Krisen-Leadership – Umgang mit einer Krise ohne Blaupause

Herr Koene, wegen der Corona Krise müssen wir dieses Interview leider auf digitalem Wege durchführen. Wo erreiche ich Sie gerade? Sind Sie im Homeoffice?

Wie viele andere befinde auch ich mich in meinem Büro zu Hause und bin nur einmal die Woche kurz in der Zentrale, um die Post zu überprüfen. fischerAppelt hat schon früh in die eigene Digitalisierung investiert, weswegen die Umstellung auf Home-Office kein Thema ist. Es gibt aktuell einen passenden Witz, der durch die sozialen Medien grassiert: „Wer hat den größten Einfluss auf die Digitalisierung – CEO, CTO oder Covid-19?“ Die Welt, wie wir sie bisher kannten, wird es in dieser Form nicht mehr geben. Die Geschwindigkeit, mit der inzwischen über Videoformate standortübergreifend mit Leichtigkeit gearbeitet wird, ebenso wie die Vielzahl an digitalen Produkten, die zur Durchführung von neuen Workshop Formaten gefordert werden, sind faszinierend. Wir vermerken bei uns einen exponentiellen Anstieg an Anfragen zu neuen digitalen Modellen.

Was sind denn Ihre Erfahrungen aus den aktuellen Fällen in der Krisenberatung im Zusammenhang mit Corona?

Mein Mantra in der Beratung ist, dass jede Krise auch eine Chance ist. Viele Unternehmen verfallen im ersten Moment in eine gewissen Schockstarre, weil sie Angst haben Entscheidungen zu treffen, die sie später bereuen könnten. Das ist der größte Fehler, den ich sehe. Die Angst beherrscht oftmals die Kommunikation und nur in wenigen Fällen wird die Chance gesehen, hier über persönliche und empathische Kommunikation Mitarbeiter, Partner und Kunden emotional abzuholen und diese Reise gemeinsam zu gestalten.

Welche sind die häufigsten Fehler, die im Krisenmanagement zurzeit passieren und wie kann man diese verhindern?

Das Spannende an den Auswirkungen der Pandemie im Zusammenhang mit Unternehmen ist, dass die Probleme, die es im Unternehmen entweder in der Struktur, im Verkauf oder im Marketing gegeben hat, nun gnadenlos zum Vorschein kommen. Hierzu gibt es ein sehr passendes Zitat von Steve Jobs. Er meinte, es ist Zeit anders zu denken und die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Aber genau das Gegenteil passiert: Viele Manager und CEOs begeben sich weiterhin auf ihre ausgetretenen Pfade und verbleiben in ihrer Komfortzone, die jahrelang geholfen hat, ihr Business zu managen. Hier ist allerdings neben der richtigen Aufstellung der Prozesse in der Krise auch sehr viel persönliches Coaching mit allen Beteiligten im Unternehmen gefragt.

Wie sehen Sie denn die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen in Unternehmen und deren Rolle z.B. HR und Kommunikation?

Hier kommen wir wieder ganz schnell zum Thema Prozesse. Da die Kommunikationsabteilung eine so zentrale Funktion hat, denken deren Mitarbeiter oft, dass sie für die Lösung der Krise verantwortlich sind. Dies ist jedoch absolut nicht der Fall. Es geht viel eher um Business Entscheidungen, die von der Kommunikationsabteilung begleitet werden und deren Funktion als Trusted Advisor darin besteht, statt Krisenkommunikation „Krisen-Leadership“ zu fordern. Interessant war auch die Zusammenarbeit in zahlreichen Firmen zwischen der Personal- und der Kommunikationsabteilung im Zusammenhang mit der Einführung von Kurzarbeit. Auf der einen Seite wurden hier Personaler ganz schnell zu Experten für das Thema Kurzarbeit. Auf der anderen Seite musste die Kommunikationsabteilung darauf achten, dass die Kommunikation nicht zu rechtswissenschaftlich wirkte und die Mitarbeiter empathisch abgeholt wurden. Auch hier zeigte sich ganz schnell, dass es wichtig ist, die Prozesse richtig aufzusetzen. Mein bester Tipp an dieser Stelle: Setzen Sie eine funktionsfremde Person in die Organisationsverantwortung in der Corona Task Force ein, damit die Abläufe gut funktionieren. Ansonsten kann es oft zu einer unglaublichen Zeitverschwendung und doppelter Arbeit kommen.

Wie kann man in diesem Homeoffice Zeitalter die Menschlichkeit im Unternehmen aufrechterhalten?

Eine der wichtigsten Punkte im Zusammenhang mit Krisen-Leadership und der Corona Pandemie ist es, sich um die mentale Gesundheit der Mitarbeiter sowie die des Führungsteams zu kümmern. Homeoffice kann sehr schnell bedeuten, dass es von einem Video Call Sprint zum nächsten geht, ohne dass man Pausen einlegt. Hinzu kommen der übergeordnete Stress, den die Pandemie selbst mit sich bringt, sowie der häusliche enge Raum. Über mehrere Wochen kann dies auf Dauer zu mentaler Müdigkeit und Erschöpfung führen. Hier ist es entscheidend, sich als Führungskraft Zeit zu nehmen und das Wohlbefinden der Mitarbeiter sicherzustellen. Dies geht weit über den Smalltalk am Anfang eines Video Calls hinaus. In Krisensituationen wird zudem oftmals die Resilienz der Führungskräfte außer Acht gelassen. Die mentale Erschöpfung ist bei diesem Marathonlauf in Sprintgeschwindigkeit eines der größten Probleme und sollte daher im Auge behalten werden.

