Mittelstand als Wachstumstreiber der Zukunft


Mittelstand als Wachstumstreiber der Zukunft

Von Oliver Schoeller

Die Wettbewerbsperspektiven der deutschen Wirtschaft, vor allem im Kontext der  geopolitischen Kräfteverhältnisse zwischen den führenden Wirtschaftsmächten und einer evidenten Schwäche der Europäischen Union, sind herausfordernd. Vor allem werden wichtige Wachstumsfelder längst durch China und die USA dominiert. Und dennoch, bei sorgfältiger Analyse der Megatrends, also Tiefenströmungen, die auf lange Sicht die Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend verändern, können wir ermutigt hinschauen, denn deren ökonomischen Auswirkungen versprechen prosperierende Wachstumsraten im Herzstück der deutschen Wirtschaft: dem Mittelstand.

Nachhaltige Transformation
Nehmen wir die erforderlichen, tiefgreifenden Veränderungen in der globalen Wertschöpfung zur Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens.

Der Anspruch auf eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft ist längst gesellschaftlicher Konsens, auch, oder vielleicht vor allem im Mittelstand. Klar ist aber auch, dass selbst eine massive Verringerung des CO2-Ausstoßes der Unternehmen in Deutschland den Planeten nicht einmal in die Nähe von Net-Zero-Emission bringt. Denn die Sehnsucht nach Wohlstand von fast  8 Mrd. Menschen treibt das globale Wachstum und mit ihr den CO2-Ausstoß. Wir werden das Rennen also nur gewinnen, wenn technologische Innovationen zum Treiber der Dekarbonisierung der Wirtschaft werden. Alternative Energieerzeugung, -distribution und -speicherung, neue Fertigungsverfahren bis hin zu Carbon-Capturing-Technologien stehen alle am Anfang ihrer Bedeutung für die Klimawende. Das Entscheidende ist dabei nicht nur der Umfang der erforderlichen Innovationen, sondern auch die Geschwindigkeit, in der wir diese wirksam umsetzen müssen. Lichtjahre schneller als jegliche großen Industrietransformationen zuvor.

Investitionen für Innovationen
Irgendjemand muss das alles erfinden, konstruieren und global implementieren. Während die letzte Welle an Innovationen vor allem digitale Unternehmen hervorgebracht haben (diese hat Europa weitestgehend verpasst), wird die nächste vermutlich wieder aus dem verarbeitenden Gewerbe, und hier v.a. dem Maschinen- und Anlagenbau kommen. Die nächste Welle gehört damit dem Herzstück des deutschen Mittelstands. Geschätzte 1 Billionen Euro erforderliche Investitionen in die Energiewende sind ja nicht nur Kosten, es sind Umsätze.

Klare Rahmenbedingungen erforderlich
Was wir nun brauchen sind vor allem Rahmenbedingungen, damit der Mittelstand dieses Potenzial auch ausspielen kann. Dies bedeutet staatspolitisch zunächst einmal die Beendigung der ständigen Debatte über die Besteuerung derjenigen, die den Mut zur Innovation aufbringen sollen. Die aus verschiedenen Ecken kolportierte Erhöhung der Erbschaftssteuer oder Einführung der Vermögenssteuer lähmt diejenigen, die das Problem lösen sollen. Vielmehr brauchen wir von Seiten des Staates vor allem drei Rahmenbedingungen für den Mittelstand: (1) Eine solide Finanzpolitik, die die nötige Finanzierungskraft für den erforderlichen Umbau zu einem führenden Innovationsstandort Deutschland schafft, (2) eine mittelstandsorientierte Wettbewerbspolitik, die scharfkantig die Wettbewerbskraft im internationalen Vergleich verbessert und (3) einen starken europäischen Binnenmarkt als Absprungbasis für den deutschen Mittelstand. Wenn wir diese Themenkomplexe mutig angehen, bleibt der deutsche Mittelstand nicht nur weiterhin das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, sondern bleibt auch der Lieferant für die Grundlagen sozialen Friedens.

Die Rolle der Versicherungsbranche
Und die Versicherungsindustrie? Die Versicherungsindustrie ist seit jeher ein Schmelztiegel großer gesellschaftlicher und ökonomischer Transformationen, denn sie deckt die Risiken, die mit diesen Veränderungen verbunden sind. Die sich abzeichnenden Transformationen sind nicht nur fundamental, sie sind vor allem stark vernetzt. Dies stellt den Mittelstand vor Herausforderungen. Die Komplexität der Risiken, beispielsweise durch komplexere globale Zusammenhänge, den rasanten Anstieg von Cybergefahren, die Konsequenzen der  Energiewende sind schwer zu durchdringen.

Dabei geht es immer weniger nur um Deckung der Risiken, vielmehr geht es um die analytische Durchdringung von Risikostrukturen und zunehmend auch die Vermeidung und Mitigation des Risikoeintritts. Das Spektrum für Versicherer wird damit viel größer. Um dies zu ermöglichen, werden sich die Partnerschaften zwischen Unternehmen, Industriemaklern und Versicherern vertiefen. Sie werden so zu einer Art Verteidigungslinie für die Konzentration auf Innovationen und Märkte. Dafür müssen die Versicherer nicht nur risikoanalytische Kompetenz aufweisen, sie müssen Mittelstand verstehen und langfristig denken. Deshalb verstehen wir die Gothaer als Unternehmer-Unternehmen. Entstanden aus dem Zusammenschluss aus Unternehmern, für Unternehmer. Bis heute eine tiefgründig spürbare DNA.

 

Was wir nun brauchen sind vor allem Rahmenbedingungen, damit der Mittelstand sein Potenzial auch ausspielen kann.

 

Oliver Schoeller, Vorstandsvorsitzender des Gothaer Konzerns

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Versicherung“ erschienen.

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