Kann Frau KI?

Interview mit Gesa Schöning, Geschäftsführende Gesellschafterin, QualiFiction GmbH

Frau Schöning, Sie sind erst 31 Jahre alt und positionieren sich bereits in zweifacher Hinsicht in Bereichen der typischen Männerwelt: Den Startups und der Künstlichen Intelligenz (KI).

Sie sind zweifache Mutter und gründeten 2017 mit ihrem Kollegen Dr. Ralf Winkler ein IOhr drittes Start-up QualiFiction. Mittels Künstlicher Intelligenz wollen Sie nun die nächsten Bucherfolge vorhersagen. Wie lässt sich mit KI die Qualität eines Textes beurteilen und wie kamen Sie auf die Idee, dies tun zu wollen?

Durch meine Buchhandels-Erfahrungen habe ich erfahren, dass es der Branche schlechter geht, als es ihr eigentlich gehen müsste. Aus bereits bestehenden Bucherfolgen und Misserfolgen lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen, welche die Branche allerdings kaum für sich ausschöpft. Bisher werden alleine in Deutschland mehr als 3 Millionen Manuskripte eingereicht, aber die meisten ungeprüft abgelehnt. Mit unserer Software haben nun auch unbekannte Autoren eine größere Chance, entdeckt zu werden und Verlage ein geringeres Risiko, den nächsten „Harry Potter“ wieder einmal abzulehnen.

Die KI stellt sich als typische Männerszene dar. Haben Sie als Frau Schwierigkeiten sich dort durchzusetzen oder wahrgenommen zu werden?

Bis jetzt nicht, ich habe sogar den Eindruck, etwas mehr aufzufallen, nur weil ich eine Frau bin. Unsere weibliche Entwicklerin hat aber mit diesen Vorurteilen gegenüber Frauen leider schon kämpfen müssen.

Woran liegt es dann Ihrer Meinung nach, dass Männer es leichter haben, sich bei Unternehmensgründungen und in der KI durchzusetzen?

Die Bereitschaft, Risiken einzugehen und dadurch vielleicht auch zu scheitern, ist in innovativen Unternehmen und auch in der KI sehr gefragt. Scheinbar wird davon ausgegangen, dass Männer die geeigneteren Player für diese Felder sein könnten. Frauen sind häufig eher Mitdenker und Finisher als Pioniere. Risiken werden von ihnen stärker analysiert und häufiger abgelehnt, vermutlich aufgrund einer realistischeren Einschätzung. Frauen scheitern daher seltener, sie werden aber vielleicht auch seltener die ganz großen Coups landen. Aber es kommt natürlich auch immer auf den Einzelfall an. Ich selber bin glücklicherweise recht selbstbewusst und überzeugt von dem Mehrwert unseres Unternehmens und von daher auch bereit, die damit verbundenen Risiken einzugehen. In diesen und weiteren Punkten stehe ich Männern sicher in nichts nach.

Man hört dennoch, dass Frauen zum Teil keine Möglichkeit bekommen, überhaupt in die Softwareentwicklung einzusteigen, zu einigen Treffen werden sogar nur Männer zugelassen. Gibt es die Me- too-Problematik auch im Bereich der KI?

Die Me-too-Debatte zieht weite Kreise und scheinbar auch schon in die IT Branche hinein. Ehrlich gesagt beunruhigt mich diese ganze Entwicklung. Die Täter verurteile ich strengstens, aber wir müssen aufpassen, dass nicht Unschuldige mit verurteilt werden. Ich würde mir wünschen, dass Frauen und Männer gleichermaßen miteinander leben und arbeiten können – ohne benachteiligt, bevorzugt oder missbilligt zu werden. Die Natürlichkeit zwischen Männern und Frauen kommt langsam abhanden. Der Trend macht Männer fast per se schon zu möglichen Tätern und Frauen zu Opfern. Diese Entwicklung halte ich für gefährlich und für falsch.

Würden Sie Frauen unter diesen Voraussetzungen überhaupt raten, sich selbstständig zu machen oder in die IT Entwicklung zu gehen?

– Ich kann nur dazu raten und ich glaube auch, dass es sie sogar glücklicher machen und die heutigen Debatten in ganz andere Richtungen lenken würde. Frauen haben alle Fähigkeiten in sich, Großes zu schaffen und das sollten sie auch nutzen! Meine Tipps: Habt Mut, etwas zu wagen, was nicht alle machen. Stellt Fragen, lasst euch helfen und gebt zu, dass ihr nicht perfekt seid, aber zweifelt deshalb nicht an eurer Großartigkeit. Habt Zuversicht in euch, aber auch in eure Männer, eure Kinder, eure Mitarbeiter und eure Kollegen. Und seid so verwegen, Ihnen sogar etwas von eurer Verantwortung und eurem Vertrauen abzugeben. Ihr büßt nicht ein, sondern ihr gewinnt dazu.