KI muss für den Menschen sein

Die Handelsblatt Journal Redaktion im Gespräch mit Dr. Martin Hofmann, Group CIO, Volkswagen AG

Herr Hofmann, ist künstliche Intelligenz das „neue Rad“, die wichtigste technologische Entwicklung des Digitalen Zeitalters?

Mit Superlativen bin ich zurückhaltend. Ich gehe aber schon davon aus, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz viele Produkte und Technologien verändern wird. Künstliche Intelligenz  wird manches sogar erst möglich machen, zum Beispiel das autonome Fahren. Künstliche Intelligenz wird uns auch dabei helfen, Anwendun­gen und Arbeitsprozesse im Unternehmensalltag weiterzuentwickeln. Deshalb sage ich durchaus: Ja, künstliche Intelligenz bringt einen enormen technologischen Sprung. Umso wichtiger ist es, frühzeitig darüber nachzudenken, wie wir den Wandel gestalten, den der Einsatz von KI bringen wird.

Ist künstliche Intelligenz also auch gesellschaftlich relevant?

Ohne Wenn und Aber. Wie jede große Innovation im Bereich der Digitalisierung wird auch KI Wirtschaft und Gesellschaft verändern.

Wie wird dieser Wandel aussehen, den KI bringen wird?

Bleiben wir beim Blick auf unser Unternehmen. Angewandte KI wird die Arbeit der Menschen weiterentwickeln. Uns geht es darum, menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen mit künstlicher Intelligenz zu verbinden bzw. den Menschen durch KI zu unterstützen. Wir sprechen hier von ‚kognitiver Ergonomie‘. KI kann unsere Beschäftigten bei bestimmten Aufgaben entlasten. Sie kann ihnen noch bessere Entscheidungsgrundlagen liefern und ihnen Freiraum für neue Aufgaben schaffen.

Wo stehen Sie bei Volkswagen in der Entwicklung von KI?

In unserem Data Lab in München, dem Kompetenzzentrum für künstliche Intelligenz im Volkswagen Konzern, erforscht und entwickelt ein internationales Spezialistenteam leistungsfähige KI-Systeme. Diese Systeme setzen wir in vielen Pilotprojekten ein, die wir gemeinsam mit den Fachbereichen definiert haben. Die kommen aus dem gesamten Unternehmen, zum Beispiel aus der Produktion, dem Vertrieb, der Finanz oder der Beschaffung.

Nennen sie doch mal einige Beispiele nennen, wo Sie KI-Systeme im Unternehmen erproben!

Es gibt jede Menge Projekte. Vor allem erproben wir KI-Systeme für Aufgaben, in denen sie den Menschen kognitiv entlasten. Künstliche Intelligenz soll dem Menschen Sisyphus-Arbeit abnehmen. In der Marktplanung geht es zum Beispiel um Fragen wie diese: Wie entwickelt sich der Marktanteil eines bestimmten Modells unter Berücksichtigung der volkswirtschaftlichen Dynamik? Welche idealen Preise legen wir für Ersatzteile, sagen wir Scheibenwischer, in unterschiedlichen Ländern fest? Hierzu müssen große Datenmengen und viele Faktoren ausgewertet werden. Das gelingt einem Algorithmus weitaus besser als dem Menschen. Das System ist schneller, systematischer und ermüdungsfrei. Unsere Planungsexperten wiederum erhalten durch KI am Ende fundierte Grundlagen, die sie für ihre strategische Entscheidung heranziehen können.

Ein anderes Beispiel ist die intelligente Robotik. Für jedes große Industrieunternehmen ist es eine wichtige Frage, wie Arbeit im Produktionsbereich für den Menschen so ergonomisch und zugleich so effizient wie möglich gestaltet werden kann. Ideal sind dafür Roboter, die an der Montagelinie mit dem Menschen Hand in Hand arbeiten und ihn bestmöglich unterstützen können. Damit dies funktioniert, benötigen diese Maschinen ein leistungsfähiges KI-System, also nichts anders als ein ‚Gehirn‘, damit sie den Menschen erkennen, seine Bewegungsmuster und Kommandos erlernen, ihm optimal zuarbeiten und ihm notfalls auch ausweichen können.

Wann werden Sie KI im Unternehmen Volkswagen großflächig einsetzen können?

Wir sind mit angewandter KI noch in der Grundlagenforschung und Erprobungsarbeit. Dabei geht es weniger um die technische Machbarkeit. Für uns ist Künstliche Intelligenz kein Selbstzweck. Es geht immer um die Frage:  Wie kann KI den Menschen sinnvoll in seiner Arbeit unterstützen, so dass er ergonomischer, kreativer und produktiver arbeiten kann?

Vielen Dank für dieses Gespräch!