KI 2.0. – Viertel vor Zwölf für Europas digitale Souveränität

KI 2.0. – Viertel vor Zwölf für Europas digitale Souveränität

Kaum eine andere Technologie erfährt derzeit so viel Aufmerksamkeit wie die Künstliche Intelligenz (KI) – und das zu Recht. Laut einer PWC-Studie wird mithilfe von KI weltweit bis 2030 circa 15,7 Billiarden Dollar an Mehrwert generiert werden.

Das spannende daran ist, dass dieses Wachstum nicht allein durch Technologieunternehmen wie Google, Amazon oder Facebook zustande kommt. Stattdessen leisten Non-tech Companies einen großen Beitrag. Dieses Phänomen läutet die nächste Ära der KI-Entwicklung ein, KI 2.0. – und ist zugleich Europas letzte Chance, nicht hinter KI-Nationen wie den USA und China zurückzubleiben.

KI 1.0.: Software AI-first

Dass die KI-Entwicklung nicht linear, sondern in Wellen stattfinden wird, hat Kai-Fu Lee, Ex-CEO von Google China, bereits in seinem Buch „AI Superpowers“ vorausgesagt.

KI 1.0. war dominiert durch Software-Firmen. Doch einfach nur eine Software Company zu sein, genügte nicht. Nachhaltiger Erfolg war den Unternehmen vorbehalten, die es geschafft haben, KI erfolgreich einzusetzen – so wie Facebook durch die personalisierten Werbeanzeigen oder Netflix durch den ausgeklügelten Empfehlungsmechanismus.

All diesen Erfolgsgeschichten ist etwas gemein: ein radikaler AI-first-Ansatz. Alle Kundeninteraktionen und Services stehen unter dem Paradigma KI und werden ständig diesbezüglich hinterfragt, ob sie sich durch die Technologie noch weiter optimieren lassen. Firmen wie Yahoo dagegen, einst Internetpionier, dann zurückgefallen hinter der Konkurrenz, zeigen, was passiert, wenn man sich diesem Wandel verwehrt.

Auch aus Europa kommen Erfolgsgeschichten wie zum Beispiel Spotify. Im Großen und Ganzen müssen wir aber der Tatsache ins Auge blicken, dass wir den Wandel verschlafen haben. Obwohl die Grundlagenforschung für KI auch in Deutschland stattfindet, laufen uns Nationen wie China oder die USA den Rang ab.

KI 2.0.: Enterprise AI für Nicht-Technologie-Unternehmen

Die Antwort auf dieses Versäumnis liegt aber nicht darin, es mit den Gewinnern der KI-1.0.-Ära aufnehmen zu wollen und etwa eine europäische Suchmaschine nach Google-Vorbild zu entwickeln. Unsere Chance liegt in der nächsten Evolutionsstufe, KI 2.0., die durch „Business-AI“ geprägt ist. Hierbei springen auch Firmen, deren Fokus nicht auf KI liegt, als Nutzer und Entwickler von KI auf den Zug auf – von Mittelstand bis DAX-Konzern, von Einzelhandel bis Versicherung.

Historische Unternehmensdaten und anderen Datenquellen werden für Analysen und Vorhersagen genutzt mit dem Ziel, noch effizienter zu werden, Kosten einzusparen und neue, kompetitive Geschäftsmodelle zu entwickeln. Um diese Chance nutzen zu können, müssen sich Firmen und Regierungen intensiv mit KI als Technologie und ihren Anwendungsfällen auseinandersetzen.

Die Coronakrise kann dabei als Katalysator für die Digitalisierung und damit auch Nutzung von Daten mittels KI dienen. Denn Remote-Technologien haben seit Beginn der Pandemie einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Kundenzentrierung und Ethik als Schlüssel zum KI-Erfolg

Um Europa in der KI-2.0-Ära als globalen AI Player weiter nach vorne katapultieren zu können, müssen Unternehmen besonders in einem Punkt umdenken. Europäische Firmen zeichnen sich bislang noch durch eine sehr starke Produktzentrierung aus – die Stärke lag bisher darin, qualitativ hochwertige Produkte zu erzeugen und diese dann zu skalieren. Dabei kommt das Kundenfeedback aber oft zu kurz. Das Ziel sollte es sein, ein Produkt oder einen Service so kundenfreundlich zu gestalten, dass er dominierend für das jeweilige Kundenbedürfnis wird.

Die zunehmende Vernetzung spielt Unternehmen dabei in die Karten, denn man bekommt einfacher mit, wozu genau Kunden ein Produkt oder einen Service nutzen – das gilt für B2B- und B2C-Unternehmen gleichermaßen.

Europas KI wird außerdem durch einen Aspekt geprägt sein, der uns maßgeblich von Nationen wie China abhebt: Ethische Grundsätze. Durch unser Qualitätsverständnis und das europäische Wertebewusstsein ist Europa dazu prädestiniert, eine andere Art von KI zu entwickeln, die nicht nur wirtschaftlichen Grundsätzen folgt. Sozusagen „AI made in Germany“.

Fragen wie „warum trifft eine KI genau diese Entscheidung?“, „sollte man KI wirklich zu diesem Zweck einsetzen?“ und „wie baut man eine KI, die nicht diskriminiert?“ beschäftigen heute schon Wissenschaftler auf dem Gebiet der „explainable AI“, also der erklärbaren KI. Gleichzeitig darf Innovation aber nicht zu stark durch Regularien beschnitten werden – diese sollten generell nur unter Berücksichtigung bestehender Maßnahmen und nach transparenter und präziser Risikoeinschätzung erfolgen.

Nur, wenn wir diesen Spagat meistern, schaffen wir es, eine digitale Souveränität aufzubauen.

Alexander Thamm, CEO & Founder, Alexander Thamm GmbH