Corporate Digital Responsibility | Wie Unternehmen digitale Verantwortung jetzt mitdenken müssen

von Lena-Sophie Müller

Routenführung per Smartphone, Einkaufen mit Sprachassistenten oder Kundenservice per Chatbot – algorithmische Systeme und KI begleiten uns heute bereits auf vielfältige Weise. Der technologische Fortschritt geht weiter – schnell und unumkehrbar. Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz haben großes Potenzial und bergen viele Handlungsoptionen, deren Umsetzung die Gesellschaft prägen und verändern wird. Das wirft auch ethische Fragen auf: Welche Aufgaben übertragen wir zum Beispiel an Maschinen, welche an die Menschen? Wie prägen Technologien den zukünftigen Wohlstand von Gesellschaft und Unternehmen und wer partizipiert? Daraus erwächst eine neue Verantwortung für Unternehmen: die Corporate Digital Responsibility (CDR).

Sechs Gedanken zum Themadigitale Verantwortung:

1. Es ist Zeit für mehr Reflexion.
In jüngster Zeit löste vor allem der Einsatz von KI-Technologien bei der automatisierten Gesichtserkennung eine Debatte aus. Diese in der Massenanwendung noch eher neue Technologie zeigt, wie weit und vielfältig ein Anwendungsfeld sein kann: Zum einen kann ein Blick auf das Smartphone das Handy entsperren oder eine Bezahlung auslösen – praktisch. Die Technologie kann auch helfen, seltene Erkrankungen schneller zu diagnostizieren oder vermisste Personen zu finden. Was aber, wenn Staaten die Technologie bei Protesten einsetzen, wie vor kurzem in den USA im Rahmen der #BlackLives-Matter-Bewegung geschehen, und viele dort Bürgerrechte bedroht sehen? Einige Anbieter beendeten deswegen vorübergehend die Zusammenarbeit mit der Polizei. Was bleibt, ist die Frage: Wollen wir in unserer Gesellschaft Gesichtserkennung im öffentlichen Raum zulassen und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen? Das Beispiel zeigt: Gefährlich ist nicht eine Technologie, sondern ihre Anwendung. In Diskussionen wird oft entweder ein dystopisches oder ein utopisches Zukunftsszenario gezeichnet. Es gibt aber viele Grautöne dazwischen, über die wir reflektieren müssen – und zwar nicht allein in Experten-Blasen, sondern gesamtgesellschaftlich: Wie wollen wir als digitale Gesellschaft leben? Was ist das Gute und Richtige im Digitalzeitalter?

2. Regulierung stößt an Grenzen.
Besonders die automatisierte Gesichtserkennung machte Rufe nach Regulierung laut. Der Wunsch von Unternehmen nach gesetzlichen Vorgaben und Orientierung ist verständlich, aber aufgrund der technologischen Dynamik und Geschwindigkeit in vielen Fällen schwierig zu erfüllen. Selbstverständlich ist es Aufgabe der Politik, die gesellschaftliche Diskussion zu führen. Doch die gesetzliche Regulierung stößt im digitalen Zeitalter mitunter an ihre Grenzen: Innovationen sind heute oft schneller und dynamischer, als Politik und Zivilgesellschaft reflektieren, Positionen finden und handeln können. Und wie detailliert können und sollen Gesetze zum Beispiel die verschiedensten Einsatzfelder – von Foto-Tagging in Social Media bis zur Gesichtserkennung im Supermarkt – regeln? Oft fehlt es an ausreichenden Erfahrungswerten, auf denen konkrete und klare Rechtsvorschriften gründen könnten. Und so führt das Spannungsfeld dazwischen, einerseits Entwicklungen durch Innovationen nicht unnötig zu begrenzen und andererseits klare Leitplanken zu erlassen, teils zu einem Regelungsvakuum. Dies können Unternehmen aber auch als Chance begreifen: Statt auf Regeln und Vorgaben zu warten, können sie den digitalen Wandel bzw. seine Rahmenbedingungen verantwortungsvoll mitgestalten.

