Wie die Logistikbranche von digitalen Plattformen profitiert

Wie die Logistikbranche von digitalen Plattformen profitiert

Vor welchen Herausforderungen Plattformbetreiber speziell im Transportsektor stehen und wo künftige Trends liegen, erfahren Sie in diesem Interview mit Stephan Sieber, CEO bei Transporeon.

Wie beurteilen Sie den globalen Markt der Logistik-Plattformen?

Der Logistiksektor ist immer noch eine sehr traditionelle Branche. Bei Organisation und Abwicklung ihrer Transporte verlassen sich viele Verlader, Einzelhändler, Spediteure und Logistikdienstleister nach wie vor auf Unterlagen aus Papier und ihr Telefon.

Nicht nur die Pandemie und die weltweiten Kapazitätsengpässe haben gezeigt, wie fehleranfällig ein solcher Ansatz ist. Wer mit diesen traditionellen Mitteln und Methoden arbeitet, ist einfach nicht in der Lage, sich schnell genug an Markttrends anzupassen. Und genau hier kommen Digitalisierung und Plattformökonomie ins Spiel: Wir helfen den Marktteilnehmern, sich zu vernetzen und gemeinsam stärker zu werden. Als eine der größten Logistikplattformen der Welt verbinden wir mehr als 1.200 Verlader, 100 große Einzelhändler und fast 130.000 Logistikdienstleister und Spediteure. Das bringt gleich zwei zentrale Vorteile mit sich: Ein digitales Logistiknetzwerk bietet unseren Kunden eine noch nie dagewesene Zahl an vertrauenswürdigen Geschäftspartnern, die ihre Anforderungen erfüllen. Außerdem verbindet es sie mit Netzwerkteilnehmern, mit denen sie vorher noch keine Geschäfte gemacht haben. Als Mitglied in diesem interoperablen Netz können unsere Kunden Kapazitätsengpässe umgehen und sowohl als Lastgeber als auch -nehmer schnell Transportangebote zu adäquaten Preisen finden. Gleichzeitig erhalten sie Zugang zu Echtzeit-Daten, Vorhersagen über Marktentwicklungen, Tarife und Kostenindizes, die für die Verbesserung der eigenen Flexibilität entscheidend sind. Wenn sie diese Informationen in ihre Entscheidungsfindung einfließen lassen, machen sie nicht nur ihre Lieferkette belastbarer und flexibler. Sie erhöhen auch die Qualität, senken Kosten und verbessern die Nachhaltigkeit der Transporte.

Welche Herausforderungen hatten Sie beim Aufbau Ihrer Plattform?

Unsere Plattform wurde vor über 20 Jahren als Start-Up in der süddeutschen Stadt Ulm gegründet. Heute sind wir europäischer Marktführer, managen mehr als 100.000 Transporte und 100.000 Timeslots pro Tag und schreiben rund 20 Mrd. Euro Frachtvolumen pro Jahr aus. Wir prüfen rund 6 Mrd. Euro Frachtvolumen und beschäftigen weltweit mehr als 1.000 Mitarbeiter. Dieses Wachstum war möglich, weil die Marktteilnehmer die unbestreitbaren Vorteile der digitalen Plattform-Ökonomie im Logistiksektor erkannt haben. Erleichterte Kommunikation, Automatisierung der Auftragsvergabe und sogar der Preisverhandlungen – wir schaffen ganz konkreten Mehrwert für den Geschäftserfolg unserer Kunden. Erfolgreiche Logistikabläufe erfordern Zugang zu Daten und Echtzeit-Einblicke, aber auch ein hohes Maß an Interoperabilität, also an effizienter Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Systemen. Ein weiterer Vorteil der zunehmenden Digitalisierung besteht darin, dass sie dazu beiträgt, CO2-Emissionen zu verringern. Das erreichen wir, indem wir unsere Kunden in die Lage versetzen, die Position leerer Fahrzeuge, die ihre Ladung mitnehmen können, zu verfolgen. So kann die Zahl der Leerfahrten verringert werden.

Welche aktuellen und zukünftigen Trends wird es in dem Logistik-Markt geben?

Gestatten Sie mir, Ihnen eine Gegenfrage zu stellen: Was sind die aktuellen Trends in unserer Welt ganz allgemein? Wir leben in einer sich sehr schnell verändernden, globalisierten und vernetzten Zeit. Die Digitalisierung und unsere Reaktion auf den Klimawandel werden das Gesicht der Welt verändern. Und in dieser Situation sehen wir es als unsere Aufgabe an, den Transportsektor mit der Welt in Einklang zu bringen! Neue Energiequellen, Künstliche Intelligenz (KI), autonomes Fahren und Echtzeittechnologie sind die großen Trends, die die Zukunft der Logistik bestimmen. Wir werden KI brauchen, um das zunehmende Volumen und die Komplexität von Transport und Logistik zu bewältigen. Und wir verfügen bereits über die Daten und Technologien, um aus diesen Innovationen großen Nutzen zu ziehen. Die Sichtbarkeit während des Transports (In-Transit Visibility) und der vorausschauende Transport (Predictive Transportation) ermöglichen es uns beispielsweise vorherzusagen, wann ein Fahrzeug eintreffen wird. Wir verwenden KI-gestützte Algorithmen, die es uns ermöglichen, in 88 % aller Fälle eine genaue Ankunftszeit bereits sechs Stunden im Voraus zu berechnen. Konkret hilft das bei der Organisation des Hofbetriebs, der Vermeidung von Staus und der Verringerung von Wartezeiten. Das hat nicht nur einen wirtschaftlichen Nutzen, sondern sorgt auch für eine höhere Auslastung der Anlagen. Das Ergebnis sind weniger Leerkapazitäten, weniger Lkw auf den Straßen und somit ein geringer ökologischer Fußabdruck.

Wie sollten sich Unternehmen hinsichtlich der Plattformökonomie aufstellen?

Im Logistiksektor könnte man sagen: Entweder man ist selber eine Plattform, oder man profitiert als Nutzer von ihren Funktionen. Wir sind eine Netzwerkbranche und ich kann mir nicht vorstellen, dass Unternehmen in unserem Bereich allein erfolgreich sein könnten. Alles ist eine Frage der Vernetzung, und digitale Plattformen sind in der Lage, sehr effiziente Netzwerke zu schaffen. Wir glauben jedoch, dass es insbesondere für Plattformbetreiber wichtig ist, diszipliniert zu bleiben. Plattformen sollten nicht anfangen, Entscheidungen für Dritte zu treffen. Das würde sofort zu einem Interessenkonflikt nicht nur zwischen den Plattformteilnehmern sondern auch innerhalb unserer eigenen Rolle als Anbieter und Betreiber führen. Bei Transporeon halten wir uns strikt an unsere Rolle als digitale Plattform und konzentrieren alle unsere Aktivitäten auf digitale Tools und Dienstleistungen sowie die Auswertung von Daten und Erkenntnissen zur Verbesserung der Prozesse unserer Speditions-, Logistikdienstleister- und Verladerkunden. Die Nutzung und Akzeptanz der Plattform sind für uns die besten Erfolgsindikatoren und unser vollständig transaktionales Preismodell mit sehr begrenzten Kosten und Aufwand für das Onboarding stützt diese Philosophie sehr gut.