Die Zukunft der Industrie


von Sigmar Gabriel

Es gibt eine Renaissance industrieller Wertschöpfung. Der Traum der Dienstleistungsgesellschaft ist für viele zu einem Alptraum geworden. Denn viele Jobs in der Dienstleistungsgesellschaft sind schlecht bezahlt, haben geringe Qualifikations- und Aufstiegschancen, vermitteln kaum Qualifikationen und bieten nur wenig Einkommens und Arbeitsplatzsicherheit.

Die Industrie dagegen ist immer noch der heiße Kern unserer Volkswirtschaft: Innovationen, Einkommen, soziale Sicherheit und ein gewachsenes Modell gemeinsamer Verantwortung von Gewerkschaften und Unternehmen, die aus dem früher scheinbar unversöhnlichen Klassenkonflikt das Modell einer sozialen Marktwirtschaft haben entstehen lassen.

Deutschland ist mit seinen rund 23 Prozent industrieller Wertschöpfung am BIP und seinen europaweit höchsten Innovationsausgaben ein Beweis dafür, dass industrielle Wertschöpfung Zukunft hat. Addiert man die hochwertigen industrienahen Dienstleistungen hinzu, ohne die industrielle Fertigung nicht existieren würde, steht die Industrie in Deutschland für ca. 40 Prozent unseres Wohlstandes.

Wahr ist aber auch: Dieses Modell gerät unter Druck. Durch eine globale datengetriebene Ökonomie, Digitalisierung aller Wirtschafts- und Lebensbereiche und eine zunehmend restriktive Handelspolitik. Die Digitalisierung wirft die Frage auf, wo zukünftig die höhere Wertschöpfung erfolgt: auf der Ebene der Plattformen oder in der realen Produktion. In der Globalisierung müssen Deutschland und Europäische Union ihren Platz in der Triade USA, China und Europa unter völlig neuen Bedingungen behaupten. Die USA fordern uns heraus durch Digitalmonopole und Handelssanktionen, welche die amerikanische Industrie wieder wettbewerbsfähig machen sollen. Und die nationalstaatlich formierte globale chinesische Industriestrategie zeigt uns, wozu eine staatlich gelenkte Industriepolitik in der Lage ist: zu massiven Investitionen in Wissenschaft, Forschung, Technologie und Infrastruktur, einer sehr robusten Sicherung von strategischen Rohstoff en für die Schlüsselindustrien der Zukunft (u.a. KI, Telekommunikation, Cloud Computing, 3-D-Druck, 5 G, E-Mobilität), sowie strategische Übernahmen und Kooperationszwang ausländischer Unternehmen auf dem chinesischen Markt.

Deutschland und Europa dagegen warten ab oder ergehen sich in ordnungspolitischen Grundsatzdebatten. Während China seine Schienenfahrzeugindustrie zu einem globalen Giganten zusammenschließt und auch auf den europäischen Markt drängt, behindern Europas Wettbewerbshüter die Bildung eines leistungsfähigen europäischen Wettbewerbers, der mit den Größenordnungen chinesischer Anbieter mithalten kann. Und wo in China und den USA mittels staatlicher Subventionen die elektrischen Antriebe der Automobilindustrie entwickelt werden, wird aus dem Anbieter-Markt für automobile Technologien Schritt für Schritt ein Nachfrager-Markt. Statt den Kern unseres industrielle Wohlstandsmodells – die Automobilindustrie – zu verteidigen, scheinen wir uns in einer seltsam weltfremden Mischung aus Schadenfreude, Sorglosigkeit und Überheblichkeit geradezu manisch dem Untergang dieses Erfolgsmodells zu widmen.

Deutschland braucht mehr Klarheit in seiner politischen und öff entlichen Debatte, wovon unser Wohlstand eigentlich abhängt. Und wir brauchen finanzielle Prioritäten, die dem gerecht werden. Schließlich benötigt Europa eine industriepolitische Leitstrategie über die Grenzen seiner Mitgliedsstaaten hinaus und muss Impulsgeber eines kooperativen Multilateralismus in der Handels-, Nachhaltigkeits- und Entwicklungspolitik werden. Nur so können wir unsere Position in der Welt sichern.

Ausgangspunkt muss eine europäische industriepolitische Kernstrategie sein für Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Informations- und Kommunikationstechnologien, E-Mobilität und Energietechnologien. Dabei muss sich Europa von den Begrenzungen seines teilweise absurden Beihilferegimes verabschieden. Denn es schaff t nicht mehr Wettbewerb, sondern blockiert die notwendigen Zukunftsinvestitionen und Innovationen, die uns helfen, unseren Wettbewerbern weiterhin einen Schritt voraus zu sein.

„ Deutschland braucht mehr Klarheit in seiner politischen und öffentlichen Debatte, wovon unser Wohlstand eigentlich abhängt. […] Nur so können wir unsere Position in der Welt sichern. “

Sigmar GabrielSigmar Gabriel
Bundesminister a.D.

HB JournalDieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Die Zukunft der Industrie“, das Sie hier erhalten können.