„High Tech aus Deutschland feiert Comeback“

Handelsblatt Nr. 013, 18.1.13

Das Auto wird zum Wegbereiter für ganz neue Geschäftsmodelle.

  • Apps fürs Handy zeigen das beste Verkehrsmittel an.
  • Das automatisierte Fahren soll 2025 Realität werden.

IT made in Germany – das ist derzeit eher etwas für Spezialisten, nichts für Otto Normalverbraucher. Statt populärer Konsumware wie iPhone oder Facebook ist es Software zum Steuern von Maschinen oder ganzen Unternehmen, die hierzulande die Entwicklerlabore verlässt. Doch nun steht die deutsche IT vor einem Comeback bei den Privatnutzern – gut verpackt in des Deutschen liebstes Kind: dem Auto. Der vernetzte Wagen ist zum wichtigsten Thema der Fahrzeugbranche geworden.

„Wir haben vor mehr als zehn Jahren damit begonnen, das Auto zunächst in sich zu vernetzen. Heute vernetzen wir den Fahrer und dessen Auto mit der Welt“, sagte Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender von Audi, dem Handelsblatt: „Unsere Modelle sind jetzt schon Teil des World Wide Web.“

Stadler ist einer von mehreren Referenten der Autobranche auf der Handelsblatt-Tagung „Strategisches IT-Management“ Ende Januar in München. Auch Michael Gorriz, IT-Chef von Daimler, und Ralf Lenninger, innovativer Vordenker des Zulieferkonzerns Continental, sind dabei.

Sie alle haben ein Thema: die Verschmelzung von Informationstechnologie und Auto. Es ist für die Autoindustrie die große Chance. Sie können sich mit Hilfe von Bits und Bytes als Anbieter von Mobilitätslösungen präsentieren – in Zeiten, in denen das Auto nicht mehr den Stellenwert wie noch vor zehn Jahren besitzt, ein Muss.

„IT does matter“ hat Daimler-Manager Gorriz deshalb seinen Vortrag für die Tagung überschrieben – in Anlehnung an einen vor Jahren vielbeachteten Aufsatz des IT-Experten Nicholas Carr. In dem hatte der die These vertreten, dass IT kaum noch eine Rolle spielt, da alles für jeden erhältlicher Standard ist, der keine neuen Impulse mehr bringt.

Doch Carr irrte gewaltig, wie der Blick auf die Automobilbranche zeigt: Dort macht die IT derzeit ganz neue Geschäftsmodelle und Ideen möglich, die noch vor Jahren undenkbar für die weltweit führenden Autokonzerne gewesen waren. Daimler hat zum Beispiel eine sogenannte App – also ein kleines Werkzeug für Smartphones und Tablet-Computer – entwickelt, mit der Nutzer für eine bestimmte Strecke die besten Verkehrsmittel angezeigt bekommen. „Moovel“ nennt sich das Programm und wird derzeit in Stuttgart und Berlin erprobt.

Dass dort längst nicht immer das Auto als bestes Vehikel angezeigt wird, sondern auch mal die Straßenbahn, stört Daimler nicht. Für IT-Chef Gorriz klappt die Abschottung nicht mehr. „Die Vernetzung ist ein Kaufargument“, sagt er.

Für Lenninger von Continental geht es um nicht weniger als die „Überwindung von traditionellen Industriegrenzen“. Der Zulieferkonzern hat sich auf das Thema automatisiertes Fahren spezialisiert. Alleine 2013 will Conti hierfür 100 Millionen Euro investieren. Erst vor wenigen Tagen hat Continental die britische Firma ASL Vision erworben, einen Spezialisten für die digitale Erfassung der direkten Umgebung.

Bis 2016 wollen die Hannoveraner das automatisierte Fahren in ersten Schritten marktfähig machen. Spätestens 2025 soll es dann Alltag sein – und den Fahrgästen ganz neue Möglichkeiten bescheren. So könnte die IT auf Autobahnen bei Geschwindigkeiten bis 130 Stundenkilometern den Fahrbetrieb vollständig übernehmen und erst an der Abfahrt wieder an den Fahrer übergeben. Der kann die Zeit nutzen, um etwa online seine Weihnachtsgeschenke zu ordern.

Für Lenninger von Continental steht fest: Wer die neuen Möglichkeiten der IT nicht nutzt, verpasst die Zukunft: „Eine offene Zusammenarbeit und neue Geschäftsmodelle prägen den unternehmerischen Erfolg.“

Rupert Stadler .

„Das Netz sorgt für neue Transparenz“ .

Koenen: Herr Stadler, lassen Sie den Computer Ihren Alltag regeln?

Stadler: Bei der Gestaltung meines Alltags bleibe ich der Regisseur. Dank Handy, Tablet und Laptop kann ich Entscheidungen schneller und effizienter umsetzen – ideal für ein Unternehmen, das mit seinen Mitarbeitern auf der ganzen Welt erfolgreich sein will.

Koenen: Also bereitet Ihnen die rasante Entwicklung der digitalen Welt keine Sorgen?

Stadler: Im Gegenteil, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft können diese Technologien gewinnbringend einsetzen. Für uns als Autohersteller sehe ich da großartige Möglichkeiten, auch um Kunden noch stärker für unsere Marke zu begeistern.

Koenen: Oder die Kunden werden abgeschreckt durch negative Berichte im Internet…

Stadler: Das Internet mit den Foren und Blogposts sorgt für ein neues Maß an Transparenz. Kunden können sich schon vor dem ersten Besuch im Autohaus ausführlich über einzelne Modelle informieren. Viele berichten sogar online über ihre Erfahrungen mit unseren Autos. Unsere Händler begegnen also immer öfter Kunden, die genau wissen, was sie wollen. Vielleicht entfällt das erste Infogespräch, weil die Käufer von morgen ihre Recherche auf unserer Internetseite beginnen. Doch die Kunden lernen auf diesem Weg die Vorzüge unserer Produkte und Dienstleistungen kennen.

Koenen: Die digitale Welt macht die Vermarktung also schwieriger?

Stadler: Der Austausch zwischen Kunde und Händler ist so intensiv wie nie zuvor. Das macht die Beratung anspruchsvoller. Neben unseren Webseiten bieten wir verschiedene Apps zum kostenlosen Download – so bekommen unsere Fans immer aktuelle Informationen auf ihre Smartphones und Tablets. Mit dem neuen Handelskonzept Audi City gehen wir jetzt schon auf das Einkaufsverhalten der Digital Natives ein. Der Kunde kann auf großen Videowänden sein Wunschfahrzeug in 3-D konfigurieren.

Koenen: Werden unsere Autos demnächst selbstständig einen Termin für die Inspektion vereinbaren und automatisch zur Werkstatt fahren?

Koenen: Die technischen Voraussetzungen für pilotiertes Fahren beherrschen wir bereits heute. Wir könnten vieles problemlos in Serie bringen. Dafür muss aber die nötige Gesetzgebung und Infrastruktur geschaffen werden. Denken Sie an das automatisierte Einparken in einem Parkhaus. Noch aber, und das kann uns nur recht sein, sitzen Audi-Fahrer am liebsten selbst hinter dem Steuer.

Die Fragen stellte Jens Koenen.