Kulturwandel in der Pharmabranche


Dr. Frank Wartenberg

Die Digitalisierung macht auch vor der Pharmabranche nicht Halt. Betroffen von den damit einhergehenden Veränderungen ist die gesamte Wertschöpfungskette, womit sich traditionelle Geschäftsmodelle verändern. Um die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen, müssen relevante Gesundheitsdaten vernetzt und mittels geeigneter Technologien und Analysen ausgewertet und interpretiert werden. So werden neue und vertiefte Einsichten, mehr Effizienz und Effektivität und wirkungsvollere Interaktionen möglich.

Digitalisierung und ihre Bedeutung für Unternehmen

Die Digitalisierung erzeugt in vielen Bereichen Umwälzungen und macht auch vor der Pharmabranche nicht Halt. Sich auf die digitale Transformation einzustellen, ist für pharmazeutische und Life Science Unternehmen längst kein Kann mehr, sondern ein Muss, um im zukünftigen Wettbewerb zu bestehen. Dies fordert Unternehmen, sich neue Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen (Abb. 1).

Das betrifft auch die Mitarbeiterstruktur und erforderliche Qualifikationen z.B. im Bereich „Data Science“. Ferner neue Arbeitsweisen, indem mehr in Teams mit unterschiedlichen Aufgaben gearbeitet wird, die in ihrer Abstimmung durch geeignete Software unterstützt werden. Ein wichtiger Aspekt ist hier die orchestrierte Steuerung von Inhalten über passende Kanäle, um eine kundenangepasste differenzierte Kommunikation zu realisieren. Dies verlangt u.a. das reibungslose Beherrschen neuer Technologien und das gekonnte Auftreten in sozialen Medien. Außerdem der Umgang mit Telekommunikation, medizinisches Fachwissen, Kenntnisse über das Gesundheitssystem und aktive Vernetzung – je nach Rolle und Aufgabe. Sei es als (Indikations-) Spezialist, Trainer, Scientific Liaison oder Key Account Manager.


 
Von der analogen zur digitalen Kultur

Von einer digitalen Unternehmenskultur lässt sich sprechen, wenn die digitale Transformation nicht nur als Technikthema verstanden wird, sondern die damit einhergehenden Veränderungen im Unternehmen als Chance gelebt werden. Das schließt ein, neue Prozesse aufzusetzen, innovative Methoden zu nutzen und neue Geschäftsmodelle zu erkennen. Wichtige Merkmale sind u.a. eine datenbasierte Strategieentwicklung, Innovationsfreude und Flexibilität, Teamwork, Unternehmergeist sowie Kundenfokussierung. Der Entwicklungsbogen verläuft auf Basis einzigartiger Daten über transformative Technologie und analytische Intelligenz zum kundenzentrierten Unternehmen.

Auswirkungen auf die pharmazeutische Industrie

Die durch die Digitalisierung bedingten Veränderungen tangieren alle Bereiche der Wertschöpfungskette.  Themen, die für die pharmazeutische Industrie dabei besonders im Fokus stehen, sind das Design und die Durchführung klinischer Studien, Market Access, Kommerzialisierungsstrategie und Kundenkommunikation.

Am Beispiel klinischer Forschung zu Arzneimitteln verdeutlicht: Diese wird zunehmend schwieriger und teurer, da sie oftmals auf kleine Patientengruppen mit hochkomplexen Erkrankungen ausgerichtet ist. Hier kann eine Evidenzaufwertung durch Studien mit randomisierten Daten aus dem Praxisalltag helfen, Kosten zu reduzieren. In klassischen randomisierten klinischen Studien können Studienarme durch Real World Daten aus dem Versorgungsalltag ersetzt werden. Darüber hinaus lassen sich Aspekte untersuchen, die für mehrere Interessengruppen von Bedeutung sind. So können Ärzte davon profitieren, indem ihnen Entscheidungen bei der Auswahl von am besten geeigneten Behandlungswegen zur Erreichung patientenrelevanter Therapieziele erleichtert werden – in der komplexen onkologischen Behandlungslandschaft gibt es z.B. inzwischen über 300.000 Therapieoptionen. Kostenträger können Anhaltspunkte zum Kosten-Nutzen-Verhältnis im Kontext der Finanzierung von Therapien gewinnen. Pharmaunternehmen erhalten zudem Aufschluss zu Fragen rund um die Marktzulassung. Besser informierte Patienten werden befähigt, für ihre Gesundheit mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Im Endeffekt resultieren daraus evidenzbasierte, optimierte klinische Entscheidungen, eine verbesserte klinische Effektivität und Kosteneffizienz.

Das Ergebnis ist also ein ganzheitlicherer Ansatz, um Patientenbedürfnisse und Systemanforderungen zu erfüllen, basierend auf der geeigneten Verknüpfung relevanter Big Data und ihrer Auswertung mittels fortgeschrittener Analysetechniken. Ermöglicht werden durch die neuen Analysemethoden tiefere Einsichten zu Diagnosen und Therapien:  granular, verbunden und in Echtzeit.

Die Konsequenz für Unternehmen liegt auf der Hand: eine Überarbeitung ihrer Geschäftsmodelle. Denn das zukünftige innovative Geschäftsmodell wird weit über den traditionellen, auf Wirkstoffmoleküle gerichteten Fokus, hinausgehen. Wertschöpfung wird auch durch proprietäre Therapietechniken und Informationsverarbeitung generiert werden. Mehrheitlich gehören digitale Informationen nicht Pharma, daher wird die Zusammenarbeit mit Datenhaltern von dritter Seite – Registerstellen, Krankenhäusern, Datenlieferanten, Technologieunternehmen – eine Schlüsselkomponente des Erfolgs sein (Abb. 2).