3. CDR ist ein Strategiethema für die Führungsetage.
Neben dem Einhalten von verpflichtenden gesetzlichen Mindeststandards lohnt es sich für Unternehmen, aus eigenem Antrieb stärkere digitale Verantwortung zu übernehmen. Führungskräfte mit Weitblick können jetzt vorausgehen und Maßstäbe setzen, indem sie aus ihrem eigenen Unternehmen heraus Leitbilder, Regeln und Empfehlungen entwickeln oder konkrete CDR-Maßnahmen in der Praxis ausprobieren. Auf diese Weise verschaffen sie sich heute sowohl einen zeitlichen Vorsprung als auch einen Wettbewerbsvorteil: Da das Thema digitale Verantwortung für alle Menschen künftig an Bedeutung gewinnen wird, können Unternehmen mit klarem CDR-Profil sowohl extern gegenüber ihrer Kundschaft und anderen Stakeholdern punkten als auch intern gegenüber ihren Beschäftigten. Das zwingend notwendige „V“ wie Verpflichtung wird ergänzt um ein zweites freiwilliges „V“ für Verantwortung. Erste Unternehmen erarbeiten sich bereits ethische Orientierung für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, etablieren CDR-Aktivitäten als festen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur oder bieten ihren KundInnen Transparenz über Daten und Vorgänge weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus. Auch im Wettbewerb um die besten Nachwuchs- und Fachkräfte wird CDR in Zukunft eine große Rolle spielen. Strategisch gehören Überlegungen, wie ein Unternehmen sich in digitalen Wertefragen positioniert,  daher in die Führungsetage – sei es beim CEO oder durch die neue Position eines Chief Digital Responsibility Officer (CDRO).

4. Kontinuierliche Verantwortung von Anfang an im Prozess
In der digitalisierten Welt sind es privatwirtschaftliche Akteure, die neue Technologien in den Alltag der Menschen bringen, Innovationen erzeugen und große gesellschaftliche Veränderungen auslösen – wie beispielsweise die Gesichtserkennung. UnternehmerInnen sind es aber auch, die ihren Innovationsgeist einbringen können, um das Potenzial neuer Technologien zur Lösung großer Probleme der Menschheit wie den Klimawandel anzugehen. Warum sollten daher nicht auch Unternehmen den gesellschaftlichen Reflexionsprozess vordenken und sich aktiv einbringen? Beim Einsatz von Gesichtserkennung könnte ein Beitrag zum Beispiel sein, darüber aufzuklären und transparent zu machen, was die eingesetzten Technologien und Dienste können, und einen Dialog zu initiieren, was potenzielle Folgen sind. Beim Thema Digital Sustainability könnten es UnternehmerInnen sein, die die Interdependenz von Digitalisierung und Nachhaltigkeit, und damit zwei wesentliche Entwicklungsprozesse der heutigen Zeit, kombiniert betrachten. Der Reflexionsprozess sollte idealerweise die gesamte Produktentwicklung kontinuierlich begleiten und immer wieder hinterfragen: Welche Vor- oder auch Nachteile bringt die eingesetzte Technologie den Menschen, die sie anwenden? Welche langfristigen Folgen könnte das Produkt auf die Gesellschaft haben und was sind mögliche Folgen zweiter und dritter Ordnung? Welche Möglichkeiten und Verbesserungen, aber auch Fehlerquellen, Bias und Risiken könnte der Einsatz mit sich bringen?

5. Eine Aufgabe für alle Branchen
Die Corporate Digital Responsibility ist für viele noch Neuland, aber alle Branchen und Bereiche werden vom digitalen Wandel betroffen sein. Auf www.corporate-digital-responsibility.de werden verschiedene Ansätze von der Gesundheitsbranche über den IT-Dienstleister bis zu einem Branchenverband veröffentlicht, um zu diesem Erfahrungsaustausch beizutragen und die Entwicklung zu begleiten. Der Stand der Wissenschaft sowie der Diskussionen zeigt: Es gibt keine fertigen Antworten, generellen Lösungen oder Patentrezepte. Mit Blick auf die Dynamik der Technologien wird dies auch so bleiben: Es gilt, ständig weiter zu lernen, sich umzuschauen und zuzuhören. Immer wichtiger wird ein branchenübergreifender Erfahrungsaustausch. Um Ideen und Input zu erhalten, fragen die Initiative D21 und die Deloitte-Stiftung im interdisziplinären Hochschulprojekt „Digital Future Challenge“ die junge Generation nach gutem und richtigem Unternehmenshandeln im digitalen Zeitalter. Studierende werden mit konkreten Fallbeispielen aus der Unternehmenspraxis vor die Herausforderung gestellt, die Unternehmensverantwortung im und durch den digitalen Wandel zu analysieren, mit UnternehmerInnen, NGOs und WissenschaftlerInnen zu diskutieren und Lösungskonzepte zu erarbeiten. Im letzten Jahr reichten die Lösungsskizzen von Siegeln, die den verantwortungsbewussten unternehmerischen Umgang mit Daten bescheinigen, über eine Lernumgebung für Kinder, um notwendige Digitalkompetenzen zu vermitteln, bis zu einer Plattform zur Steuerung des persönlichen Datenflusses – Ansätze, die es wert sind, sie in der Praxis zu erproben. Im kommenden Jahr werden die Studierenden sich der Corporate Digital Responsibility in den Themenfeldern „Digital Literacy“ und „Digital Sustainability“ widmen.

