Stärkung des Biotech-Sektors in Deutschland


Stärkung der Biotech Industrie

Wir haben in Deutschland ein grundsätzliches Dilemma beim Thema „Innovation“, das sich im Bereich Life Sciences auf besondere Weise auswirkt. Einerseits ist unbestritten, dass aufgrund einer üppigen Förderpolitik zugunsten von Universitäten und renommierten Forschungsinstituten (z.B. Max-Planck, Leibnitz, Fraunhofer, Helmholtz) der wissenschaftliche „Output“ sowohl qualitativ als auch quantitativ enorm ist und somit ein signifikantes Innovationspotenzial geschaffen wird. Auf der anderen Seite gibt es aber Defizite, in der Umsetzung des Potenzials in echte Innovationen am Markt. Die u.a. „Innovationsgleichung“ adressiert die erforderlichen Faktoren, die es zu verbessern gilt. Dabei fällt auf, dass hinter diesen Defiziten vor allem kulturelle Herausforderungen stehen, die insgesamt ein nicht ausreichendes „Innovation Mindset“ determinieren. Die Tatsache, dass gerade im Life Science Sektor die Entwicklungsrisiken außerordentlich groß, die Zeitverläufe sehr lang und die Kosten enorm sind, verstärkt die Problematik in diesem Bereich.

Initiativen werden an vielen Stellen angedacht, um beispielsweise die Translation der Forschungsergebnisse in die kommerzielle Entwicklung professioneller zu gestalten (z.B. Incubators, Accelerators) oder den unzureichenden Unternehmergeist zu fördern. Erfahrungsgemäß ist aber die Überwindung kulturell gefestigter Verhaltensweisen („Mindset“) schwierig und zumindest nicht kurzfristig realisierbar. Der wesentlichste Faktor ist allerdings ein fehlendes „Kapitalökosystem“ für die Innovationsfinanzierung in Deutschland. Es wird meist schon nicht verstanden, dass Innovationen – zumal im risikoreichen Life Science Sektor – nur durch Eigenkapital zu finanzieren sind; fast ein Widerspruch zu einer hierzulande fest verankerten und politisch inzentivierten Fremdkapitalkultur.

Ein solches perfekt funktionierendes Kapitalökosystem ist der wesentliche Erfolgsfaktor für die Biotechindustrie in den USA, wo sowohl der Kapitalmarkt extrem erfahren und aktiv ist, aber auch ein nahtloses Ineinandergreifen aller Finanzierungselemente von „Seed Capital“ über Risikokapital zu Wachstumskapital und Börse gewährleistet ist. Aus dieser Sicht ist es nachvollziehbar und aus individuell unternehmerischer Sicht auch richtig, wenn heute Biotech Unternehmen sich häufiger in den USA finanzieren oder dort an die Börse gehen, wo ihnen entsprechende Möglichkeiten offen stehen. Kann dies aber aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive auf lange Sicht akzeptiert werden? Es muß darum gehen, die Defizite hierzulande zu korrigieren.

In Deutschland fehlt ein dynamischer Kapitalmarkt mit Expertise in diesem Sektor, der Unternehmen entsprechende Wachstumsperspektiven bietet. Infolge ist auch der Bereich des Risikokapitals unterentwickelt – es fehlen sowohl die Einstellung von privaten Anlegern zu Beteiligungen (Eigenkapitalkultur) als auch die rechtlichen Möglichkeiten der Risikoanlagen für institutionelle Anleger. Vor allem aber die fehlenden Exit-Möglichkeiten an den Kapitalmarkt (Biotech IPOs in Deutschland finden kaum statt und schon gar nicht in Frankfurt) sind die entscheidenden Hürden für ein funktionelles und „durchgängiges“ Kapitalökosystem.
Obendrein setzt sich Deutschland mit gänzlich fehlenden steuerlichen Anreizen für innovative, F&E-aktive Unternehmen von den meisten europäischen Volkswirtschaften ab, die durch entsprechende Steuermaßnahmen Innovationen erfolgreich voranbringen.

Lösungsansätze müssen hier ansetzen. Die fortgesetzte politische Denke, die vornehmlich der bekannten „Förderkultur“ fröhnt ist kontraproduktiv. Sie verhindert die Entwicklung unternehmerischen Denkens, sie wird nicht nachhaltig die mangelnde Neugründungsdynamik beleben und wird schon gar nicht die existierenden KMUs auf ihrem steinigen Weg zum Markt voranbringen. Die o.a. Defizite im „Innovation Mindset“  werden überhaupt nicht adressiert. Vielmehr werden echte unternehmerische Anreizelemente vor allem für private Anleger und Investoren jeglicher Kategorie gebraucht, die eine signifikante Mobilisierung privaten Kapitals und Allokation in den innovativen Life Science Sektor bewirken. Steuerliche Modelle hierfür sind noch nicht einmal mit hohen Kosten für den Staat verbunden, wenn er auf Steuereinnahmen aus Kapitalbeteiligungen verzichtet, die ansonsten erst gar nicht getätigt würden.

Die Kernfrage wird also sein, ob es gelingt, vor allem die wirtschaftlichen und unternehmerischen Anreize richtig zu setzen. Die Federführung für erfolgreiches Innovieren gehört schon deshalb in das Wirtschaftsministerium – so wie am Start der neuen Regierung im Früjhar 2018 von Bundeswirtschaftsminister Altmaier auch formuliert. Leider zeigt aber auch die Reaktion der Bundesregierung und der Verbleib der Zuständigkeit für Innovation im BMBF, dass alte Zöpfe nicht einfach abzuschneiden sind und dass ein falsches Verständnis von Innovation nach wie vor den notwendigen Lösungen im Wege steht.

Dr. Siegfried Bialojan, Head of EY Life Science Center Mannheim