Braucht Deutschland einen Verhaltenskodex für Restrukturierung?

jaedeDr. Lutz Jäde, Partner, Oliver Wyman und Leiter Corporate Finance & Restructuring Practice

von Dr. Lutz Jäde

In der letztjährigen Restrukturierungsstudie von Oliver Wyman („Führung in der Krise“) kristallisierten sich vier wesentliche Erfolgsfaktoren heraus: Es gilt, den Handlungsbedarf früh zu erkennen und die richtigen Maßnahmen einzuleiten, zudem sollten die Beteiligten sich über die Ziele und das Vorgehen einig sein und alle Stakeholder eingebunden werden. Die Restrukturierung sollte zudem stringent umgesetzt werden.

Trotz der Kenntnis aller Erfolgsfaktoren werden in der Praxis viele Restrukturierungen durch das Verhalten Einzelner behindert oder scheitern sogar. An Restrukturierungsprozessen beteiligt sind neben spezialisierten Kreditbetreuern und Analysten der Fremdkapitalgeberseite auch CROs mit langjähriger Expertise sowie Anwälte und Berater. Doch worauf gilt es zu achten, wenn man über eine übergreifende Verhaltensoptimierung spricht?

Oliver Wyman hat hierzu rund 150 Experten aus unterschiedlichen Branchen befragt. Die Ergebnisse sind überraschend: Externe Rahmenbedingungen wie fehlende Gesetze spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Stattdessen sind die vier wichtigsten Auslöser für ein Fehlverhalten vielmehr auf der  persönlichen Ebene der Stakeholder zu finden:

  • Mangelnde Erfahrung in Krisensituationen – vor allem bei den Eigentümern und der Leitung des Unternehmens, die per se nicht regelmäßig in Restrukturierungsprozessen involviert sind.
  • Überzogener Ehrgeiz und Behauptungswille, aber auch Ignoranz, Fatalismus und Frust – gerade weil eine erfolgreiche, beziehungsweise gescheiterte Restrukturierung einen hohen Einfluss auf die persönliche Karriere der Beteiligten haben kann.
  • Mangelnder Handlungsspielraum, zum Beispiel aufgrund von Risikolimits der Finanzierer oder fehlender Liquidität des in Schieflage geratenen Unternehmens. Das daraus resultierende Verhalten erscheint oft unberechenbar, da die individuellen Restriktionen nicht für alle Beteiligten transparent sind.
  • Antipathie, Vorurteile oder schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit – oftmals stehen sich im Restrukturierungsumfeld die gleichen handelnden Personen in unterschiedlichen Konstellationen gegenüber. Fühlt sich einer der Beteiligten übervorteilt, wird er möglicherweise versuchen, diese Situation im nächsten Fall wieder auszugleichen.

Die Lösung: ein Verhaltenskodex für Restrukturierung?

Wie lässt sich Fehlverhalten vermeiden? Aus Sicht der befragten Experten können einheitliche, geeignete Leitlinien für alle Beteiligten sehr helfen.

Restrukturierungssituationen sind jedoch hoch dynamisch und teilweise durch komplexe Interessenlagen geprägt. Daher wäre es nicht praktikabel, die Leitlinien in Form von bindenden Normen oder Gesetzen aufzustellen. Sie sollten vielmehr als ein Leitbild verstanden werden.

Gleichzeitig müssen diese Leitlinien aber auch klar definieren, wann Handlungen ethisch und moralisch nicht mehr vertretbar sind. Denn prominente Affären wie Schmiergeldskandale oderBetrugsfälle zeigen, dass die Gefahr eines Abgleitens in juristisches Fehlverhalten ohne solche Leitlinien stark steigt.

In Summe reden wir hier von einer Art Verhaltenskodex, den sich die gesamte Branche freiwillig auferlegt. Es existieren zwar bereits Richtlinien, wie beispielsweise der „London Approach“ oder die „INSOL Principles“. Diese richten sich jedoch primär nur an die Fremdkapitalgeber. Die übrigen Stakeholdergruppen und Situationen einer Restrukturierung werden nicht oder nur peripher adressiert.

Experten sind sich einig

Aus der Befragung der Teilnehmer im Rahmen der diesjährigen Restrukturierungsstudie von Oliver Wyman ergaben sich eine Reihe von „Top-Verhaltensregeln“, die von den Experten übergreifend als besonders wichtig eingeschätzt wurden.

Diese richten sich mit konkreten Vorschlägen an alle Stakeholdergruppen. Zudem decken die Regeln nicht nur den Bereich Finanzierung ab, sondern auch eine Vielzahl anderer Aspekte im Restrukturierungsprozess, zum Beispiel:

  • Eigentümer und Unternehmensleitung als Treiber der Veränderung; Gesellschafter sollten analog zu Fremdkapitalgebern bereit sein, die Sanierung mit frischem Kapital zu unterstützen.
  • Bei Fremdfinanzierern steht Informationsgleichheit für alle Beteiligten an oberster Stelle – dies schließt neben Banken auch Warenkreditversicherer, Anleihegläubiger und sonstige Kapitalgeber ein.
  • Restrukturierungsmanager (CRO) sollten unabhängig agieren, die notwendige Kompetenz mitbringen und den nachhaltigen Erfolg der Sanierung im Fokus haben.
  • Für Anwälte und Berater steht die Vermeidung von Interessenkonflikten und Objektivität im Vordergrund. Zudem sollte eine außergerichtliche Sanierung als Handlungsmaxime gelten.

Diese Regeln sind bislang aber nur eine vorläufige Ideensammlung. Damit daraus ein vollständiger Verhaltenskodex wird, bedarf es der Einbindung aller relevanten Stakeholder. Außerdem muss ein solcher Verhaltenskodex praktikabel sein, um die nötige Akzeptanz zu finden.

Ob dies gelingt, ist maßgeblich davon abhängig, wie stark sich die Beteiligten den Regeln verpflichtet fühlen. Hier heißt es, mit gutem Beispiel voranzugehen – egal ob mit oder ohne kodifizierte Verhaltensregeln.

Oliver-Wyman

 

www.oliverwyman.de

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