Der Markt war ziemlich verschlafen


Der Markt war ziemlich verschlafen

Interview mit Roman Rittweger, Vorstandsvorsitzender der privaten Krankenversicherung ottonova

Der Chef der ersten rein digitalen Krankenversicherung sieht den Wettbewerb der Systeme und innerhalb des Systems als Treiber für Innovationen, die letztendlich allen Patienten zugutekommen. 

Sie sind als erster rein digitaler Versicherer in den schwierigen Markt der privaten Krankenversicherer eingestiegen. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Insgesamt sind wir sehr zufrieden! Wir haben aber auch gelernt, dass es mehr Zeit braucht, einen neuen digitalen, Spieler im Markt zu platzieren als wir zunächst gedacht haben.

Gleichzeitig haben sich uns aber viel mehr Möglichkeiten eröffnet als geplant war, neben dem Knowhow, das wir selbst mitgebracht haben, konnten wir auch im direkten Austausch mit unseren Kunden viel lernen und so stetig unsere Leistungen anpassen und verbessern.

Brauchte denn der Krankenversicherungsmarkt mehr Wettbewerb?

Ja, unbedingt, der Markt war ehrlich gesagt ziemlich verschlafen und ohne jetzt überheblich klingen zu wollen, hat es schon zu ein wenig Bewegung in der Branche geführt, dass hier nun ein neues Unternehmen den Wettbewerb ein wenig ankurbelt. Wir haben die weitaus zufriedensten Kunden, jetzt werden alle anderen auch ein bisschen besser und das kommt am Ende vor allem den Versicherten zugute, erstmal auch unabhängig bei welchem Unternehmen.

Inwieweit hat die Corona-Pandemie nach Ihrer Einschätzung die Digitalisierung im Gesundheitswesen und bei den privaten Krankenversicherungen beschleunigt?

Natürlich hat sich die Pandemie auf alle Bereiche ausgewirkt, das Thema „Gesundheit“ hat deutlich an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen. Vieles mussten in der Krise angepasst oder ganz neu entwickelt werden. Herausgekommen sind hier allerdings vor allem monolithische (also auf eine Anwendung hin entwickelte) Tools wie beispielsweise die Corona-Warn-App oder der digitale Impfausweis. Wir als digitaler Versicherer haben jedoch von Anfang an mit unserer App ein offenes System entwickelt, in das neue Funktionalitäten flexibel integriert werden können. Wir sind hier also schon einen Schritt weiter, den andere erst noch gehen müssen, auch unabhängig von Covid-19.

Inwieweit verbessert diese Digitalisierung die Qualität der Patientenversorgung?

Einerseits erhöht die Digitalisierung einzelner Prozesse wie der Bearbeitung von Schadenfällen die Effizienz, reduziert Zeit und Kosten. Andererseits helfen neue Anwendungen wie Telemedizin, die Versorgung signifikant zu verbessern. Wir können mit unseren Anwendungen Bearbeitungszeiten deutlich reduzieren, unsere Kunden damit viel schneller und direkter beraten. Nehmen Sie zum Beispiel unseren “Concierge Service”, dieser hilft ganz persönlich und unkompliziert die beste zur Verfügung stehende Behandlung zu finden und verbessert so die Versorgung.

Wo sehen Sie die Zukunft der privaten Krankenversicherung?

Es zeigt sich, dass sich hier gerade so etwas wie ein Wettbewerbswandel vollzieht. Wettbewerb ist da immer gut, da er am Ende bessere Bedingungen für die Versicherten schafft. Wichtig ist allerdings, dass dieser Wettbewerb auch fair ist. Nur dann kann sich ein System behaupten und Innovationen werden beschleunigt. Wir haben im Wahlkampf zur letzten Bundestagswahl auch häufig die Diskussion um Reformen der Krankenversicherung – Stichwort Bürgerversicherung – gesehen. Hier könnten wir in Zukunft sicher die ein oder andere Änderung erleben.  Dadurch, dass wir als ottonova von Grund auf digital gestartet sind, sehen wir uns und unsere Produkte aber gut für die Zukunft gerüstet, wie auch immer diese dann konkret aussehen wird.

Inwieweit erwarten Sie, dass sich durch ein duales Versicherungssystem die Qualität der medizinischen Versorgung weiter verbessert?

Ja, als Private Krankenversicherung glauben wir auf jeden Fall daran, dafür sorgt der Wettbewerb zwischen den Systemen und wie ja bereits gesagt bedingt dieser Wettbewerb die Innovation, die am Ende allen Versicherten zugutekommt. Mercedes hat das ABS zum Beispiel erst für die S-Klasse entwickelt, bevor es dann in allen Baureihen zum Einsatz kam. Heute nutzen es alle Hersteller zur besseren Sicherheit der Fahrzeuge.

Was sind Ihre Wünsche an die Versicherungspolitik einer neuen Bundesregierung?

In aller Kürze? Mehr Wettbewerb zwischen den Systemen und in den Systemen. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Angebot viel mehr Menschen erreichen könnten, wenn wir andere Möglichkeiten bekämen. Das würde mittel- und langfristig zu mehr Innovationen und einer besseren Ressourcenverwendung im Gesundheitswesen führen, damit auch die gesetzliche Krankenversicherung entlasten und so der Allgemeinheit einen Mehrwert generieren.

Die Fragen stellte Sabine Haupt