Interview mit Christine Lambrecht, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister der Finanzen


Christine Lambrecht

Vor welchen Herausforderungen steht die Kreditwirtschaft, insbesondere der regionale Bankensektor in Deutschland und auch in Europa?

Die Bankenlandschaft in Deutschland, insbesondere der regionalen Bankensektor, hat in den letzten Jahren weitreichende Veränderungen erfolgreich bewältigt.

Die Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd: Das lang anhaltende Niedrigzinsumfeld und die Digitalisierung stellen den regionalen Bankensektor mit seiner für die Finanzstabilität wichtigen Kreditversorgungsfunktion vor erhebliche Herausforderungen; die Digitalisierung und Konsolidierungstendenzen im Bankensektor führen zu einem veränderten Marktumfeld und zu einem verschärften Kampf um Marktanteile.

Welche Bedeutung haben Sparkassen und Genossenschaftsbanken aktuell und auch zukünftig?

Das deutsche Bankensystem mit seinen drei Säulen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bewährt. Gerade Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben mit einer bedarfsgerechten Kreditversorgung auch in schwierigen Zeiten wesentlich zur positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beigetragen und werden diese Funktion auch künftig erfüllen. Ich bin der Überzeugung, dass die drei Säulen unseres Bankensystems die erforderliche Anpassungsfähigkeit besitzen, um auch aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach der Spagat zwischen regionaler Verantwortung, zunehmendem Wettbewerbs- und Digitalisierungsdruck sowie steigenden Regulierungsanforderungen und Dauerniedrigzinsumfeld für regionale Banken stemmen?

Eine verantwortungsvolle Geschäftspolitik regional tätiger Banken und Sparkassen trägt zum Wohlstand und zur Stabilität ihrer Kernregionen wesentlich bei. Die regionalen Institute sind in der Region verwurzelt und haben ein vertieftes Verständnis für ihren Heimatmarkt; dies ist eine wesentliche Bedingung ihres Geschäftserfolgs. Klar ist aber auch, dass globale Herausforderungen wie die Digitalisierung und der technologische Fortschritt nicht von einzelnen regionalen Banken allein bewältigt werden können, sondern zweckmäßige Kooperationen in Verbünden oder anderen Formen der Zusammenarbeit erfordern.

Wie kann die Politik den regionalen Bankensektor stärken, was sind erste Gedanken?

Die Bundesregierung setzt sich für regulatorische Rahmenbedingungen ein, die den Bedürfnissen und Risiken gerade auch von regionalen Banken gerecht werden. Bei der Überarbeitung und Weiterentwicklung der europäischen Finanzmarktregulierung wollen wir dem Prinzip der Proportionalität noch stärker Geltung verschaffen und klar zwischen kleinen und regionalen Banken einerseits und größeren Banken andererseits differenzieren. Bei der europäischen Bankenabgabe haben wir das bereits erreicht. Jetzt wollen wir die Idee der „Small Banking Box“ umsetzen, also eine stärkere Abstufung der regulatorischen Anforderungen für kleine Institute mit risikoarmem Geschäftsmodell erreichen. Mit dem Bankenpaket, das wir in Europa gerade abschließen, haben wir hier bereits deutliche Fortschritte erzielt. So wird es zum Beispiel künftig für kleine Banken vereinfachte Berechnungsmethoden für die Kapital- und Liquiditätsanforderungen geben.

Zudem setzen wir uns für ein modernes und effizientes Meldewesen ein. Auf europäischer Ebene wird die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) die Meldeanforderungen überprüfen und Vereinfachungen vorschlagen. Hier haben wir bereits erreicht, dass eine konkret bezifferte Zielvorgabe zur Entlastung kleiner Banken beiträgt. Begleitend prüfen wir in Deutschland die Verbesserung der Effizienz sowie die Harmonisierung bestehender Meldeanforderungen, damit auch der regionale Bankensektor entlastet wird.