Blockchain in der Versicherungswirtschaft


Blockchain in der Versicherungswirtschaft

Blockchain in der smarten Datenwirtschaft, geht das? Es geht, und zwar richtig. Das zeigt die Initiative „Smarte Datenwirtschaft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, die acht Projekte fördert, die heute schon auf Blockchain-Technologie setzen. Dieser Wandel setzt sich verstärkt bei InsurTechs fort. Immer mehr Start-ups erkennen die erheblichen Vorteile des Einsatzes dieser disruptiven Technologie im Wettbewerb um den individuell denkenden Kunden von heute. Sie wollen damit nicht weniger als den Markt revolutionieren. Doch was bedeutet das für den zukünftigen Versicherungsmarkt und den Einsatz der Blockchain-Technologie im eigenen Unternehmen? Was kann die Technologie und wo lassen sich ihre Potenziale in der Versicherungsbranche möglichst voll ausspielen? Ein Überblick.

Die Blockchain ist wohl eine der am häufigsten diskutierten Technologien der vergangenen Monate. Dafür sorgt unter anderem die Nutzung für Kryptowährungen oder bei Wertanlagen mittels Non-Fungible Token (NFT). Diese beiden Use Cases zeigen das enorme Potenzial dieser Technologie. Aber genau darin liegt auch die Herausforderung, nicht zuletzt mit Blick auf die Versicherungsbranche. Denn es ist nicht offensichtlich, wie die Technologie ihr großes Potenzial ausspielen kann. Und auf einen allzu großen Erfahrungsschatz kann aktuell noch nicht zurückgegriffen werden.

Dennoch gibt es bereits heute vielversprechende Ansätze und Prototypen, die eindrucksvoll zeigen, wie die Blockchain in der „freien Wildbahn“ agiert und welche Vorteile sie mit sich bringt.

Kollaboration ist der Schlüssel

Bei der Blockchain handelt es sich um eine Technologie, die unterschiedliche Teilnehmer zum gleichen Zeitpunkt mit validierten Informationen versorgt und damit volle Transparenz in einem Netzwerk schafft. Das macht Kollaborationsprozesse, bei denen mehrere Unternehmen Daten und Informationen austauschen, zu prädestinierten Anwendungsfällen. In Bereichen wie dem Dienstleistungsmanagement, dem Abrechnungsprozess oder sogar im Produktmanagement kann die Technologie ihre Stärken ausspielen.

Verständnisfragen

So ist es immer wieder eine Herausforderung, wenn mehrere Unternehmen mit unterschiedlichen IT-Landschaften untereinander kommunizieren wollen. Ein klassisches Beispiel sind die Abrechnungen im Führungs- und Beteiligungsgeschäft (FuB) von Industrieversicherern. Hierbei schließen sich mehrere Versicherer zu einem Konsortium zusammen, um Risiken gemeinsam abzusichern. Bei sämtlichen Prämien- und Schadenzahlungen werden Abrechnungsdaten innerhalb des Konsortiums ausgetauscht. Solange die jeweiligen IT-Systeme die gleiche Sprache sprechen, ist das kein Problem. Dies ist aber aufgrund fachlicher und technischer Gegebenheiten häufig nicht der Fall. Dann fängt das Dolmetschen an. In der Konsequenz versteht jeder die Sachlage ein wenig anders. Dieses „ein wenig anders“ kostet die deutsche Versicherungsbranche jährlich einen Millionenbetrag.

Erhebliche Prozessvereinfachung

Mittels Blockchain lässt sich ein gemeinsamer Kommunikationskanal schaffen, über den jeder Teilnehmer des Konsortiums die Abrechnungsdaten in einem verständlichen Format, in Echtzeit und vor allem digital erhält. In der Folge können automatisierte Prozesse entstehen oder Rücksprachen im Einzelfall digital abgewickelt werden. Durch einen zusätzlichen Einsatz von Geschäftsprozesslogiken lassen sich dann sogar die teuren Transaktionen auf ein Minimum reduzieren. Der E-Mail-, Fax- oder Excel-Weitwurf hätte dann ein Ende.

[BU:] Aktuell sieht die Banken- und Versicherungsbranche die Blockchain vor allem als Möglichkeit, Kosten zu senken und bestehende Produkte anzupassen.

Eröffnung neuer Produktwelten

Ein weiterer potenzieller Nutznießer des Blockchain-Potenzials ist das bereits angesprochene Produktmanagement. Die verstärkte Durchdringung des Versicherungsmarkts durch FinTechs mit ihren Innovationen und smarten Versicherungsprodukten hat zur Entwicklung der Embedded Insurance geführt. Dabei schließen sich Versicherungsunternehmen aller Art zusammen, um einmalige Produkte auf dem Markt anzubieten, die die individuellen Bedürfnisse heutiger Versicherungsnehmer befriedigen. Als Resultat umfasst ein solches Produkt unterschiedliche Dienstleistungen, was wieder entsprechende Kollaborationen bedingt. Diese Unternehmen kommunizieren dann miteinander über Datenströme. Technische Schnittstellen müssen daher auf das jeweilige Partnerunternehmen abgestimmt werden. Und das erzeugt erhebliche Aufwände.

Neue Partner schnell anbinden

Der Einsatz von Blockchain-Technologie kann diese Aufwände signifikant reduzieren. Denn ein neues Partnerunternehmen kann einem Netzwerk jederzeit beitreten und erhält sofort alle dort hinterlegten und für die eigenen Aufgaben wichtigen Informationen. Für den Datenschutz sorgen passende Berechtigungen und Sichtbarkeitseinstellungen, damit jeder nur das sehen kann, was er auch sehen soll. Dadurch ist es mit wenig Aufwand möglich, weitere Partnerunternehmen in ein Netzwerk aufzunehmen und so individuelle und attraktive Versicherungsprodukte zu kreieren.

Fazit

Aktuell ist die tatsächliche Blockchain-Nutzung in der Versicherungswirtschaft noch überschaubar. Aber die Branche sollte sich jetzt intensiver mit dieser Technologie beschäftigen. Denn durch den effizienteren Informationsaustausch in einem bestehenden Netzwerk verändert sich die Zusammenarbeit zwischen den Kommunikationspartnern grundlegend. Neue, schlanke Geschäftsprozesse sind denkbar, es lassen sich neue Märkte erschließen und Prozesskosten reduzieren.

Daher sollte der Hype um die Technologie nicht den Blick für die vielen Einsatzmöglichkeiten in der Versicherungsbranche verstellen. Der Fokus sollte auf der Absicht liegen, eigene Prozesse effizienter zu gestalten und ganze neue Versicherungsprodukte zu schaffen.

[Autorenhinweis] Stan Patzschke ist Manager bei der PPI AG und Blockchain-Experte.