Patientenzentrierung als Kernelement digitaler Versorgungsmodelle


von Thomas Kleine

Wir wissen: Die Digitalisierung bietet uns die große Chance, dass unser Gesundheitssystem die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern kann. Beschleunigt durch die derzeitige Pandemie hat sich in der Gesellschaft die Haltung gegenüber digitalen Möglichkeiten insbesondere im Gesundheitswesen positiv verändert.

Wir erleben mehr Diskussion und mehr Offenheit. Hinzu kommt, dass sich in Deutschland auch vor Corona bereits viel in Sachen Digitalisierung und Modernisierung unseres Gesundheitssystems bewegt hat. Mit dem Ende letzten Jahres in Kraft getretenen Digitalen Versorgungsgesetz (DVG) sind wichtige Grundsatzentscheidungen gefällt worden – zum Beispiel hinsichtlich der elektronischen Gesundheitsakte, erstattungsfähiger Apps oder regulatorischer Rahmenbedingungen für die Telemedizin. Die Mischung aus zunehmender Akzeptanz und klareren gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen bietet enormes Potenzial für innovative Lösungen, die einen Mehrwert für Patienten und Versorgungsforschung sein können. Denn digitale Angebote haben zum Ziel, das Potenzial des technologischen Fortschritts sowie der Datengenerierung und -auswertung umfänglich zu nutzen. Hiervon wiederum profitiert letztlich das gesamte Gesundheitsökosystem: Patienten können mehr über ihre Gesundheit (oder Krankheit) erfahren, ihrem Arzt auf Augenhöhe begegnen und mit ihm gemeinsam den Behandlungspfad  besprechen. Digitale Versorgungsangebote können auch dafür sorgen, dass die Arbeit der Behandler vereinfacht wird und sie dabei unterstützt werden, Krankheitsbilder besser bzw. früher zu diagnostizieren und zu verstehen. Auch davon profitieren Patienten.

Die Patientenjourney holistisch betrachten
Innovative digitale Geschäftsmodelle haben einen ganzheitlichen Anspruch und beziehen den Patienten in das „Krankheitsmanagement“ in allen Schritten ein. Mit personalisierten Angeboten orientieren sie sich an den Bedürfnissen des Patienten. Neben der Entwicklung von Software oder Apps kann das Angebot auch beispielsweise Leitlinien oder Bildungsinhalte rund um bestimmte Erkrankungen und deren Behandlung beinhalten. Auch die grundsätzliche Sensibilisierung für eine Indikation kann zunächst im Vordergrund stehen. Beispiel Diagnose und Tracking durch Devices: Pfizer hat letztes Jahr eine strategische Partnerschaft mit Fitbit geschlossen. Die gemeinsam geschaffene Plattform setzt Wearables für das kontinuierliche Monitoring des Herzrhythmus ein, um so möglicherweise Vorhofflimmern früher und genauer diagnostizieren zu können. Im Rahmen dieses Ansatzes werden die generierten Daten nicht nur gesammelt und verarbeitet, sondern zusätzlich edukative Inhalte als integriertes  „Gesundheitsprodukt“ angeboten. So sollen die Patienten geschult werden, wie sie die  Informationen erfassen, was mit diesen passiert und welchen Beitrag sie insgesamt leisten können, um eine effiziente Diagnose zu ermöglichen. Durch die vollumfängliche Integration des Patienten im gesamten Krankheitsmanagement werden sie ermutigt, Ärzte für eine schnellere Diagnose frühzeitiger aufzusuchen, um so das Schlaganfallrisiko zu reduzieren. Dieses Beispiel zeigt, dass digitale, datengetriebene Angebote neue Chancen in der Früherkennung bieten, mit denen die pharmazeutischen Unternehmen einen Beitrag für Arzt und Patient leisten können. Gleichzeitig können sie sich so gegenüber anderen Akteuren abgrenzen. Doch die Etablierung von digitalen Angeboten und Ansätzen erfordert auch gleichzeitig ein Umdenken in den Unternehmen, was unter anderem Prozesse und Technologien betrifft. Gleichzeitig stehen die pharmazeutischen Unternehmen vor der Frage, ob sie selbst digitale Gesundheitslösungen entwickeln und anbieten, existierende digitale Versorgungsangebote akquirieren oder zum Beispiel mit Start-ups oder Tech-Companies kooperieren wollen.

Möglichkeiten innovativer Technologien nutzen
Durch ihren holistischen Ansatz stellen innovative Gesundheitslösungen nicht die Krankheit, sondern den Patienten in den Mittelpunkt. Die Einhaltung von datenschutzrechtlichen Vorgaben selbstverständlich vorausgesetzt, erlauben die ganzheitlich generierten Daten ein besseres Verständnis der Bedürfnisse des Patienten sowie von Krankheitsverläufen. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen wiederum in die Beschleunigung der Forschung und Entwicklung von Medikamenten ein. Durch den technologischen Fortschritt können heutzutage große, unstrukturierte Mengen an Real-World-Daten erfasst und analysiert werden. Ergänzend zu den Daten, welche im Rahmen traditioneller klinischer Studien ausgewertet werden, komplettiert die Real-World-Evidenz die Medikamentenentwicklung. Und genau an dieser Schnittstelle bietet sich enormes Potenzial an kollaborativen Plattformlösungen. Pfizer arbeitet beispielsweise im Bereich der Entwicklung von innovativen Krebstherapien mit Flatiron Health zusammen. Diese Partnerschaft erlaubt es Pfizer, auf anonymisierte Real-World- Daten sowie die analytische Expertise von Flatiron Health zuzugreifen und diese in den klinischen Entwicklungsprozess von onkologischen Therapeutika einfließen zu lassen.

Daten als zentraler Bestandteil der Wertschöpfung digitaler Geschäftsmodelle
Abschließend ein Blick nach vorn: Es ist davon auszugehen, dass patientenzentrierte digitale Geschäftsmodelle an Relevanz für das gesamte Gesundheitsökosystem gewinnen werden. Ergänzend zur primärärztlichen Versorgung können Services und Lösungen entstehen, die vorher nicht oder nur schwer realisierbar waren. Beispielszenarien lassen sich über die gesamte „Patient Journey“ finden – also Prävention, Diagnosestellung, Therapie, Adhärenz, Monitoring. Dabei ist für den Erfolg zentral, dass sich diese digitalen Modelle nahtlos in die sogenannte „Offline-Welt“ integrieren lassen und komplementär für den Patienten beispielsweise eine barrierefreie Interaktion mit dem Behandler ermöglichen. Kooperative, digital unterstützte Gesundheitsversorgung dieser Art ist dann in der Lage, die Versorgungsqualität zu erhöhen, Kosteneinsparungen zu generieren sowie patientenrelevante Outcomes zu erzielen.

 

Thomas KleineThomas Kleine
Country Lead Pfizer Digital Deutschland

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