Brexit rüttelt Beteiligungsfirmen durch


Branche prognostiziert auf einer Handelsblatt-Tagung die Abkühlung des überhitzten Marktes.

HANDELSBALT DONNERSTAG, 30. JUNI 2016, NR. 124

Anke Rezmer, Peter Köhler
München

Der Brexit bremst auch die erfolgsverwöhnten Beteiligungsmanager in Europa aus. Nach dem Votum der Briten, die EU zu verlassen, werden viele Transaktionen mit Private Equity auf Eis gelegt und neu verhandelt. Gleichzeitig tauchen neue Investoren aus dem Dollar-Raum auf, denen die Schwäche von Euro und Pfund Sterling in die Hände spielt.

„Wir haben eine ganz neue Welt“, sagte Marco Compagnoni, Partner bei der Londoner Kanzlei Weil, Gotshal & Manges, auf der Handelsblatt-Tagung Private Equity in München. „Verkäufer werden unterm Strich durch den Brexit ihre Bewertungen korrigieren müssen, die Preise werden fallen“, sagte er. Vor allem Großbritannien als wichtigster Markt in Europa dürfte stark betroffen sein. Einen Einbruch erwartet Dörte Höppner, Chefin des Branchenverbands Invest Europe, aber nicht: Die Branche investiere nicht in das volkswirtschaftliche Klima eines Landes, sondern in Firmen, die „vielleicht trotz widrigen Makro-Klimas Wachstumsperspektiven haben“, betonte sie. Es könne aber sein, dass die Deals etwas kleiner würden. Zuletzt sind die Bewertungen der übernommenen Firmen durch Finanzinvestoren weltweit in die Höhe geschossen. Im Durchschnitt wurde in diesem Jahr das 18,6-Fache des operativen Gewinns gezahlt, 2015 betrug der Multiplikator nur 12,2, hat das Analysehaus Preqin feststellt. Das ist sogar deutlich mehr, als vor Ausbruch der Finanzkrise bezahlt wurde. Ein Grund ist das Überangebot an Eigenkapital in den Beteiligungsfonds, das allein für Europa auf rund 100 Milliarden Dollar geschätzt wird. Die institutionellen Geldgeber stecken wegen der schlechten Renditen bei Anleihen hohe Summen in Private Equity. Am Mittwoch gab Cinven bekannt, dass der jüngste Fonds sieben Milliarden Euro eingesammelt hat.

Lutz Goebel, der Präsident des Verbands der Familienunternehmer, fürchtet nun „mehr Schwankungen am Markt“ und registriert „eine enorme Unsicherheit“. Weil die Niedrigzinsphase anhalte, könnte die Blase am Beteiligungsmarkt auch noch weiter aufgepumpt werden, meinte er. Das überraschende Votum der Briten dürfte europäischen Firmen aber auch neue Investoren verschaffen: Anwalt Compagnoni berichtete von zunehmendem Interesse von US- und asiatischen Investoren an Europa. Für sie werden Investitionen auf dem alten Kontinent billiger durch die Aufwertung des Dollars. „Alle, die in Dollar rechnen, werden nun neu bewerten“, sagte er. Was der Brexit aber konkret bedeuten wird, hängt nach Ansicht der Experten der Tagung davon ab, wie künftig der Zugang britischer Unternehmen zum EU-Markt aussehen wird. „Wenn es den EU-Pass geben wird, werden die Firmen bleiben, sonst nicht“, machte Anwalt Compagnoni klar. Große Fonds müssten auch stärker nach Kontinentaleuropa gehen, um ihre Produkte zu verkaufen. Frankfurt habe dabei gute Chancen, eine größere Rolle zu spielen. „Der Ball liegt nun in Großbritannien“, stellte die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner fest. Aber „wir müssen auch darauf achten, was für die EU wichtig ist“, ergänzte sie. Für den Standort Deutschland könne es nun positiv sein, zu werben: „Wir haben eine gute Basis, gute Mittelständler, bei denen es sich lohnt, zu investieren.“