Philip Keil (Berufspilot und Autor) | Krisenmanagement – Analogien aus der Luftfahrt

Sicher entscheiden in turbulenten Zeiten

Wir alle sind in dem was wir jeden Tag tun Piloten. Auch im Cockpit des Lebens spielt sich ein Großteil unserer Entscheidungen nach bewährten Routinen ab. Doch seit ein paar Wochen ist alles anders. Nach einem langen, stabilen Steigflug passiert aus heiterem Himmel der Worst Case. Die Musik hört auf zu spielen, die Triebwerke hören auf, sich zu drehen und die Welt befindet sich im freien Fall. Weder am Boden noch in der Luft können wir in so einer Situation mal eben rechts ranfahren. Piloten nennen diese Momente „Decision Points“, denn jetzt gilt es, jenseits liebgewonnener Routinen schwierige und überlebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Worauf es dabei ankommt und welche Tools Piloten dafür anwenden, lesen Sie hier.

Fly the aircraft: Blick fürs Wesentliche

Ich fand mich vor über 10 Jahren mit einer Situation konfrontiert, die binnen Sekunden zum Absturz geführt hätte, wenn ich nicht richtig gehandelt hätte. Als meine vollbesetzte Boeing 737 direkt nach dem Start in Ägypten von einer sogenannten Windscherung erfasst wurde, gingen sämtliche Warnlampen und Notsirenen im Cockpit los. Vom ersten Tag an wird Dir als Pilot eingebläut: Fly the aircraft! Nur das zählt. Im Flugsimulator oft trainiert konnte ich das Notmanöver abrufen und so den Absturz verhindern. Wenn auch nicht ganz so dramatisch, so steht diese chaotische Situation im Cockpit doch sinnbildlich für die derzeitige Lage in der Welt. Je komplexer und schwieriger die Herausforderung, desto wichtiger ist es, seine Gedanken auf das Wesentliche zu reduzieren. Um was geht es hier wirklich? Was ist mein „fly the aircraft“? Eine Entscheidung treffen bedeutet immer, zu vielen Aspekten „Nein“ zu sagen.

Lernen oder Lamentieren? Fehlerkultur ist Firmenkultur

Und trotzdem werden gerade jetzt Fehler passieren. Neue Wege zu gehen – und in vielerlei Hinsicht wird uns nichts anderes übrigbleiben – heißt immer auch, erst mal in Sackgassen zu laufen. Fliegen ist heute nicht etwa deshalb so unfassbar sicher, weil keine Fehler passieren. Laut einer Studie passiert alle vier Minuten im Cockpit ein Fehler. Das möchte wohl kein Passagier gerne hören. Aber es verdeutlicht, worauf es auch bei Unternehmen ankommt, möchte man sicher durch die derzeitigen Turbulenzen navigieren: es geht um eine Kultur, in der Fehler offen angesprochen werden. Von jedem. Um erstens aus ihnen zu lernen und zweitens schnell reagieren zu können. Denn weder Unternehmen noch Flugzeuge stürzen ab, weil der Einzelne einen Fehler macht. Sondern weil niemand im Team den Fehler sieht. Oder sehen will. Oder weil sich niemand traut, den Fehler offen anzusprechen. Positive Fehlerkultur funktioniert in der Praxis nur mit Vertrauen. Und wie überall gilt auch hier: wie der Kapitän es vorlebt, so verhält sich die gesamte Crew.

Closed-Lopp: Karheit in der Kommunikation

Die komplexen Fragen der Zukunft lassen sich nur gemeinsam lösen. Kommunikation ist der Schmierstoff jeden Teams. Allein durch verbindliche Kommunikation könnten in vielen Unternehmen hohe Reibungsverluste vermieden werden. Sie entstehen, weil Verantwortlichkeiten schlichtweg unsauber geklärt wurden und sich niemand wirklich „zuständig“ fühlt. Auch in Flugzeugcockpits war das lange Zeit ein Problem. Gefährliche Zwischenfälle bis hin zu Abstürzen sind auf Schweigen oder Missverständnisse zurückzuführen. Piloten kommunizieren heutzutage immer nach dem „Closed-Loop“- Prinzip, dem geschlossenen Kommunikationskreislauf. Als Sender einer Botschaft bin ich dafür verantwortlich, dass diese beim Empfänger auch wirklich klar angekommen ist. Gerade unter Stress geht vieles unter. Dies lässt sich auch im Management-Cockpit vermeiden, indem ich etwa am Ende eines längeren Gesprächs nochmal ein Fazit mit den Kernbotschaften formuliere. Oder eine offene Frage stelle, die mein Gegenüber nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Aus seiner bzw. ihrer Antwort erkenne ich, ob meine Botschaft ankam. Oder lassen Sie im Meeting die Mitarbeiter das Resümee ziehen. Außerdem gilt: je wichtiger und komplexer der Inhalt, desto kürzer und klarer sollten Sie Ihre Sätze formulieren.

Raus aus dem „Passagier-Modus“

Wir sind nicht weniger verantwortlich, nur weil Dinge passieren, für die wir nichts können. Aber Unsicherheiten und Ängste dürfen nicht ignoriert werden. Krisen, die von außen über uns hereinbrechen, bewirken bei vielen das Gefühl, nur noch Passagier zu sein. Kontrollverlust. Was machen die Menschen, wenn sie Angst haben? Sie kaufen Klopapier und verkaufen Aktien. Warum? Weils die anderen auch machen. Herdentrieb. Menschen suchen Orientierung, Menschen möchten geführt werden. Da braucht es einen starken Kapitän. Aber Vorsicht: Gut gemanagt ist nicht gut geführt. Eine Krise können Sie managen, aber nur als Team. Und ein Team will nicht gemanagt werden, ein Team will geführt werden. Auf Augenhöhe, mit Vertrauen und gemeinsam getroffenen Entscheidungen.

Kommen Sie gut an!

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Philip Keil
Der Pilot wurde mehrfach für seine Impulsvorträge ausgezeichnet. Als Top-Redner und Sachbuchautor hat er europaweit zehntausende Menschen erreicht.

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