Aktuariat 4.0: Agiles Arbeiten zur Bewältigung neuer Herausforderungen


Zahlreiche gesetzliche Anforderungen, die rasch voranschreitende Digitalisierung, ein anspruchsvolles Marktumfeld und neue Entwicklungen in der Arbeitswelt von Versicherungsunternehmen führen dazu, dass Projekte im aktuariellen Umfeld oft komplex und unübersichtlich sind. In diesem Zusammenhang ist eine ganzheitliche und zuweilen über die Kernexpertise von Aktuaren hinausgehende Betrachtung anspruchsvoller Fragestellungen entscheidend. Der Aktuar muss künftig also deutlich vernetzter arbeiten, als dies in der Vergangenheit gemacht wurde – und häufig noch gemacht wird. Neben den fachlichen Fähigkeiten des Aktuars werden damit Methoden immer wichtiger, die eine interdisziplinäre Kommunikation fördern und dabei helfen, im Projekt den Überblick zu bewahren.

Vor allem im Bereich der Softwareentwicklung konnte in den vergangenen Jahren die Effizienz von Projekten und Arbeitsabläufen durch den Einsatz sogenannter „agiler Methoden“ deutlich gesteigert werden. Diese agilen Methoden lassen sich ganz oder teilweise auf Projekte im aktuariellen Kontext auch außerhalb der Softwareentwicklung übertragen. Dabei bedeutet agiles Arbeiten nicht zwingend die strenge Befolgung agiler Regelwerke wie Scrum oder Kanban, sondern erfordert eine neue Art zu denken – ein „agiles Mindset“. Der zukünftige Aktuar ist also gut beraten, wenn er agile Techniken kennt und anwenden kann, wann immer dies angemessen ist.

Sprecht miteinander! Agiles Arbeiten bedeutet Kommunikation

Bei den meisten agilen Methoden stehen Formate zur systematischen und koordinierten Kommunikation im Zentrum, zum Beispiel sogenannte Daily- oder Review-Meetings im Scrum. Diese Formate können im aktuariellen Alltag die häufig herausfordernde interdisziplinäre Kommunikation unterstützen. Dabei sind Formate zur regelmäßigen interdisziplinären Kommunikation in der aktuariellen Praxis durchaus bekannt, etwa wöchentliche Jour-Fixes. Nicht selten wird jedoch der informative Mehrwert solcher häufig langen Meetings für den einzelnen Teilnehmer als begrenzt und das wöchentliche Jour-Fixe als „lästig“ oder zeitlich belastend empfunden.

Anhand weniger Regeln für solche Meetings, die in den agilen Regelwerken zu finden sind, lassen sich der zeitliche Einsatz für den regelmäßigen Austausch verringern und gleichzeitig der Informationsfluss verbessern. In der Konsequenz werden Arbeitsabläufe im Aktuariat und darüber hinaus effizienter. Insbesondere fördert agile Kommunikation den Austausch unter den handelnden Akteuren und löst „Top-Down-Kommunikationswege“ auf, ohne dass der Informationsfluss an die Führungskräfte unterbunden wird.

Wo stehen wir eigentlich? Den Projektfortschritt sichtbar machen

Neue, moderne Produkte oder Prozesse entstehen meist nicht „über Nacht“ und langfristige Projekte müssen immer öfter in einem sich schnell und spontan ändernden Umfeld behandelt werden. Die Frage, welchen Zustand ein Projekt zum aktuellen Zeitpunkt hat, ist dabei vor allem für verantwortliche Führungskräfte relevant, aber leider häufig nicht einfach zu beantworten. So passiert es immer wieder, dass der Überblick über den aktuellen Stand eines Projektes verloren geht.

Wie in den meisten klassischen Projekten wird das Endprodukt auch im agilen Projektmanagement in einem Anforderungskatalog beschrieben. Dieser Katalog wird in agilen Projekten jedoch laufend überarbeitet und neu priorisiert. Die schrittweise (d.h. inkrementelle) Abarbeitung der jeweils am höchsten priorisierten Anforderungen legt den Fokus auf immer „den nächsten Schritt“. Dadurch wird sichergestellt, dass zu jedem Zeitpunkt im Projekt das aktuell Wichtigste gemacht wird und neue Anforderungen entsprechend ihrer Dringlichkeit direkt berücksichtigt werden können. Techniken zur Darstellung des Projektfortschrittes (wie zum Beispiel sog. Task-Boards oder Burn-Down-Charts) sorgen dafür, dass der Überblick auch für Führungskräfte stets erhalten bleibt.

Der Wandel hat begonnen: Aktuare und agiles Arbeiten

In der Praxis gibt es bereits heute schon eine Vielzahl agil organisierter Projekte im aktuariellen Umfeld. Die meisten dieser Beispiele zeigen, dass die Vorteile des agilen Arbeitens auch dort für Mitarbeiter, Führungskräfte, Partner, Kunden und das Gesamtprojekt schnell deutlich werden. Bei der Einführung agiler Methoden im aktuariellen Umfeld sind aber auch verschiedene Fallstricke zu beachten. Eine unvoreingenommene erste Einschätzung, an welcher Stelle, für welche Zwecke und in welchem Umfang agiles Arbeiten im aktuariellen Kontext sinnvoll ist, ist fast immer hilfreich – dafür ist sowohl die Kenntnis aktuarieller Tätigkeitsfelder und Arbeitsprozesse als auch methodisches Wissen über agiles Arbeiten notwendig. Nur wer beides versteht und im Blick hat, kann damit echten Nutzen und Mehrwert schaffen!

Autoren:

zwiesler

Dr. Sandra Blome, Director & Partner, Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften – ifa
Dr. Martin Genz, Actuarial Consultant, Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften – ifa
Prof. Dr. Hans-Joachim Zwiesler, Vorsitzender des Kuratoriums, Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften – ifa

Prof. Dr. Hans-Joachim Zwiesler ist Referent des diesjährigen Strategiemeetings. Er vertieft o.g. Thema in seinem Vortrag „Aktuariat 4.0“.

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