Digital Life – Was kommt?


Dr. Dietmar Kottmann

Dr. Dietmar Kottmann, Partner, Oliver Wyman

Digitalisierung ist in aller Munde – auch in der Versicherungsindustrie. Neue digitale Geschäftsmodelle wie Lemonade, Trov, Zhong An oder Oscar werden immer wieder diskutiert. In Deutschland spricht man nicht nur über bereits gut etablierte Preisvergleichsportale wie Check24 oder Verifox. Auch jüngeren digitalen Initiativen der Versicherungswirtschaft wie Friday oder Nexible und neuen digitalen Versicherern wie Coya, Element, One oder Ottonova kommt viel Aufmerksamkeit zu. All diese Beispielunternehmen sind auf die Sach- oder Krankenversicherung fokussiert. Wo bleiben die digitalen Angebote für die Lebensversicherung?

Reicht es in diesem Bereich aus, digitale Kundenschnittstellen für die Website oder das Smartphone zu entwickeln, die Prozesse zu digitalisieren und mit künstlicher Intelligenz anzureichern? Ein Blick in unsere gemeinsam mit Policendirekt erstellte globale InsurTech Datenbank scheint diese These zunächst zu bestätigen: Von den mittlerweile rund 1.700 InsurTechs sind nur rund zehn Prozent in der Lebensversicherung tätig. Doch der erste Blick täuscht. Betrachtet man die Ideen, auf denen die InsurTechs basieren genauer, so erkennt man, dass die digitale Geschäftsmodellinnovation nicht vor der Lebensversicherung haltmacht.

Durch die Analyse unserer InsurTech-Datenbank, unsere tägliche Arbeit mit internationalen Kunden und unserem Industrieverständnis haben wir 25 digitale Geschäftsmodellinnovationen für die Lebensversicherung identifiziert. Aus diesen 25 wollen wir im Folgenden einige Modelle exemplarisch vorstellen.

  • Financial Home: Die Grundidee des Financial Home ist, finanzielle Entscheidungen für konkrete Lebenssituationen über alle Finanzprodukte hinweg zu optimieren. Dabei werden sowohl Substitutionsmöglichkeiten zwischen Produktkategorien berücksichtigt als auch gegenseitige Einflüsse – etwa der Umfang einer notwendigen Liquiditätsreserve als Vorsorge für Krisensituationen abhängig vom vorliegenden Risikoschutz. Folglich muss ein Financial Home das Bank- und Versicherungsportfolio des Kunden kennen. Die im Frühjahr angekündigte Partnerschaft der Deutschen Bank mit Friendsurance zur Integration eines Versicherungsmaklers in das Online Banking ist ein Schritt in diese Richtung. Wenn auch zunächst auf die Sachversicherung fokussiert ist die Anwendbarkeit des Modells auf die Lebensversicherung offensichtlich. Das Maklermodell ist aber keine notwendige Voraussetzung: Ein Financial Home kann auch von Versicherern aufgebaut werden, wie es sie Alte Leipziger mit Ihrem Angebot Fin4U, die MAIF in Frankreich mit ihrem Modell Nestor oder die USAA mit ihren auf konkrete Lebenssituationen zugeschnittenen Ökosystemen zeigen. Ebenso sind exklusive Varianten des Financial Home in Entwicklung, die Finanzportale um das Management des Versicherungsportfolios ergänzen, aber nur die Produkte eines dezidierten Versicherungspartners vertreiben.
  • Partner für digitale Erwerbsplattformen: Für eine zunehmende Anzahl an Menschen sind digitale Erwerbsplattformen die primäre Einkommensquelle. Daraus entsteht die Chance, die Plattformen für den Versicherungsvertrieb zu nutzen. Jüngste Beispiele im Bereich der Ride-Sharing-Plattformen sind die Partnerschaft der AXA mit Uber, die neben dem „Partner Protection“-Programm auch den Aufbau eines Marktplatzes für Vorsorgeprodukte umfasst, oder die auf einer ähnlichen Logik basierende Partnerschaft von Chubb mit dem asiatischen Uber-Konkurrenten Grab.
  • Digitale Benefit-Plattformen für KMU: Kleine und mittlere Unternehmen sind vertrieblich oft schwer für Versicherungen zu erreichen, benötigen aber gleichzeitig Lösungen für ihre Personalprozesse. Digitale Lösungen für die Abwicklung der Personalprozesse können zur Vertriebsplattform von Mitarbeiterbenefits erweitert werden. Internationale Beispiele dafür sind Limelight, Gusto oder Namely. Auch der jüngste Kauf des KMU-Cloud-Softwareanbieters Bexio – der bereits mit der Swiss Life im Bereich der Altersvorsorge kooperiert- durch die Mobiliar in der Schweiz ist ein Beispiel für diese Strategie.
    Die genannten Fälle zeigen, dass die Geschäftsmodellinnovationen noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Wie groß das Geschäftspotenzial der Modelle im Einzelnen ist, muss sich noch zeigen. Einige der 25 werden aber sicher eine relevante Größe erreichen, da sie wie das Financial Home das Potenzial haben, viele Menschen über einen klaren Mehrwert anzusprechen, um daraus Vertriebsraft für Versicherungslösungen zu schöpfen. Wir sind überzeugt, dass sich auf einzelne Modelle spezialisierte Versicherer durchsetzen werden – analog zu heutigen Spezialisten wie die Cosmos Direkt im Bereich der Leben-Direktversicherung. Da sich die Erfolgsfaktoren der Modelle zum Teil deutlich unterscheiden, sind gezielte Investitionen in wenige strategisch ausgewählte Modelle einer breiten Investitionsstreuung in viele Modelle nach dem Gießkannenprinzip oder dem Abwarten sicher überlegen.