Digitalisierung als Standortchance


Es gibt derzeit wohl keinen Begriff, der sowohl mit Erwartungen als auch Befürchtungen so aufgeladen ist wie jener der Digitalisierung. Im voestalpine-Konzern beschäftigen wir uns – wie viele andere Unternehmen auch – schon seit Jahren intensiv mit diesem Thema, wenngleich nicht immer zwingend unter diesem Titel.

Faktum ist allerdings, dass sich unser Unternehmen nicht zuletzt dank der neuen digitalen Möglichkeiten vom regionalen europäischen Stahlhersteller zum internationalen Technologiekonzern gewandelt hat. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Prozess bislang: Digitalisierung bedeutet harte Arbeit. Sie passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist ein evolutionärer Prozess, der alle Ebenen des Unternehmens betrifft – und sie ist nicht Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck. Richtig verstandene Digitalisierung gefährdet Arbeitsplätze nicht sondern sichert sie und stärkt den Wirtschaftsstandort. Was es dafür in Zukunft braucht, ist eine gemeinsame Anstrengung von Unternehmen, Arbeitnehmern und Politik auf europäischer Ebene, die technischen wie gesellschaftlichen Voraussetzungen für den immer rascher voranschreitenden digitalen Wandel zu schaffen.

Der Mensch als Maß aller Dinge

Was wir heute unter Digitalisierung verstehen, ist letztlich die logische Fortführung jahrzehntelanger Bestrebungen zur Automatisierung in der Produktion aber auch in der Administration mit neuen, sophistischeren Werkzeugen. Die Digitalisierung umfasst aber auch die Erweiterung der geschäftlichen Möglichkeiten durch intensivere Vernetzung mit Kunden und Lieferanten und damit völlig neue Formen wechselseitiger Interaktion. Der Faktor Mensch spielt dabei – entgegen der weitläufigen Meinung – weiterhin eine, ja die zentrale Rolle: Es sind nicht nur Menschen, die Innovationen vorantreiben, sondern sie sind es auch, die die neuen Technologien im täglichen (Arbeits-) Leben immer noch einsetzen und steuern. Selbst in der Produktion werden Menschen in Zukunft nicht ersetzbar sein – ihre Rolle verändert sich allerdings. Während manuelle Arbeit heute immer mehr in den „Händen“ von Robotern oder Maschinen liegt, nimmt der Bedarf an wissenden, hochqualifizierten Menschen für die Prozessentwicklung, -überwachung und -steuerung gleichermaßen wie für die Produktentwicklung rasant zu.

Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren beschäftigt die (verarbeitende) Industrie heute nur noch wenige gering qualifizierte Menschen. Dies ist einerseits Ausdruck des permanent wachsenden Automatisierungsgrades und andererseits des damit zwangsläufig verbundenen, steigenden Anspruches an das Fachwissen der Mitarbeiter. Lebenslanges Lernen ist daher längst kein bloßes Schlagwort mehr, sondern Voraussetzung für die Erhaltung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und damit einer beschäftigungswirksamen Industrie auf zukunftssicherer Basis. Gleichzeitig eröffnen sich auf diesem Wege aber auch laufend neue, spannende Aufgabengebiete und Jobprofile.

Digitalisierung – Pflicht und Kür

Die digitale Transformation betrifft sämtliche Funktionen des Unternehmens – von der Produktion über Vertrieb und Einkauf zum Personalmanagement und der Kooperation mit Geschäftspartnern. Kein Produkt und kein Prozess bleibt letztlich ausgespart. Im Grunde geht es dabei immer um dieselben Fragen: Wie können Erfassung, Vernetzung und Analyse von Daten durch immer bessere digitale Tools unsere Prozesse noch effizienter, kostengünstiger, ökologischer, sicherer und dabei – genauso wie die durch sie entstehenden Produkte – qualitativ immer hochwertiger machen?

Bei vielen der damit verbundenen Aufgabenstellungen mag es reichen, am Markt erhältliche IT-Lösungen auszuwählen, sie an die eigenen Erfordernisse anzupassen und in der Organisation auszurollen. Das ist allerdings nur die Pflicht. Die eigentliche Herausforderung ist, die Kernprozesse des Unternehmens auf eine eigene, umfassende digitale Basis zu stellen und sie damit vielfach völlig neu zu denken. Dafür gibt es keine vorgefertigten Antworten – und da beginnt die Kür.

Diese wirkliche, weil umfassende digitale Transformation in einem internationalen, über Jahrzehnte gewachsenen Konzern umzusetzen, ist ein wenig so, wie einen in die Jahre gekommenen Dampfer auf hoher See bei voller Fahrt in einen modernen Luxusliner umzubauen. Ein Manöver, das uns bei voestalpine in seinen bisherigen Ansätzen – trotz gelegentlichen Gegenwinds – durchaus gelungen ist.

Die richtige Einstellung und eine große Portion Mut

Jedem, der wirtschaftliche Verantwortung im weitesten Sinne trägt, sollte bewusst sein, dass dieser fundamentale Umbau unserer industriellen Prozesse und Systeme kein Enddatum trägt – die technologische Entwicklung wird vielmehr weiter an Dynamik gewinnen. Sich ihr bewusst zu stellen bedarf einer großen Portion an Mut, geht es doch heute noch vielfach um unternehmerisches Neuland, gesteuert gleichsam von digitalen Händen. Dass letztlich auch hier der Mensch den Ton vorgibt ist nicht immer ganz leicht nachvollziehbar – steigende Berührungsängste liegen damit auf der Hand.

Und es braucht Mut auch von der europäischen Politik. Sie muss Europa und seine Rahmenbedingungen ausreichend attraktiv gestalten, um der Wirtschaft auch jene wissenschaftlichen Partner zu ermöglichen, die den Innovationstransfer von der Theorie in die Praxis bestmöglich unterstützen und vorantreiben. Darüber hinaus ist die Politik aber auch gefragt, Bildungsangebote – und zwar für alle Altersklassen – zu schaffen, die über die Vermittlung von bloßen Anwendungskenntnissen hinaus reichen müssen. Auf technischer Ebene liegt die Zukunft zweifellos in der Vernetzung – unser Bildungssystem ist aber noch weit davon entfernt, vernetztes Denken wirklich zu fördern.

Letztlich muss uns allen bewusst sein, dass Digitalisierung kein Thema ist, das sich nur auf die Arbeitswelt beschränkt, sondern eines, das gesamtgesellschaftliche Konzepte und ein Umdenken in vielen Lebensbereichen erfordern wird.

Dr. Wolfgang Eder
Vorstandsvorsitzender
voestalpine AG

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Die Zukunft der Industrie“, das Sie hier erhalten können.

 

 


 

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