Lessons Learned aus der Corona-Krise


von Christopher Seagon

Die COVID 19-Pandemie hat ab März 2020 un­sere Wirtschaft vor gänzlich neue Herausfor­derungen gestellt. Der Lockdown hat vieler­orts das Tagesgeschäft heruntergefahren und existenzbedrohende Umsatz- und Liquidi­tätseinbußen verursacht. Um diese abzumildern, hat die Politik rasch reagiert und eine Vielzahl rechtlicher und wirtschaftlicher Maßnahmen umgesetzt, nicht zuletzt den erleichterten Zugang zu Kurzarbeitergeld, Finanzie­rungshilfen durch die KfW und den WSF sowie das Ge­setz zur vorübergehenden Aussetzung der Insolvenzan­tragspflicht und zur Begrenzung der Organhaftung bei einer durch die COVID 19-Pandemie bedingten Insolvenz (COVInsAG). Dass die allesamt befristeten Staatshilfen nicht ausreichen, stellt sich nun immer mehr heraus.

Mittlerweile wurden die COVID-bedingten Kontakt­verbote gelockert, was jedoch keinen Anlass zu verfrüh­ter Entwarnung gibt. Die konsequente Anpassung des Geschäftsmodells entwickelt sich zur kardinalen Pflicht der Geschäftsleitung. Mit anderen Worten: Restrukturie­rung ist überall und bleibt oberstes Gebot. Was lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen ableiten?

Aussetzung der Insolvenzantragspflicht in der Praxis

Zunächst fallen die öffentliche Wahrnehmung der Wir­kungen des COVInsAG und die tatsächliche Rechtslage merklich auseinander. So wurde vielfach berichtet, die Insolvenzantragspflicht wäre (pauschal) bis September ausgesetzt worden.

Tatsächlich gilt die Aussetzung unter anderem nur, wenn die Insolvenzreife auf der COVID 19-Pandemie be­ruht. Lässt sich also z.B. nachweisen, dass ein Unterneh­men bereits vor Ausbruch der Pandemie insolvenzrecht­lich überschuldet war, so befreit das COVInsAG nicht von der Insolvenzantragspflicht.

Ferner finden auch die Folgen der Aussetzung in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung. Den wenigsten Geschäftsführern scheint bekannt, dass sie bei Insolvenz­reife und trotz Aussetzung der Insolvenzantragspflicht nur noch solche Zahlungen leisten dürfen, die im sog. „ordnungsgemäßen Geschäftsgang“ erfolgen, und andern­falls ein persönliches Haftungsrisiko mit sich bringen. So sollen beispielsweise Zahlungen an Gesellschafter nicht dem ordnungsgemäßen Geschäftsgang entsprechen, was gerade in Konzernsachverhalten viele kritische Fragen aufwirft.

Bedeutung ordnungsgemäßer Liquiditätsplanung

Der Grundstein unternehmerischen Krisenmanagements in der Pandemie ist eine konsequente Liquiditätsplanung auf Basis realistischer Annahmen. Kommt es zu COVID-bedingten Umsatzeinbrüchen, müssen die Effekte auf Erlös und Aufwand sehr stringent geplant und realisti­sche Finanzierungshilfen eingerechnet werden. Durch einen ständigen Plan-Ist-Abgleich muss die Entwicklung der Liquidität und die Wirksamkeit der eingeleiteten Maßnahmen überwacht und justiert werden. So kann das vielzitierte „Fahren auf Sicht“ gelingen.

Die Erfahrung der vergangenen Monate zeigt, dass selbst in krisenbefangenen Unternehmen oftmals nur eine 13-Wochen-Planung der Liquidität vorhanden ist, was deutlich zu kurz greift. Um zu beurteilen, ob ein Un­ternehmen angesichts COVID-bedingter Umsatzeinbu­ßen, gegenlaufender Finanzierungsmaßnahmen und der weiteren, operativen Sanierungsmaßnahmen nachhal­tig durchfinanziert ist, wird es in der Regel einer Liqui­ditätsplanung für das laufende und folgende Geschäfts­jahr bedürfen.

Ferner werden oftmals die einer Liquiditätsplanung zugrundeliegenden Annahmen nicht hinreichend doku­mentiert. Insbesondere wenn in der Liquiditätsplanung Sondermaßnahmen wie z.B. KfW-Kredite abgebildet wer­den, muss zum Schutze der Geschäftsleitung dokumen­tiert werden, wieso sie zum Planungszeitpunkt mit über­wiegender Wahrscheinlichkeit mit diesen Einzahlungen rechnen konnte.

Zuletzt wird eine Planung außerhalb der Krise gewöhn­lich für Geschäftsbereiche oder Business Units vorgenom­men. In der Krise verstellt dies jedoch den Blick auf die gesetzlich geforderte Betrachtung des einzelnen Rechts­trägers. Nur die Planung für jede einzelne Gesellschaft kann die Frage beantworten, ob die Geschäftsleiter in der Krise ihren insolvenzrechtlichen Pflichten nachkom­men, die wie vorausgeführt durch das COVInsAG nicht vollständig aufgehoben wurden.

Ausblick

Diese Erkenntnisse bleiben auch deswegen von Bedeu­tung, weil der Bundestag noch im September über ein Gesetz entscheiden wird, das den zeitlichen Geltungsbereich des COVInsAG für überschuldete Unternehmen bis zum 31.12.2020 verlängert. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht und schon gar nicht eine Rückkehr zu alter Wirtschaftsnormalität. Im Gegenteil: Wer (a) sein Geschäftsmodell planerisch anpasst, (b) dies konsequent umsetzt und dabei (c) seine (Finanz-)Ressourcen konse­quent plant, bleibt über Wasser. Klingt trivial, die Reali­tät zeigt aber, dass es harte Sanierungsarbeit ist, die fast jeden Industriezweig trifft.

Quelle: Sonderveröffentlichung zum Thema „RESTRUKTURIERUNG, SANIERUNG & INSOLVENZ“ | September 2020 HandelsblattJournal