6. Ein europäischer Wertekompass
Die Effekte des Einsatzes digitaler Technologien insbesondere bei weltweit agierenden Konzernen sind so global, dass wir supranationale Regulierungen bräuchten – auch, da heutzutage nicht mehr nur die großen Unternehmen weltweit und damit in unterschiedlichen Rechtsräumen agieren. Die Antwort und die Chance liegen in Europa. Der EU-Binnenmarkt ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Wenn es gelingt, hier eine europäische digitale Ethik gemeinsam zu gestalten, zu etablieren und vorzuleben, hätte dies durchaus einen globalen Impact und könnte zum Vorbild werden. Europa hat die Chance, bei diesem Thema voranzugehen und zur digitalen Wertegemeinschaft zu werden. Deutschland hat seine EU-Ratspräsidentschaft 2020 u.a. dafür genutzt, die digitalen Wertefragen mit hoher Priorität auf die europäische Agenda zu setzen. Mit der „Berliner Erklärung zur digitalen Gesellschaft und wertebasiertem Digital Government“ postuliert Deutschland, dass der digitale Wandel in Europa auf demokratischen Werten und ethischen Prinzipien basieren muss, und legt dafür sieben konkrete Leitplanken zum Wohle der Gesellschaft vor. Darunter u.a. die Förderung von Grundrechten und  demokratischen Werten in der digitalen Sphäre, die Schaffung wertorientierter, auf den Menschen ausgerichteter KI-Systeme sowie die Förderung von Resilienz und Nachhaltigkeit. Für Unternehmen können diese Leitplanken als wertebasierter Kompass dienen, um der Frage nachzugehen, welchen Beitrag sie im digitalen Wandel leisten können. Der Zeitpunkt ist auch in Deutschland gut: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung steht den Veränderungen, die sie durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren erwarten, positiv gegenüber. Dies ist ein Ergebnis der Studie „D21-Digital-Index“. Das Pandemie-Jahr 2020 hat ferner einen Digitalisierungsschub in der Arbeits- sowie Lebenswelt der Menschen gebracht. Diese Stimmung in der Bevölkerung und das große Potenzial durch CDR sind eine Chance für die Wirtschaft: Jetzt gilt es, sich mit den relevanten Fragen zum digitalen Wandel auseinanderzusetzen und eine Vorreiterrolle in Sachen digitaler Unternehmensverantwortung zu übernehmen, um so einen Beitrag für die Gesamtgesellschaft zu leisten. Klar muss aber auch sein: Wenn die Wirtschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht vorausschauend nachkommt, können die Entwicklungen der kommenden Jahre ein enormes Potenzial haben, Vertrauen der Bevölkerung in die digitale Entwicklung zu zerstören. ■

Statt auf Regeln und Vorgaben zu warten, können Unternehmen den digitalen Wandel bzw. seine Rahmenbedingungen verantwortungsvoll mitgestalten.
Auch im Wettbewerb um die besten Nachwuchs- und Fachkräfte wird CDR eine große Rolle spielen.
Europa hat die Chance, voranzugehen und zur digitalen Wertegemeinschaft zu werden.

Lena-Sophie-Müller,
Geschäftsführerin, Initiative D21,
und Mitglied im Beirat Junge Digitale Wirtschaft
beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

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