Welche kommunikativen Herausforderungen bringt Covid-19 mit sich und wie sind diese bestmöglich zu bewältigen?

Die Krise zeigt sehr schnell den wahren Charakter von Menschen. Daraus lässt sich auch die Art und Weise ableiten, wie kommuniziert wird. Jeder sollte sich kurz einmal Zeit nehmen und reflektieren, wie er mit anderen – gerade im virtuellen Raum – umgeht. Eine wütende Mail wird schnell geschrieben, zieht jedoch weitreichende Konsequenzen nach sich. Gar nicht erst zu kommunizieren aus Angst vor Fehlern, hat genauso Konsequenzen. Am häufigsten kann man positive Kommunikation in Unternehmen beobachten, die einen ausbalancierten Purpose haben. Diese innere Sinnstiftung, die oftmals erst entwickelt werden muss, ist eine Triebfeder für offene, ehrliche und zielgerichtete Kommunikation nach innen und außen. Da diese Krise eben auch eine Chance ist, arbeiten wir mit Unternehmen am Thema Purpose, damit sie gestärkt aus dieser Krise wieder herauskommen. Larry Fink, CEO von BlackRock, der größten Asset Management Gruppe der Welt, sagte: „Die Pandemie führt uns vor Augen, wie fragil die Welt ist und welcher Wert in nachhaltigen Portfolios steckt. Wenn wir diese Krise überstanden haben und Anleger ihre Portfolios anpassen, haben wir die Möglichkeit, eine nachhaltigere Welt zu schaffen.“

Gibt es eine branchengreifende Strategie, welche man als Unternehmer adaptieren kann, um zumindest die richtigen Weichen für den Umgang mit der aktuellen Situation zu legen?

Neben einem starken Purpose, der zur DNA des Unternehmens, zu den Mitarbeitern und zu den Kunden passt, bin ich auch ein großer Freund der Re-Gnose über die der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht: Wer sich in eine Zeit nach der Corona Krise versetzt und darauf zurückblickt, wie er aus der Krise hätte kommen wollen und welche Chancen er genutzt haben könnte, wird die Kraft haben in der aktuellen Situation an so einer Vision zu arbeiten. Gleichzeitig sehen wir, dass gerade unter Druck stehende Unternehmen es mit so einem Ansatz schaffen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln bzw. alte Fehler, die es immer schon im Unternehmen gab, zu beseitigen.

Was steckt hinter ihrem KI-gestützten Risikomanagement Produkt?

Die Corona Pandemie ist ein perfektes Beispiel für eine VUCA Welt (volatile, uncertain, complex und ambiguous), in der man schnell an seine persönlichen Grenzen kommt. Eben dies ist eines der Beispiele für die Verwendung von künstlicher Intelligenz, um frühzeitig Gefahren für das Business zu erkennen. In Zusammenarbeit mit unserem Partner Intuitive AI GmbH haben wir jetzt ein KI gestütztes Scouting & Monitoring Tool zur Analyse von Risiken um die relevanten Realtime News und Daten zum Covid-19 Virus erweitert. Dieses Tool kann individuell auf Unternehmen und spezifische Situationen angepasst werden, z.B. indem Informationen zu Produktionsstandorten, Lieferketten und Zulieferern vertraulich eingepflegt werden. Das Ergebnis ist ein Cockpit, das in Echtzeit einen priorisierten Überblick zur aktuellen Newslage (Abdeckung in allen relevanten Sprachen) sowie eine Geolokalisierung von Risiken (unter ESG Aspekten oder im derzeitigen Fall Covid-19) anzeigt. Mit der kontinuierlichen Überwachung und der Realtime-Aufbereitung der gesammelten Daten ist auch eine Alert-Funktion gekoppelt. Mit diesem professionellen Risikomanagement können frühzeitig Handlungsszenarien und Kommunikationsstrategien entwickelt werden – nicht nur für Covid-19.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der fischerAppelt #allefüralle Initiative?

Derzeit hat der Corona Virus Deutschland fest im Griff. Die Pandemie stellt alles auf den Kopf und bringt ganz neue Herausforderungen mit sich. Im Zusammenhang mit dem Corona Virus zeigt sich jedoch auch, dass es eine unglaubliche Kraft im Gemeinsamen gibt. Die Initiative “Deutschland gegen Corona” hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, an jeden Einzelnen zu appellieren, den notwendigen Sicherheitsabstand im öffentlichen Raum zu halten. Gleichzeitig möchte sie aber auch Mut für die Zukunft machen und den Zusammenhalt fördern – damit aus der aktuellen sozialen Distanz eine neue Nähe erwachsen kann. Gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Medien sowie prominenten Unterstützern und Influencern demonstrieren wir in der Kampagne #allefüralle, wie und wo soziale Distanz in Zeiten von Corona gelebt werden soll.

Herr Koene, vielen Dank für das Gespräch.

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