Innovationen etablieren


Innovationen etablieren

DIGITALE GESUNDHEIT  FÜR ALLE

Digitale Technologien haben das Potenzial, unsere Gesundheitsversorgung gerechter zu  gestalten. Schon heute gibt es zahlreiche Ansätze, die Menschen dort erreichen, wo andere Angebote nur schwer zugänglich sind. Entscheidend ist, dass digitale Gesundheitsangebote für alle Menschen gleichermaßen verfügbar sind und ihnen nützen.

von Dr. Anne Sophie Geier

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), elektronische Patientenakte, in Kürze auch eRezept und Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) – in der vergangenen Legislaturperiode hat sich in Sachen Digitalisierung im Gesundheitswesen viel bewegt. Mit der jeweiligen Gesetzgebung wurde zunächst einmal der Rahmen geschaffen, in dem derartige Innovationen überhaupt implementiert werden können. Jetzt müssen all diese und viele weitere Projekte in der Praxis etabliert, die Innovationen aus der Regulatorik in die Praxis gebracht werden.

Derartige Prozesse der Innovationsetablierung laufen vielfach vergleichbar ab, wie der Kommunikationswissenschaftler Everett Rogers bereits in den 1960er Jahren festhielt. In seinem Modell „Diffusion of Innovation” beschreibt er, dass die Übernahme von Innovationen in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in fünf Stufen erfolgt:

Zuerst nehmen die „Innovators” Neuerungen auf, anschließend stoßen diese auf Interesse unter den „Early Adopters”. Erst danach finden die Innovationen Aufmerksamkeit in der Mehrheit („Early Majority” und „Late Majority”). In der eher zögerlichen, skeptischen Gruppe der „Laggards” finden sie schließlich zuletzt Eingang.

Von den Early Adopters zur Mehrheit
Mit Blick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens befinden wir uns am Übergang von Stufe zwei zu drei: Während Innovatoren und Early Adopters den Nutzen digitaler Technologien in der Versorgung bereits lange erkannt haben, diese nutzen, vielleicht selbst entwickeln oder an der Verbreitung mitwirken, sind diese in der Mehrheit der Gesellschaft noch eher unbekannt. Vor uns liegt deshalb die Aufgabe, auch die Mehrheit von Innovationen wie DiGA, eRezept und ePA zu begeistern.

Denn digitale Ansätze machen eine ganz neue Art patientenzentrierter Versorgung möglich: Sie sind adhärenzsteigernd, orts- und zeitunabhängig, fördern Gesundheitskompetenz und Patientensicherheit und tragen in bisher weniger erforschten Bereichen zu mehr Evidenz bei. Sie könnten außerdem ein Lösungsansatz sein, durch Effizienzversteigerung, Vermeidung von Doppeluntersuchung, Verringerung bürokratischer Aufwände sowie der Möglichkeit outcome-basierter Vergütungsmodelle die fortwährend steigenden Kosten im Gesundheitswesen abzumildern. Es ist deshalb höchste Zeit, dass auch die Mehrheit der Bürger:innen hierzulande den Nutzen digitaler Versorgungsansätze erfährt und versteht. Dazu braucht es eine flächendeckende Aufklärung und Kommunikation über die Mehrwerte.

Das digitale Ökosystem flächendeckend verbreiten
Die aktuellen Digitalisierungsentwicklungen sind weitreichender und umfassender als bisherige Transformationen: Es reicht nicht aus, nur bestimmte Maßnahmen oder Elemente vom Analogen ins Digitale zu adaptieren. Ziel ist hingegen die Entwicklung eines neuen, digitalen Ökosystems zur Gesundheitsversorgung, dessen Elemente flächendeckend in den Alltag integriert werden müssen. Dieses neue, digitale Ökosystem geht mit einer großen Kommunikationsaufgabe einher. Es muss Aufmerksamkeit erzeugt, Wissen aufgebaut und  Vertrauen geschaffen werden – in medizinischen Fachkreisen, aber auch unter Patient:innen. Das wird nur möglich sein, wenn sich alle aktiv in den Prozess einbringen und diesen mitgestalten.

Schon in der Ausbildung müssen Health-Care-Professionals das erforderliche digitale Knowhow erwerben, um innovative Ansätze und Technologien als selbstverständlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen und anwenden zu können. Neben Ärzt:innen müssen außerdem auch Apotheker:innen und Pflegekräfte zu ePA, DiGA und DiPA geschult und darin angeleitet werden, wie sie aggregierte Daten aus Apps nutzen und verstehen. Dialogformate sollten Fachleuten Raum geben, um Erfahrungen über digitale Modelle auszutauschen und voneinander zu lernen.

Neben den Fachgruppen muss nun allerdings auch die Mehrheit der Bürger:innen erreicht werden. Eine bundesweite Aufklärungskampagne kann zum Beispiel die Relevanz der elektronischen Patientenakte aufzeigen oder Verständnis für die Vorteile einer stärkeren  Nutzung von Gesundheitsdaten schaffen. Ergänzend müssen zielgerichtete Formate dafür sorgen, dass Menschen aller sozialen Gruppierungen mit digitaler Gesundheitsversorgung in Kontakt kommen – beispielsweise durch eine umfassende Aufklärung durch die Krankenkassen. Auch in die regionale Gesundheitsarbeit oder in aufsuchende Gesundheitsdienste sollte das Thema digitale Technologien und Versorgungsmöglichkeiten einfließen.

Die kritische Masse
Ob eine Innovation flächendeckend integriert und genutzt wird, hängt entscheidend davon ab, ob im Verlauf die „kritische Masse” erreicht wird. Gelingt es, wird die Verbreitung der Innovation zum Selbstläufer, sie findet wie selbstverständlich Eingang in den Alltag aller Menschen.

Voraussetzung, um die kritische Masse mit den Ideen der digitalen Gesundheitstechnologien zu erreichen, ist, dass die Innovationen mehrere Anforderungen erfüllen: Sie müssen nutzerfreundlich und gleichzeitig interoperabel sein, eine anwendungsübergreifende Integration von Daten ermöglichen, höchsten Sicherheitsstandards entsprechen und die Datensouveränität beim Anwender gewährleisten. Nur dann können sie gleichzeitig einen Mehrwert in Fachkreisen und für Bürger:innen leisten. Gelingt es jedoch nicht, die kritische Masse zu erreichen, bleibt die Fortschrittstechnologie nur für eine gewisse Anzahl an Menschen relevant, z.B. für die Early Adopters.

In den kommenden Monaten und Jahren sollten wir daher als Akteur:innen des  Gesundheitswesens gemeinsam daran arbeiten, die Etablierung des digitalen Ökosystems zur Gesundheitsversorgung in allen gesellschaftlichen Gruppen voranzutreiben. Nur dann ist es möglich, dass wir aus Innovationen einen festen Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung aller Menschen machen. Und nur dann werden alle Menschen gleichermaßen von ihnen profitieren können.

Ob eine Innovation flächendeckend integriert und genutzt wird, hängt entscheidend davon ab, ob im Verlauf die „kritische Masse” erreicht wird.

Dr. Anne Sophie Geier
Geschäftsführerin
Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „HEALTH“ erschienen.

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