsequenz = Restrukturierungserfolg
Worin liegt nun das Geheimnis erfolgreicher Strategieumsetzung und was kann das Top-Management in den Betrieben tun, um erfolgreich aus der (Restrukturierungs-)Krise zu kommen? Tatsächlich ist das Rezept für eine erfolgreiche Umsetzung von Unternehmensstrategien kein echtes Geheimnis, es lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Nur mit der schnellen und konsequenten Umsetzung eines ganzheitlichen Strategiekonzeptes wird die Restrukturierung zum Erfolg.
Doch so einfach, wie sich diese Formel in der Theorie anhört, so schwierig ist die Umsetzung in der Praxis. In den meisten Unternehmen gibt es Defizite in genau drei Bereichen: 1.) dem ganzheitlichen Strategiekonzept, 2.) der Schnelligkeit und 3.) der konsequenten Umsetzung der definierten Maßnahmen.

Die Kluft zwischen Strategie und Umsetzung
Für die Strategiedefinition beauftragt das TopManagement nicht selten externe Beratungen. Das Unternehmen und dessen Umfeld werden dabei analysiert und gemeinsam mit dem TopManagement wird die Strategie festgelegt. Diese beantwortet zwar die Ausrichtung des Unternehmens sowie die zu erwartenden finanziellen Ziele. Welche strukturellen und operativen Veränderungen und Maßnahmen dafür angegangen werden müssen, konkretisiert die Strategie hingegen nur in den seltensten Fällen. Ohne einen konkreten Umsetzungsplan entsteht jedoch erst die Kluft zwischen Strategie und Umsetzung.

Unnötige Konflikte kosten Zeit
Die Kluft zwischen der Strategie und der Umsetzung wird durch interne Konflikte stetig vergrößert. Bedingt durch den Einsatz externer Berater ist die Beteiligung der Fach- und Führungskräfte bei der Strategieentwicklung häufig nur auf die Bereitstellung von Daten und Interviewergebnissen beschränkt. Ein Mitwirken an der Gestaltung der Strategie ist nicht gegeben und teilweise sogar nicht gewollt. Anstatt bei der Umsetzung an konkreten Maßnahmen zu arbeiten, wird somit oft die gesamte Strategie in Frage gestellt und teilweise sogar boykottiert. Diese Konflikte sind unnötig, schädlich und kosten das Unternehmen wertvolle Zeit.

Ohne Konsequenz keine Ergebnisse
Die Verantwortung für die Umsetzung der Maßnahmen wird in den meisten Fällen an die Linienfunktion übergeben. Das hat große Vorteile, da die betroffenen Unternehmensbereiche somit auch zu Beteiligten der Restrukturierung werden. Was dabei jedoch fehlt, ist ein koordiniertes und unabhängiges Projektcontrolling, das aus konkreten Maßnahmen belastbare Ziele und KPIs definiert, diese überwacht und auch einfordert. Ohne diese konsequente Nachverfolgung der Restrukturierungsprozesse bekommen die Einzelmaßnahmen eine Eigendynamik, die nur noch schwer mit der eigentlichen Strategie in Einklang zu bringen ist. Die Kluft zwischen den gesteckten Strategiezielen und den gewünschten Ergebnissen wird somit immer größer und scheinbar unüberwindbar.

Die Kapitulation kommt zum Schluss
Wie überwindet man nun diese scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen Strategie und Umsetzung? In vielen Fällen kapituliert Für das Top-Management und die ursprüngliche Strategie landet in der Schublade. Häufig wird die Hoffnung dann in einen externen Umsetzungsexperten gelegt – einen Interim-Manager. Dieser kann jedoch ohne Kenntnis der ursprünglichen Strategie und angesichts der existierenden Konflikte nur bedingt erfolgreich sein.

Das Restrukturierungs-Team
Wie sieht nun eine erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensstrategie aus? Die erste und wichtigste Aufgabe ist die Benennung eines Programmmanagers, der den gesamten Prozess, angefangen bei der Strategiedefinition bis hin zur Umsetzung, verantwortet. Typischerweise handelt es sich um jemand aus der Unternehmensentwicklung oder um einen erfahrenen externen Interim-Manager. Unter dessen Leitung wird dann das Restrukturierungsteam aufgestellt, das sowohl strategische als auch operative Aufgaben übernehmen kann. Wichtig hierbei ist, dass alle betroffenen Unternehmensbereiche gleichermaßen im Team vertreten sind. Etwaige externe Berater bzw. Interim-Manager sollten ebenfalls von Anfang an in dem Team integriert sein. Mit dieser Konstellation wird die Akzeptanz aller Beteiligten im Unternehmen sichergestellt und Konflikte können vom Programm-Manager moderiert werden.

Das ganzheitliche Transformationskonzept
Der wesentliche Teil des Transformationskonzepts muss insgesamt fünf Fragenstellungen beantworten: 1.) Wie kann das Ziel der Neuausrichtung aussehen? 2.) Welche strukturellen Veränderungen müssen dafür umgesetzt werden? 3.) Wie verändern sich die operativen Prozesse und 4.) welche finanziellen Aufwendungen und Ergebnisse können damit erreicht werden? Die entscheidende und letzte Frage ist allerdings, 5.) wie alle (strategischen) Überlegungen auch in konkrete Maßnahmen überführt werden können. Das ist der entscheidende Grund, warum sowohl Strategieexperten als auch Umsetzungsspezialisten von Anfang an im Team vorhanden sein und zusammenspielen müssen. Somit ist sichergestellt, dass die Kluft zwischen Strategie und Umsetzung gar nicht erst entsteht.

Das Performance Management
Für die konsequente Nachverfolgung der Maßnahmen und Projekte bedarf es eines strengen Projektcontrollings. Diese Aufgabe wird dem Programm-Manger in einem eigens dafür eingerichteten Program Management Office (PMO) zuteil. Das entwickelte Umsetzungskonzept muss hier operationalisiert und in konkrete, messbare KPIs überführt werden. Nur dadurch wird die notwendige Transparenz in der Restrukturierung sichergestellt. Darüber hinaus sorgt das strikte Projektcontrolling erst für die Möglichkeit einer schnellen Nachjustierung im Falle sich verändernder Situationen im Projekt und Unternehmensumfeld.

FAZIT:
Die Umsetzung neuer Unternehmensstrategien, insbesondere die erfolgreiche Umsetzung von Neuausrichtungen, erlangt speziell in der aktuellen Corona-Krise noch größere Bedeutung. Selbst Unternehmen, die noch vor wenigen Monaten ein intaktes Geschäftsmodell ihr Eigen nennen konnten, müssen sich jetzt intensiv mit dem Thema Neuausrichtung und Restrukturierung beschäftigen. Sicherlich kann man über unterschiedliche Methoden und Konzepte der Restrukturierung diskutieren oder gar streiten – aber eines ist sicher: Ein Zurück zur alten Normalität wird es nicht mehr geben. ■

Für die konsequente Nachverfolgung der Maßnahmen und Projekte bedarf es eines strengen Projektcontrollings.

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